Selbstversuch bei Kuka: Wie dieser Roboter bald im Alltag helfen könnte

Bild: Axel Hechelmann

Die Augsburger Firma Kuka forscht an einem Roboter, der Menschen im Alltag helfen soll. Unsere Reporterin traf "Rosy" und wollte wissen: Wie gut funktioniert das schon?

Es ist 12.45 Uhr als Constanze Badali den Satz sagt, den sonst alle fürchten. Doch Badali sagt ihn mit einem Funkeln in den Augen: "Dann werde ich jetzt wohl ausgetauscht." Ihr Blick geht über ihre Schulter zu einem orangefarbenen Gefährt mit zwei Greifarmen. Zu Rosy – dem Trageroboter. Er wird sie nun ersetzen.

Badali ist Teil eines Studien-Teams, das die Zusammenarbeit von Menschen und Maschinen erforschen will. Seit etwa einer Stunde tragen wir zusammen einen Tisch von links nach rechts und wieder zurück. Auch das ist Teil der Studie. Doch jetzt ist ihre Aufgabe erledigt. An ihrer Stelle soll nun Roboter Rosy mit mir zusammen den Tisch transportieren. Ich bin nervös.

Constanze Badali (links) und Christina Heller-Beschnitt beim Versuch in der Kuka-Forschungsabteilung.
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Ich kann genau sagen, wann diese Nervosität angefangen hat: 18 Stunden zuvor. Der Augsburger Roboterbauer Kuka und die Sporthochschule Köln hatten Probanden gesucht, die bereit waren, mit dem Roboter zusammenzuarbeiten. Nun saß ich im Büro und hatte einen Zettel mit Gefahrenhinweisen von Kuka vor mir liegen. Dort las ich: "Als mögliche Gefahren sind folgende Punkte zu nennen: Stöße, Quetschungen (im Roboterarm, zwischen Greifer und Tisch, gegen eine Wand)." Da spürte ich ein leichtes Kitzeln in der Magengegend und der Gedanke: "Was tust du da?", blitzte auf. Aber die Neugier siegte.

Ich wollte wissen, wie sich die Zukunft anfühlt. Schließlich werden Roboter, glaubt man Experten wie dem Roboterforscher Sami Haddadin, zusammen mit künstlicher Intelligenz unsere Gesellschaft so stark verändern, wie zuletzt die industrielle Revolution. Vielleicht sogar noch mehr. Wie ist das also, mit einem Roboter zu arbeiten?

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In der Industrie sind Roboter längst Standard. Der neueste Bericht der Internationalen Robotervereinigung zeigt: Deutschland ist in Europa Roboter-Land Nummer eins. Rund 221.500 Maschinen arbeiten in deutschen Fabriken – etwa fünf Mal mehr als in Frankreich. Fast zehn Mal so viele wie in Großbritannien. Kuka zählt zu den größten Anbietern auf dem Markt. Die Augsburger rüsten etwa die Fertigungsstraßen vieler Autohersteller aus. Mit dem Alltag der Bevölkerung beschäftigen sie sich kaum. Das könnte sich jetzt aber ändern.

Doch die Deutschen sind skeptisch, wenn es darum geht, Roboter im Alltag zu verwenden. In einer Umfrage des Online-Meinungsforschungsinstituts YouGov gab 2017 mehr als die Hälfte der Befragten an, dass sie sich gut vorstellen kann, Arbeiten wie Rasenmähen oder Staubsaugen an Roboter abzugeben. Gleichzeitig sagte jeder fünfte Befragte, die Zusammenarbeit mit Robotern könne er sich gar nicht vorstellen.

Kirsten Albracht und Nadine Bender wollen wissen: Wie interagieren Menschen mit Robotern? Und was macht das mit den Menschen?
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Doch genau darum geht es im dem Projekt, das Kirsten Albracht leitet. Sie ist Professorin für Biomechanik in Köln. Sie und ihr Team wollen herausfinden: Wie bewegen sich Menschen, wenn sie Dinge mit Menschen tragen – und wie, wenn ein Roboter der Widerpart ist. Nadine Bender, Mitarbeiterin der Forschungsabteilung von Kuka, interessiert sich vor allem dafür, wie sich die Einstellung einer Testperson verändert, nachdem sie mit dem Roboter zusammengearbeitet hat.

Für eine erste Kontaktaufnahme mit einem Roboter klang die Aufgabe, die Albracht und Bender stellten, denkbar einfach. Zusammen mit einem Menschen einen Tisch zu tragen, das hatte ich schon häufiger gemacht. Etwa 18 Stunden später bin ich klüger: Ganz so leicht ist es mit einem Roboter nicht.

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Zurück zu Constanze Badali, Rosy und mir. Den Ort, an dem wir stehen, könnte man die heiligen Kuka-Hallen nennen. Das Hirn des Unternehmens. Nicht einmal alle Mitarbeiter haben Zutritt, so geheim ist das, was die Forschungsabteilung tut. Während ich das Treiben um mich herum beobachte, denke ich, dass ich selbst wie Inventar aussehe. Ich bin komplett verkabelt. Auf dem Kopf trage ich eine weiße Haube, aus der 32 Kabel ragen. Sie messen meine Gehirnströme, um zu sehen, wie ich auf den Roboter reagiere.

Die silbernen Kugeln helfen den zahlreichen Kameras, die Bewegungen der Testpersonen über Infrarotlicht nachzuverfolgen.
Bild: Axel Hechelmann

An meinem Körper kleben 56 silbrig glänzende Kugeln. Werde ich mit einer Taschenlampe angeleuchtet, reflektieren die Kugeln das Licht. So können 15 im Raum verteilte Kameras während des Experiments meine Bewegungen über Infrarotlicht nachverfolgen. Auf einem Rechner entsteht so ein Modell meines Körpers. Ich erinnere an einen Cyborg – eine Mischung aus Mensch und Maschine.

Wie mit einer Lichterkette behangen: Christina Heller-Beschnitt kurz vor Start des Experiments.
Bild: Axel Hechelmann

Dann kommt der Trageroboter Rosy, so nennen ihn die Mitarbeiter des Forschungsprojekts. Genau wie mit Constanze Badali zuvor soll ich nun mit dem Roboter einen Tisch zwölf Mal von links nach rechts und zurücktragen.

Bisher stand die Maschine regungslos in der Ecke. Unter den Kamera-Augen sind links und rechts zwei Arme angebracht. Sie sind angewinkelt, erinnern mich an die muskulösen Arme Popeyes, kurz nachdem er eine Dose Spinat geleert hat. Das Gestell ist auf einer fahrbaren Plattform montiert, die 1,15 Meter lang ist und mir bis zur Hüfte reicht. Auf Brusthöhe hat Rosy einen Bildschirm montiert, über den die Maschine kommuniziert.

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Sie begrüßt mich mit der Aufschrift "Hallo Freund". Mache ich alles richtig, erscheint ein grüner Haken. Soll ich den Tisch anheben, sehe ich das Bild eines Tischs und einen Pfeil, der nach oben deutet. Auf dem Weg steuere ich den Roboter, in dem ich an dem Tisch ziehe, ihn schiebe oder wegdrücke. Sprache versteht Rosy nicht. Kommen wir einer Wand zu nah, erscheint auf dem Bildschirm erst ein gelbes, dann ein rotes Warndreieck. Spätestens dann muss ich reagieren. Das fordert meinen ganzen Körpereinsatz. Rosy ist schwer und träge. Der Wendekreis groß. Seitwärtsbewegungen muss ich frühzeitig einplanen, sonst komme ich gar nicht um die Kurve. Der Roboter fährt wie ein voll beladener Baumarkteinkaufswagen mit bockigem Rad.

Doch dann erinnere ich mich an die Worte von Nadine Bender. Sie hat zu Beginn der Studie erklärt, dass Rosy noch ganz am Anfang steht. Momentan geht es darum, zu testen wie die Zusammenarbeit funktioniert. Dann wird nachgebessert. Sollte der Roboter irgendwann mal in den Handel kommen, wird er sehr viel leichter sein und könnte zum Beispiel älteren Menschen helfen, schwere Dinge zu tragen.

Mit Forschungen wie dieser will Kuka herausfinden, wann sich Menschen im Umgang mit Maschinen wohlfühlen. Denn die Zusammenarbeit von Menschen und Maschinen wird zunehmen. Und, das sagt natürlich niemand offen, je wohler sich die Menschen mit Kuka-Robotern fühlen, desto besser für die Augsburger.

Alles okay? Roboter Rosy kommuniziert per Bildschirm mit den Testpersonen.
Bild: Axel Hechelmann

Noch stellt Kuka keine Roboter für Verbraucher her. Aber, sagt Bender, irgendwann wird es viele Angebote für Haushaltsroboter geben. Bis Rosy auf den Markt kommt – wenn überhaupt – dauert es noch. Bei unseren ersten Transportversuchen komme ich mir vor, als wollte ich mit einem Partner Langsamen Walzer tanzen. Nur: Er hört Hard-Rock. Dazu kommt, dass der Roboter und ich Verständigungsprobleme haben. Ich will schneller beginnen, als er kann. Die Maschine hebt den Tisch an, wartet, fixiert die Greifarme an der Platte, wartet. Dann klackt es zwei Mal und ruckelt leicht. Erst dann setzt sich das fahrbare Unterteil in Bewegung. Das Abstellen dauert ähnlich lang.

Deshalb vermassle ich gleich den zweiten Anlauf. Als ich den Tisch mit Rosys Hilfe fast zum Ziel getragen habe und Rosys Entwickler lobend sagt: "Wie ein Profi!", lasse ich den Tisch sinken. Zu schnell. Der Versuch bricht ab. Ist ungültig. Da hilft es auch nichts, dass Nadine Bender mir vorher eingebläut hat: "Du kannst überhaupt nichts falsch machen, wir bewerten den Roboter, nicht dich." Ich denke trotzdem: Mist! Verbockt.

Bild: Axel Hechelmann

Etwa ab Runde acht fällt mir die Steuerung leichter. Ich habe gelernt, wie sich der Roboter bewegen lässt. Wie wir um die Kurven kommen. Wir fahren hin und zurück, hin und zurück. Treffen die vorgegebene Zielposition fast ganz genau. Mich beschleicht der Gedanke: Wer lernt hier eigentlich was? Ich, wie ich den Roboter bewegen kann, oder der Roboter, wie ich mich bewege? Schließlich lernt auch das System dazu.

Am Ende von Runde zwölf bin ich erleichtert und ziemlich erschöpft. Ich hatte erwartet, dass der Roboter mir die Arbeit fast abnimmt. In der Autoindustrie heben Kuka-Roboter schließlich ganze Karosserien hoch. Stattdessen musste ich mich ziemlich anstrengen. So fühlt sich die Zukunft also an: Etwas wacklig, aber doch ganz spannend.

Auf dem Bildschirm des Roboters erscheint eine Zielfahne. "Finished", steht dort. "Geschafft". Ich bin ein bisschen stolz. Fast hätte ich mit Rosy abgeklatscht. Nur: Dazu ist sie nun wirklich noch nicht in der Lage.

Von Christina Heller-Beschnitt (Text) und Axel Hechelmann (Fotos und Videos)