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26.09.2019

Sie war Draghis schärfste Kritikerin - nun geht sie

Sabine Lautenschläger ist seit Januar 2014 Mitglied des EZB-Direktoriums. Unter ihrer Führung wurde auch die Bankenaufsicht aufgebaut.
Bild: Marc Tirl, dpa

Sabine Lautenschläger gilt als durchsetzungsstark. Sie hat in ihrer Karriere schon etliche Bankenmanager zum Zittern gebracht. Draghi hat sie zermürbt.

Eigentlich ist Sabine Lautenschläger keine Frau, die leicht aufgibt. Niemand, den man einfach in die Knie zwingt. Stattdessen treffen eher Beschreibungen wie durchsetzungsstark oder nett, aber bestimmt auf sie zu. Doch nun scheint es so, als habe sie die Lust am Streiten verloren. Ziemlich überraschend hat die 55-Jährige ihren Rücktritt von der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) angekündigt. Sie sitzt seit Januar 2014 im EZB-Direktorium und war bis Februar auch Vize-Präsidentin der Europäischen Bankenaufsicht, die unter ihrer Führung gegründet wurde.

Sabine Lautenschläger war lange Deutschlands oberste Bankenaufseherin

Eigentlich wäre der Vertrag der einzigen Frau an der Spitze der Zentralbank noch bis zum 26. Januar 2022 gelaufen. Wie am Mittwochabend bekannt wurde, hat die gebürtige Stuttgarterin und Mutter einer Tochter den Noch-Präsident Mario Draghi gebeten, frühzeitig ausscheiden zu können. Zum 31. Oktober 2019 legt sie ihr Amt nieder. Die Gründe dafür sind unklar.

Lautenschläger, die in Bonn Jura studierte, hat ihre Karriere als Bankenaufseherin begonnen. Und sich in dieser Funktion einen herausragenden Ruf erarbeitet. Warum sie sich für diese Karriere entschied? In einem Interview erzählte sie einmal, dass das gar nicht geplant war. Zwar interessiere sie sich schon immer für wirtschaftliche Zusammenhänge, aber für den Job bei der Bafin habe sie sich vor allem beworben, weil eine Stelle frei war, sagte Lautenschläger und lachte.

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Deutschland erhebt Anspruch auf Lautenschlägers Posten

Zum Höhepunkt der Finanzkrise – im April 2008 – wurde Lautenschläger Deutschlands oberste Bankenaufseherin. Damals schrieb die Frankfurter Allgemeine über sie: „Wenn sie in Krisenbanken anrief, zitterten die Vorstände, die sie über Risiken, Kapital- und Liquiditätspositionen ausfragte.“ Sie selbst bezeichnet das als unheimlich spannende Aufgabe, weil sie einerseits gestalten könne, anderseits aber auch klare Ansagen machen und sehr genau arbeiten müsse. „Wenn Sie konfrontationsunwillig sind, sind Sie falsch an diesem Platz“, sagte Lautenschläger über den Posten. Und ließ damit durchblicken, dass sie keine Konflikte scheut. „Wenn ich argumentieren kann, fühle ich mich wohl.“ Das habe sie in den 80er Jahren während eines Austauschjahres in den USA gelernt, wo sie im Debattenunterricht die europäischen Werte verteidigte. Seither – und vermutlich schon vorher – ist sie überzeugte Europäerin. Ihre Eltern stammen aus Thüringen und Sachsen, sind zu DDR-Zeiten nach Westdeutschland geflohnen. Vielleicht, sagt sie, habe sie das geprägt.

Zwischen Lautenschläger und Draghi hatte es schon länger Spannungen gegeben. Die Juristin war eine der größten Kritikerinnen von Draghis lockerer Geldpolitik. „Mit Blick auf die Nachfolge erhebt Deutschland als größter Mitgliedsstaat des Euroraums den Anspruch, weiterhin ein deutsches Mitglied im EZB-Direktorium zu stellen“, sagte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums. „Deutschland wird in Kürze einen geeigneten Kandidaten für die Nachfolge benennen.“

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