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Volkswagen

17.04.2015

Piëch und Winterkorn - der Alte und der Chef

In der öffentlichen Wahrnehmung passte bisher kein Blatt zwischen Piëch (r) und seinen «Ziehsohn» Winterkorn. Doch nun ist ein interner Machtkampf ausgebrochen.
Bild: Julian Stratenschulte/Archiv (dpa)

Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn sind sich in ihrer Technikverliebtheit und in ihrem Streben nach Qualität ähnlich. Dennoch herrscht ein Konflikt zwischen den Volkswagenführern.

Ein Perfektionist kann es einem Perfektionisten schwer verzeihen, wenn er nicht mehr perfekt ist. Und das, obwohl Psychologen in unserer immer radikaler auf Effizienz getrimmten Arbeitswelt Beschäftigten empfehlen, öfter einen Gang runter zu schalten. Der Autor Jürgen Schaefer wirbt in seinem Buch „Lob des Irrtums“ sogar dafür, dass es ohne Fehler keinen Fortschritt gebe. Das wäre eine interessante Lektüre für die Volkswagen-Männer Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn, beides hoffnungslose Extrem-Perfektionisten. Das Vernarrtsein der VW-Manager in Technik, Qualität und Erfolg hilft zu verstehen, warum der eine (Piëch) offen auf Konfrontation zum anderen (Winterkorn) gegangen ist.

Piëchs Biograf, sein österreichischer Landsmann Wolfgang Fürweger, schreibt, Mitarbeiter würden den Volkswagen-Aufsichtsrats-Chef als „Qualitätsfanatiker“ bezeichnen. Das wird der „Alte“, wie Piëch im Volkswagen-Kosmos oft bezeichnet wird, durchaus als Lob betrachten. Dass ihn manche „Spaltmaß-Fetischist“ und das österreichische Blatt Kronen Zeitung respektlos „Fugen-Ferdl“ nennen, behagt dem Enkel Ferdinand Porsches sicher weniger. Piëch, der heute 78 Jahre wird, gilt als leicht reizbar.

Piëch und Winterkorn gelten als Perfektionisten

Mit den Fugen hat es eine besondere Bewandtnis, wie Fürweger in seinem Buch „Der Automanager des Jahrhunderts“ berichten kann. So sei Piëch erst zufrieden gewesen, wenn etwa die Spaltenbreite bei Autotüren drei Millimeter erreicht habe. Der Auto-Freak kennt sich in kleinsten technischen Details aus und soll mit dieser Schrauben-Mentalität durch immer neue Nachfragen manchen Mitarbeiter gequält – oder wie es im Österreichischen heißt – sekkiert haben. Das macht einen im Kreise Untergebener nicht unbedingt zum Chef-Sympathen.

Dabei darf man sich Piëch in all seinem Perfektionismus nicht als gefühllosen Techniker vorstellen. Der einstige VW-Manager Daniel Goeudevert, ein ausgewiesener Quer-Denker, attestierte ihm ein „erotisches Verhältnis“ zu Autos: „Er mag sie mehr als alles andere.“ Getragen von dieser Leidenschaft rettete Piëch einst in den 90er-Jahren Volkswagen. Zuvor hatte er die VW-Tochter Audi auf die Spur zu einem ebenbürtigen Konkurrenten für Mercedes und BMW gesetzt.

In Martin Winterkorn fand „Mister Volkswagen“ früh einen seelenverwandten, ebenso akribisch wie er strukturierten Charakter. Der Baden-Württemberger kam 1981 zu Audi und wurde dort von Piëch 1988 zum Leiter des Bereichs „Zentrale Qualitätssicherung“ berufen.

Zwei Technik-Nerds, wie Amerikaner solche unermüdlichen, aber auch ein wenig kauzigen Tüftler-Typen nennen, hatten sich gefunden. Winterkorn setzte Piëchs Ideen im Detail um und stieg als Belohnung später selbst als nüchterner, sparsamer und machtbewusster Manager zum Audi- und dann VW-Chef auf. Ein kantiger Typ, mit einem großen Kopf, breiten Schultern und einem jovialen Lächeln.

Doch wehe die Qualität stimmt nicht! Dann kann der sonst umgängliche „WiKo“, wie er genannt wird, ätzende Bemerkungen loslassen. Legendär ist ein auf dem Online-Kanal Youtube zu bestaunendes Video, das Winterkorn zeigt, wie er auf einer Automesse ein neues Hyundai-Fahrzeug analysiert. „WiKo“ setzt sich mit finsterer Miene im Zweireiher-Anzug in den Kleinwagen, ruft einen Untergebenen herbei, zeigt empört auf das Lenkrad und sagt im breiten Schwäbisch: „Da scheppert nix.“ Dann meint er noch entrüsteter: „Warum kann’s der? BMW kann’s nicht! Wir können’s nicht!“ Der Untergebene entgegnet nun: „Wir hatten ja mal eine Lösung gehabt, aber die war zu teuer.“ Winterkorn insistiert jetzt etwas lauter: „Warum kann’ s der?“

Machtkampf zwischen Vorstand und Aufsichtsratchef

Diese bohrenden, auf Perfektion bedachten Nachfragen, sind ganz im Sinne des „Alten“. So wünscht er sich seinen Winterkorn, der intern „der Chef“ heißt. Und so schätzte Piëch ihn über Jahrzehnte, bis der andere Perfektionist aus seiner Sicht mit auch schon 67 Jahren nicht mehr so perfekt war und sich trotz großer Erfolge die ein oder andere Schwachstelle erlaubt hat. Vor allem die magere Rendite der VW-Kernmarke von nur 2,5 statt der anvisierten sechs Prozent und das nach wie vor unbefriedigende Geschäft in den USA mit falschen, weil zu kleinen Autos für den Markt muss Piëch als VW-Oberperfektionist fuchsen. Wohl deshalb will er verhindern, dass Winterkorn nach dem Auslaufen seines Vorstandsvertrages Ende 2016 an die Spitze des Aufsichtsrats rückt und ihn in dieser Funktion beerbt. Einen so perfekten Abgang scheint Piëch Winterkorn nicht mehr zu gönnen.

So kam es zum Machtkampf. So versuchten nun die Spitzen des Volkswagen-Aufsichtsrates bei einem Treffen im Raum Salzburg eine Lösung zu finden, die es dem „Alten“ und dem „Chef“ ermöglicht, ihre Gesichter zu wahren. Ob am Ende wie meist in der Vergangenheit, Piëch gewinnt, ist offen. Einen größeren Produktivitäts-Fanatiker als Winterkorn wird er nur schwer finden. Der Noch-Volkswagen–Chef soll selbst bei Erholungseinheiten auf Effizienz bedacht sein und beim Saunieren durch ein spezielles nanobeschichtetes Fenster in der Tür Fernseh schauen. Die Marotte würde auch prima zu Piëch passen.

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