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"Schwarzer Montag" durch das Coronavirus: An der Börse regiert die Angst

"Schwarzer Montag" durch das Coronavirus: An der Börse regiert die Angst
Kommentar Von Stefan Stahl
09.03.2020

Plus Der Aktienmarkt hat sich endgültig vom Coronavirus anstecken lassen. Russland und Saudi-Arabien zündeln zudem in unverantwortlicher Weise am Ölmarkt.

In Krisen- und Coronazeiten ist "konstruktive Rationalität" gefragt. Doch die wohltuende Forderung von Hartmut Hengel, Präsident der Gesellschaft für Virologie, findet im ökonomischen und im politischen Bereich zu wenig Beachtung. Dort gedeiht weiter das Virus des nationalen Egoismus prächtig.

Als ob die medizinische Lage nicht prekär genug wäre, befeuern zwei Ober-Ego-Nationen das allgemein grassierende Klima zunehmender Angst: Die Ölförder-Narzissten Saudi-Arabien und Russland haben in unverantwortlicher Weise einen Preiskrieg angezettelt, wohl wissend, dass dadurch die ohnehin derzeit leicht kollabierenden Aktienmärkte noch schneller in die Knie gehen. Das passiert nicht aus Versehen, sondern ist zumindest ein in Kauf genommener Kollateralschaden des Streits um die richtige Förderpolitik und damit die Entwicklung des Ölpreises.

"Schwarzer Montag": Angst ist ansteckend

Am "Schwarzen Montag", als die Börsen einbrachen, kamen also zwei fatale Dinge zusammen: Vor allem die Angst, dass die Wirtschaft als Folge der Ausbreitung des Coronavirus weltweit in eine Rezession verfällt, hat sich brutal am Aktienmarkt entladen. Dort regiert nun eine "Große Koalition" der Angst. Und Angst frisst an der Börse rasch jedes Aufbäumen "konstruktiver Rationalität", wie sie der Virologe Hengel generell einfordert, auf. Angst ist eine sich selbst verstärkende Größe. Angst macht mehr Angst und ist ansteckend.

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Der Mensch als Herdentier lässt sich davon infizieren. Dann breitet sich Panik an den Aktienmärkten aus, die solche Ausmaße annimmt, dass am Montag der Handel an der New Yorker Börse zeitweise ausgesetzt werden musste. Dabei trachten die Akteure an den Aktienmärkten stets danach, die Zukunft ein Stück weit einzupreisen. Das lässt derzeit nur eine Diagnose zu: Die meisten Börsianer rechnen mit einer weiteren starken Ausbreitung des Coronavirus und damit einer Rezession. Das Infektionsrisiko ist ihnen zu groß geworden. Deshalb lassen sie die Hoffnung auf eine Beruhigung der Lage in den nächsten Wochen fahren.

Allein mit Coronavirus und Ölpreis-Zoff lassen sich Kurseinbrüche nicht erklären

Die massiven Kurseinbrüche - ob in Frankfurt oder New York - können nicht allein rational mit dem Coronavirus und dem Ölpreis-Zoff erklärt werden. Das belegen Forschungen über einen anderen und noch heftigeren "Schwarzen Montag" als den aktuellen, nämlich den 19. Oktober 1987. Damals büßte allein der Dow-Jones-Index an einem Tag unglaubliche 22,6 Prozent ein. Das Blutbad wurde auf die Auswirkungen der Geldpolitik und des damals schon wichtiger werdenden Computerhandels zurückgeführt. Das waren die zwei rationalen Gründe für den großen Börsencrash.

Der spätere US-Nobelpreisträger Robert J. Shiller begnügte sich damit nicht und untersuchte das Beben von 1987 intensiv und stieß auf Erkenntnisse, die auch für den neuen "Schwarzen Montag" gültig sind: Demnach werden die Kurse gerade an solchen außergewöhnlichen Tagen in starkem Maße von einem rational-irrationalen Mix bestimmt. Die Spieler am Aktienmarkt lassen sich also von den Veränderungen der Preise selbst in ihren Anlageentscheidungen anstecken. Hinzu kommt nach Shiller eine nicht zu unterschätzende psychologische Komponente: So fragen sich Börsianer, wie sich andere Börsianer angesichts des Coronavirus und des Öl-Streits verhalten könnten. Die Antwort ließ am Montag nur eine Deutung zu: Es gibt viel mehr emotional getriebene Pessimisten als konstruktive Rationalisten. Die Angst explodierte folglich in einem Crash.

Gegen die Aktienpanik braucht es Experten für Börse und Viren

Nun bedarf es weiterer klarerer und damit die Nerven beruhigender Botschaften an das furchterfüllte Aktienvolk. Die Zinssenkung der US-Notenbank und das sinnvolle und ausreichende konjunkturelle Stützungsprogramm der Bundesregierung scheinen noch nicht zu reichen. Jetzt steht auch die Europäische Zentralbank wie einst unter Mario Draghi in der Pflicht, durch Geldpolitik zur Stabilisierung der Märkte beizutragen. Dumm nur, dass sich die europäischen Notenbanker anders als ihre amerikanischen Kollegen den Spielraum für Zinssenkungen leichtfertig im Zuge der Euro-Krise massiv beschnitten haben. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als im abstrusen Null- und Negativzinsumfeld das ohnehin schon extrem billige Geld noch billiger zu machen. Die EZB könnte zudem mehr Anleihen als geplant kaufen. Ob das zu etwas mehr Ausgeglichenheit an den Märkten führt, wird sich zeigen. Das prognostische Geschäft ist auf alle Fälle noch schwerer geworden. Am besten könnten noch Experten, die zugleich Virologen und Ökonomen sind, die Lage versachlichen. Derartige Super-Spezialisten sind in Zeiten des Super-Virus und der Super-Aktienpanik leider Mangelware.

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