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Hintergrund

31.01.2013

Reis, Mais und Spekulanten

Die Deutsche Bank ist im Agraggeschäft tätig. Kritiker machen das Institut für Hunger auf der Welt mitverantwortlich.
Bild: Lukas Barth dpa

Die Deutsche Bank gerät wegen ihrer Agrargeschäfte unter Druck. Kritiker glauben, dadurch müssten mehr Menschen hungern.

Auf der Grünen Woche in Berlin, der großen Landwirtschaftsmesse, kündigte Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen an, dass sein Institut weiter Finanzanlagen auf Nahrungsmittel anbiete. Bei Hilfsorganisationen, die sich für die Dritte Welt engagieren, steht das Institut deshalb hart in der Kritik.

Die Deutsche Bank treibe damit die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais, Hirse oder Soja in die Höhe und mache die Grundnahrungsmittel für die Menschen der ärmsten Länder unbezahlbar. „Wer angesichts von fast 900 Millionen hungernden Menschen auf der Welt keinen Unterschied macht, handelt verantwortungslos“, sagt Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Was steckt hinter den Vorwürfen?

Banken sind in der Landwirtschaft tätig: im Kredit- und Termingeschäft

Zunächst sind Bankgeschäfte in der Landwirtschaft nichts ungewöhnliches. Landwirte nutzen Kredite, um zu investieren: in neue Ställe oder Maschinen. Auch die Deutsche Bank mischt hier mit: „Die Kreditfinanzierung von landwirtschaftlichen Betrieben, Handelsunternehmen und Nahrungsmittelproduzenten gehört natürlich zu unserer Geschäftstätigkeit“, schreibt das Institut. Kritisiert wird aber vor allem die Tätigkeit der Bank bei Termingeschäften. Die Logik dieser Geschäfte ist einfach.

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Ein Beispiel: Ein Landwirt sät im Herbst Getreide. Der Preis beträgt zu diesem Zeitpunkt beispielsweise 25 Euro pro Doppelzentner. Damit kalkuliert der Bauer. Doch der Preis kann bis zur Ernte dramatisch fallen. Dann drohen Verluste. Am Warenterminmarkt kann der Landwirt sich jedoch frühzeitig absichern: Er schließt einen Kontrakt mit einem Käufer, dass dieser ihm nach der Ernte einen Teil des Getreides zu einem bestimmten Preis – zum Beispiel jene 25 Euro – abnimmt.

Bauern brauchen jemanden, der Risiko übernimmt

Termingeschäfte ermöglichen Landwirten eine sichere Grundlage an Erlösen, mit denen sie kalkulieren können. Dafür brauchen sie allerdings einen Partner, der sich ebenfalls einen Vorteil erhofft – weil er beispielsweise auf steigende Preise setzt. Der Spekulant kommt ins Spiel. Ohne ihn kommt das Geschäft nicht zustande.

Die Möglichkeit, dass Akteure spekulieren, halten Fachleute nicht für grundsätzlich schlecht: „Generell, aus wissenschaftlicher Sicht, ist Spekulation begrüßenswert“, sagt Professor Thomas Glauben, Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa, der sich mit seinen Kollegen Sören Prehn sowie Ingo Pies und Matthias Will von der Uni Halle-Wittenberg mit den Auswirkungen von Bankgeschäften im Agrarbereich beschäftigt. Die Wissenschaftler sagen: „Landwirte wollen an Warenterminmärkten ihr Preisrisiko absichern, dafür benötigen sie jemanden, der bereit ist, dieses Preisrisiko für sie zu übernehmen.“

Bauernverband: Warenterminmärkte unverzichtbar

Auch der Bayerische Bauernverband hält Warenterminmärkte deshalb für unverzichtbar. Sie seien bereits im Amerika des 19. Jahrhunderts entstanden, sagt Johann Graf, Referent für Risikomanagement. Damals schwankte der Brotpreis im Laufe des Jahres um das Fünffache: Getreide war kurz vor der Ernte sehr teuer, danach sehr billig. Auch deutsche Landwirte nutzen heute die modernen Instrumente der Terminmärkte, bestätigt Graf. Ohne Warenterminmärkte würden sich die Preise nicht so transparent herausbilden, wie es heute der Fall sei. Ein Blick ins Internet zeige den Landwirten heute schnell, was zum Beispiel ein Doppelzentner Weizen wert ist. „Warenterminmärkte sind wichtig für Preisfindung und -absicherung und müssen deshalb erhalten bleiben“, sagt Graf.

Pensionsfonds treiben den Preis nach oben

Kritiker wie die Organisation Foodwatch bestreiten nicht den positiven Effekt der Märkte. Ihre Einwände setzen an neueren Entwicklungen an: „Um die Jahrtausendwende hat eine große Deregulierung stattgefunden“, bemängelt Foodwatch-Sprecher Martin Rücker. Seitdem tummelten sich neue Investoren im Agrarbereich: Pensionsfonds, Indexfonds, Versicherungskonzerne. Ihr Anteil sei inzwischen auf 80 Prozent gestiegen. Das treibe den Preis. Foodwatch fordert deshalb eine stärkere Regulierung: Institutionelle Anleger sollten von den Geschäften ausgeschlossen und die Zahl der Terminkontrakte auf Agrarrohstoffe begrenzt werden. Und Institute wie die Deutsche Bank sollten nachweisen, dass ihre Produkte keinen Schaden anrichten. „Schließlich geht es hier um Hunger, um Leib und Leben“, sagt Rücker.

Zu einem anderen Schluss kommt die Studie von Leibniz-Instituts-Direktor Glauben und seinen Kollegen, die den Einfluss von Indexfonds im Agrarbereich auf die Weltmarktpreise untersucht haben: „Nach jetzigem wissenschaftlichen Kenntnisstand beeinflussen Indexfonds nicht die Preisfindung und sind daher nicht schuld am Hunger in der Dritten Welt“, sagt Glauben. Sein Team hat die Ergebnisse der neuesten wissenschaftlichen Artikel ausgewertet, die sich mit Gütern wie Weizen, Mais, Soja, Schlachtrindern und Schlachtschweinen beschäftigen. Entscheidender für die Preissteigerungen seien realwirtschaftliche Faktoren, sagt Glauben: darunter die Produktion von Biokraftstoffen und der globale Fleischkonsum.

Auf Studien wie diese beruft sich auch die Deutsche Bank.

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