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Interview

13.10.2018

Rossmann-Chef: "Ich weiß, wie es sich anfühlt, kein Geld zu haben"

In seiner Konzernzentrale im niedersächsischen Großburgwedel trifft man den Unternehmer meist in Jeans und Turnschuhen an.
Bild: Sebastian Gollnow, dpa

Plus Drogerie-Pionier Dirk Roßmann gehört er zu den reichsten Deutschen. Ein Gespräch über Erfolg, Niederlagen und einen Herzinfarkt, der alles verändert hat.

Herr Roßmann, Sie sagen von sich, eigentlich seien Sie ziemlich faul. Das müssen Sie erklären: Wie wird man als fauler Mensch zum Milliardär?

Dirk Roßmann: Schauen Sie sich nur mal mein Büro an. Dann sehen Sie, dass ich tatsächlich furchtbar faul bin. Hier lagern Bilder von meinen Enkeln, Geschenke von Freunden. Ich lege alles einfach irgendwo hin. Meine Frau sagt schon lange, sie räumt hier nicht mehr auf. Aber Spaß beiseite, ich bin wahrscheinlich fleißig und faul zugleich.

Trennen Sie die wichtigen von den unwichtigen Aufgaben?

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Roßmann: Ich würde eher sagen: Es gibt Dinge, die machen mir Spaß, und Dinge, die muss ich machen. Und meine Arbeit gehört zu den Aufgaben, die Spaß machen. Wenn ich etwas will, will ich es wirklich. Ich kann dann davon regelrecht besessen sein.

Sind Sie ein Dickkopf?

Roßmann: Man kann es dickköpfig nennen oder aber willensstark. Ich bin manchmal sehr mutig. Das war schon als Kind und als junger Mann so, obwohl ich in anderen Situationen oft sehr ängstlich war.

Mit 18 haben Sie gegen Ihre Einberufung zur Bundeswehr geklagt und sich, als Sie doch hingehen mussten, jedem Befehl widersetzt. Es ging sogar so weit, dass Sie auf einen Baum kletterten und stundenlang nicht herunterkamen. Ängstlich hört sich das nicht an…

Roßmann: Im Rückblick klingt das wie eine lustige Episode, aber für mich war diese Zeit wirklich existenziell und mit Ängsten verbunden. Ich war auch kein Kriegsdienstverweigerer. Ich wäre hingegangen, wenn meine Familie dafür einen finanziellen Ausgleich von 1500 Mark bekommen hätte. Mein Vater war ja tot und ich stand schon mit 16 hinter der Theke in unserer kleinen Drogerie in Hannover. Meine Mutter war gesundheitlich angeschlagen und mein Bruder studierte. Alle, selbst meine Großeltern, lebten von unserem Geschäft. Das war unsere Existenz. Also habe ich gekämpft.

Sie haben sich einen Anwalt genommen und verloren. War da nicht schon alles entschieden?

Roßmann: Wir sind in Revision gegangen, aber das Urteil wäre vielleicht erst anderthalb Jahre später gefallen. Mein Anwalt hat mir geraten, doch zur Bundeswehr zu gehen, weil ich sonst vorbestraft gewesen wäre. Für mich war dann klar: Hingehen muss ich. Aber mitmachen muss ich nicht. Ich habe jeden Befehl verweigert. Danach kam eine schwierige Zeit. Mir wurden die Wochenenden gestrichen, nach einer Zeit sollte ich den Grundwehrdienst wiederholen. Für vier Wochen war ich sogar in der Psychiatrie. Weil der Arzt mir attestierte, dass ich gesund bin, kam ich aber wieder zur Bundeswehr. Und dann bin ich eben auf den Baum geklettert. Am nächsten Tag durfte ich nach Hause.

Ehrlich gesagt klingt das nach einem Leidensweg. Wäre es nicht einfacher gewesen, die Regeln zu befolgen?

Roßmann: Nein. Das war mir einfach ernst. Aus meiner Sicht hat ein Bürger Rechte und Pflichten. Und die Rechte habe ich eingefordert.

Lassen Sie uns kurz auch über die Pflichten reden. Wir haben über ein Porträt von Ihnen einmal die Titelzeile geschrieben: „Der Milliardär, der gerne Steuern zahlt.“ Erkennen Sie sich darin wieder?

Roßmann: Ja und nein. Das habe ich vor zehn Jahren einmal gesagt. Damals, zur Zeit der Finanzmarktkrise, das hätte für uns unabsehbare Folgen haben können. Und da habe ich gesagt, jeder muss seine Steuern zahlen, besonders auch Unternehmen, denn der Staat braucht Geld. Für mich ist es ganz klar, dass jeder seinen Beitrag leistet, natürlich im Rahmen seines eigenen Gehalts. Und das mache ich tatsächlich gern, denn ich profitiere ja jeden Tag vom Staat.

Dirk Roßmann ist ein Selfmade-Milliardär.
Bild: Holger Hollemann, dpa

Sie gehören zu den reichsten Menschen des Landes. Was für ein Verhältnis haben Sie zum Geld?

Roßmann: Ich weiß, wie schlimm es sich anfühlt, keines zu haben. In meiner Kindheit gab es Stress, sobald es ums Geld ging. Wenn ich mit einer kaputten Hose aus dem Wald kam, dann schrie meine Mutter. Ich habe mir immer gewünscht, irgendwann so viel Geld zu haben, dass ruhig mal eine Hose kaputt gehen kann. Ich habe damals eine gewisse Sparsamkeit eingeimpft bekommen.

Und bis heute bewahrt?

Roßmann: Ich muss mir nicht jeden Tag irgendwelche materiellen Dinge kaufen. Ich trage den ganzen Tag Jeans, einen Anzug ziehe ich nur bei Pflichtterminen an. Ab und zu gebe ich Geld für ein Eis oder einen Latte macchiato aus. Ich kaufe mir auch gerne Bücher oder stecke Geld in schöne Reisen. Ansonsten brauche ich aber eigentlich kein Geld.

Vermutlich hätten Sie die Frage vor 20 Jahren noch ein wenig anders beantwortet. Damals wäre Ihnen das Geld fast ausgegangen.

Roßmann: Ich habe Mitte der 90er Jahre viele Fehler gemacht. Damals habe ich an der Börse spekuliert und extrem hohe Bankkredite aufgenommen. Wir haben nach dem Mauerfall in den Osten expandiert, in die neuen Bundesländer und dann nach Polen, Tschechien, Ungarn. Aber unser Geschäftskonzept war nicht besonders klug. Wir hatten noch keine Eigenmarken, keine Ideenwelt. Und nur an Zahnpasta oder Toilettenpapier verdient man nicht allzu viel. Fast alles war also mit Schulden finanziert. Es gab Tage, da wusste ich am Freitag nicht, wie ich am Montag die Gehälter auszahlen sollte.

Wie fühlt man sich da?

Roßmann: Wenn Sie ein Unternehmen aufbauen und merken, da könnte es dem Ende zugehen, sind Sie extrem unter Druck. Das war im Übrigen auch bei Schlecker so. Eine Woche vor der Insolvenz war ich noch in Ehingen und habe mit Anton und Christa gesprochen. Wir haben nicht über die drohende Pleite geredet, aber die Anspannung war den ganzen Abend spürbar. Steckt ein Mensch in einer solch schwierigen Situation, fragt man sich doch ununterbrochen: Wie komme ich aus der Sache raus? Für mich persönlich war der Wendepunkt mein Herzinfarkt.

Was haben Sie danach geändert?

Roßmann: Ich habe alle Aktien verkauft. Zur gleichen Zeit hat mich meine Frau in einen Tchibo-Laden geschleppt. Sie wollte, dass wir so etwas Ähnliches machen und unser Sortiment ausbauen. Mir war das viel zu fummelig, also habe ich gesagt: Alice, mach einfach! Heute setzen wir mit unserer Ideenwelt 400 Millionen Euro um.

Etwa zur gleichen Zeit haben Sie einen Brief an alle Banken geschrieben, bei denen Sie Kredite hatten. Warum?

Roßmann: 1996 haben wir zwölf Millionen D-Mark Verlust gemacht, das war unser schlimmstes Jahr. Ich hatte Angst, dass die Banken uns sofort unsere Kredite kündigen, wenn sie die Bilanz sehen. Also habe ich diesen 20-seitigen Brief geschrieben. Auf den ersten zehn Seiten stand, was ich falsch gemacht habe. Und auf den nächsten zehn, was in Zukunft anders werden soll. Ich wollte, dass sie mir ein Jahr lang eine Chance geben. Im Jahr 1997 hatten wir wieder eine Million Mark Gewinn. Und da wusste ich: Jetzt geht es wieder bergauf.

Schon lange vor dieser Zeit haben Sie eine Therapie begonnen und selbst eine Ausbildung zum Therapeuten gemacht. Auch Ihre Mitarbeiter bekommen regelmäßig psychologische Schulungen. Warum schwören Sie darauf?

Roßmann: Mir geht es vor allem um die Gruppendynamik. Wenn wir diese Schulungen machen, kommen 18 Menschen zusammen, Männer und Frauen. Man sitzt im Kreis und ist sich völlig fremd. Und nach einiger Zeit ist plötzlich eine große Vertrautheit da, weil alle sehr offen sind. Mir ist es wichtig, dass die Menschen lernen, sich zu achten und wertzuschätzen – im Privaten und im Unternehmen.

Ist das auch ein Modell für andere Unternehmen?

Roßmann: Das kann man so pauschal nicht sagen. Aber ich bin dafür, dass Menschen nicht nur alles über Technik oder wirtschaftliche Prozesse lernen, sondern sich ein Stück weit auch selbst erfahren. Sie sollten sich fragen, was es mit ihnen macht, wenn sie am Tag 500 E-Mails beantworten oder Leute als „Friends“ bezeichnen, die sie gar nicht kennen. Mein Leben besteht aus realen Menschen, aus meinen Freunden, meiner Familie. Das gibt mir viel mehr, als in ein Gerät reinzutippen.

Sie sagen, dass Menschen und ihre Lebensläufe Sie faszinieren. Was stellen Sie bei Ihren Beobachtungen fest?

Roßmann: Es gibt viel mehr Individualisten. Und auch die Interessen sind viel breiter gefächert. Heute haben wir in Deutschland rund 20 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Dadurch gibt es viele andere Kultureinflüsse. Wir sind also eine sehr vielfältige Gesellschaft. Das hat viele gute Seiten, ist aber auch nicht immer einfach.

Wie muss sich ein Unternehmer in diesen Zeiten positionieren?

Roßmann: Als Mensch möglichst offen. Abgehobenes Macho-Gebaren ist völlig out. Ein Unternehmer muss sich äußern, vielleicht auch mal politisch. Er ist ja auch Teil der Gesellschaft. Wir tragen viel Verantwortung und sollten deshalb tatsächlich mutiger sein.

Sehen Sie bisher zu wenig Mut?

Roßmann: Viel zu wenig. In ihren Betrieben sind Unternehmer die Nummer eins, da treten sie selbstbewusst auf. Aber sobald eine Fernsehkamera an ist, schrecken sie zurück. Da erlebe ich wenig Engagement für öffentliche Interessen.

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