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Sina Trinkwalder
17.03.2016

Fairarschung? Wie fair sind fair gehandelte Waren eigentlich wirklich?

Bisher wird nur ein kleiner Teil an Kakao „fair“ gehandelt.
Foto: obs/TransFair e.V./Marvin del Cid

Die Augsburger Unternehmerin Sina Trinkwalder schaut in ihrem neuen Buch hinter die Kulissen der Warenwelt. Im Interview erklärt sie, was im Handel passiert.

Sie sind dafür bekannt, Klartext zu reden. Das zeigt auch der Titel Ihres neuen Buches „Fairarscht. Wie Wirtschaft und Handel die Kunden für dumm verkaufen“. Wie kam es zu dem Projekt?

Sina Trinkwalder: Ich bin nicht nur Vollblutunternehmerin, sondern auch Wirtschaftsaktivistin. Ich vertrete ein anderes Wirtschaftssystem, das wir auch brauchen, denn sonst fliegt uns bald alles um die Ohren. Wir befinden uns im Endstadium eines Raubtierkapitalismus, der nicht mehr lange funktionieren wird. Wir können nicht mehr länger an der Preisschraube drehen und immer mehr Produkte immer noch billiger machen.

Doch viele Kunden kaufen einfach gerne günstig ein.

Trinkwalder: Ich will Verbrauchern erklären, warum sie so sind, wie sie sind. Sie müssen verstehen, wie sie vom Handel manipuliert werden, damit sie sich ändern können.

Der Handel erfüllt Kundenwünsche, was soll daran schlecht sein?

Trinkwalder: Der Handel will vor allem, dass Verbraucher ständig einkaufen. Konventionelle Discounter gaukeln deshalb attraktive Preise vor. Das geht aber voll auf Kosten der Produktqualität, die immer schlechter wird. Auch die Arbeitsbedingungen der Produzenten werden durch den wachsenden Preisdruck immer problematischer, nicht nur bei den Kaffeebauern, auch bei uns.

Ist der Kauf von „Fairtrade-Produkten“ mit besseren Standards für die Produzenten eine Alternative?

Trinkwalder: Die Grundidee des fairen Handels ist schön. Verbraucher haben beim Einkauf ein gutes Gewissen. Die Ansprüche des Fairtrade-Siegels sind aber sehr zurückgeschraubt worden. Mischprodukte, beispielsweise Kekse, müssen nur noch 20 Prozent fair erzeugte Rohstoffe enthalten. Das führt zu einer Überproduktion, die unter der Marke nicht mehr abgesetzt werden kann. Die Waren müssen dann für weniger Geld an den konventionellen Handel abgegeben werden, oder gammeln irgendwo vor sich hin. Läge das vorgeschriebene Mischungsverhältnis bei 80 Prozent fair gehandelter Rohstoffe, könnte man diese Überschüsse abbauen.

Aber dann wäre diese Ware teurer.

Trinkwalder: Wenn es Fairtrade-Kekse nicht billiger gibt, werden sie auch teurer gekauft.

Als ökosoziale Unternehmerin sind Sie auch mit der Biowirtschaft nicht zufrieden. Warum?

Trinkwalder: Ich bin voll für Bioprodukte. Aber ich übe Kritik an der Art und Weise, wie die Biowirtschaft im gleichen System wachsen will wie konventionelle Erzeuger. Damit machen sich Bio-Marken die Wertigkeit ihrer Produkte kaputt. Überschüsse, beispielsweise bei Milch oder Joghurt, werden bei Discountern abgeliefert. Kunden fragen sich dann, warum sie hohe Biopreise zahlen sollen, wenn sie das gleiche Produkt im Discounter deutlich billiger bekommen. Discounter wollen aber das Bio-Siegel nicht bezahlen und damit diese Art des respektvollen Wirtschaftens nicht mittragen.

Was schlagen Sie vor?

Trinkwalder: Beim quantitativen Wachstum sind wir am Ende der Fahnenstange angelangt, jetzt muss ein qualitatives Wachstum stattfinden. In der Folge werden Produkte zwar teurer, dem Kunden bleibt aber letztendlich mehr Geld im Geldbeutel, weil beispielsweise Kleider länger halten.

Wie wollen Sie Menschen, die mit Aldi und H&M aufgewachsen sind, dazu bringen, dass sie weniger shoppen?

Trinkwalder: Der Handel ändert sich schnell, wenn sich das Konsumverhalten ändert. Aber als Konsumenten haben wir noch zu viele Ausreden. Wir müssen den Weg gemeinsam wieder zurückgehen. Deshalb rufe ich dazu auf, in erster Linie regional und bio einzukaufen, aber nicht bei großen Konzernen. Denen geht es vor allem um ihre eigenen Gewinnmargen. Oft machen sie auch kleine Hersteller platt.

Das können sich Verbraucher mit weniger Geld aber kaum leisten.

Trinkwalder: Wenn „Bio“ genauso viel kosten würde wie konventionelle Ware, dann würden alle „Bio“ kaufen. In meinem eigenen Laden hat die erste regional ökosozial hergestellte Jeans noch 180 Euro gekostet. Weil die Jeans gut laufen, können wir mehr herstellen und sie nun für 79 Euro verkaufen – mit denselben hohen Standards für Umwelt und Mitarbeiter. Meine Meinung ist, wir bräuchten Strafzölle für konventionelle Produkte. Dann hätten wir auch wieder bessere Arbeitsplätze.

Die Augsburger Unternehmerin Sina Trinkwalder hat iher eigenen Ansichten zum Handel mit fairen Produkten.
Foto: Ulrich Wagner

Ist das nicht Sozialromantik?

Trinkwalder: In anderen europäischen Ländern geht die Politik neue Wege, um den Raubbau an Mensch und Natur zu ahnden, warum nicht bei uns? In Frankreich gibt es ein neues Gesetz, wonach Hersteller bei Menschenrechtsverletzungen innerhalb der globalen Wertschöpfungskette zur Verantwortung gezogen werden können. Das ist eine Revolution.

Wirtschaftskreisläufe sind ein komplexes Thema. Ist Ihr neues Buch für Fachleute oder für Normalverbraucher gedacht?

Trinkwalder: Ich habe viele Beispiele verwendet und es so geschrieben, dass es jeder verstehen kann.

Das Buch „Fairarscht“ erscheint ab 1. April beim Verlag Knaur. Es kostet 12,99 Euro. Am Donnerstag, 7. April, 19 Uhr, stellt Trinkwalder ihr Buch in Augsburg, Bücher Pustet, Karolinenstraße, vor.

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Die Diskussion ist geschlossen.

24.03.2016

Ich kauffe so, wie vermutlich die absolute Mehrheit in diesem Lande: Qualität UND Preis.

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24.03.2016

Vorsicht vor Verallgemeinerungen.

Nur am Beispiel des Fairtrade Anteils in den Keksen generell von "Fairarschung" zu sprechen ist sicherlich irreführend. Meines Wissens funktioniert Fairtrade bei vielen Produkten wie z.B. bei Kaffee, Reis und Schokolade den Möglichkeiten entsprechend gut.

Und wenn wir den Menschen einen fairen Lohn für ihre (harte) Arbeit bezahlen, wenden sie sich auch nicht Extremisten zu oder suchen ihr Glück in der riskanten Flucht nach Deutschland. Von daher ist Fairtrade eine Win-Win Situation und jeder der es sich leisten kann, sollte es nutzen.

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24.03.2016

Ein Problem sind auch die Vorgaben für die Bio-Siegel. Wir kaufen nur Bio-Obst und Gemüse. Aber eine Bio-Tomate schmeckt mittlerweile genauso nach Nichts ausser Wasser wie eine konventionell produzierte Tomate. Die Bio-Tomate wird vermutlich genauso in Holland in Riesen-Gewächshäusern ohne richtige Erde hergestellt wie die konventionelle. Der einzige Unterschied ist wohl der Dünger, der dann nicht syntethisch ist.

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24.03.2016

Diese Frau hat absolut Recht, was sie schreibt und sieht die Realität, nur leider handeln unsere Politiker genau das Gegenteil. Deutschland hat so viele Freihandelsabkommen wie kein anderes Land und der Schwachsinn TTIP kommt noch dazu. Mit diesen Abkommen werden doch nur Waren hin und her geschoben, wobei wir bereits mehr Verkehr als genung haben. Verdienen werden daran nur die Großkonzerne, der Verbraucher hat nichts davon, außer er darf die Strafen aus den Schiedsgerichten bezahlen. Aber solange die Politiker nicht einsehen, das der Konsum in der westlichen Welt längst gestättigt ist, ändert sich nichts, im Gegenteil; siehe Politik von Draghi.

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