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Soll ein Deutscher EZB-Chef werden?

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Kommentar Von Stefan Stahl
06.03.2018

Nach einem Niederländer, einem Franzosen und einem Italiener müsste die Kanzlerin nun eigentlich einen Landsmann durchdrücken. Doch es könnte anders kommen.

Eigentlich ist Deutschland dran. Nach dem Niederländer Wim Duisenberg, dem Franzosen Jean-Claude Trichet und dem Italiener Mario Draghi sollte es für Bundeskanzlerin Angela Merkel keine Frage sein, vehement für Bundesbankpräsident Jens Weidmann als Chef der Europäischen Zentralbank zu werben.

Deutschland als wirtschaftlich bedeutendes Land hat ein Anrecht auf den Posten

Den herausragenden Posten kann Deutschland schlicht als wirtschaftlich bedeutendstes Land der Euro-Währungszone und größter Anteilseigner der EZB beanspruchen. Wenn Draghis Amtszeit am 31. Oktober 2019 endet, wird die Wahl seines Nachfolgers mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen Vertreter aus dem Norden Europas fallen. Denn mit Luis de Guindos soll nach dem Willen der Euro-Finanzminister ein Spanier EZB-Vizepräsident werden. Und das, obwohl der Ökonom einst Spanien-Chef der pleitegegangenen US-Investmentbank Lehman war.

Zu diesem Mann aus dem Süden würde doch der knallharte Stabilitätspolitiker Weidmann als Korrektiv bestens passen. Ja, mit ihm als geldpolitischem Hardliner könnte wohl auch die Akzeptanz des Euro in Deutschland erhöht werden. Schließlich hat Weidmann in seiner Funktion als Mitglied des EZB-Rats immer wieder Draghis Politik des allzu lockeren Geldes munter kritisiert und sich sogar getraut, gegen den Italiener zu stimmen.

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Für so einen tapferen Mann müsste die Kanzlerin doch alles tun, um ihm die Krönung seiner Karriere zu ermöglichen, zumal sie die Personalie auch als eigenen Erfolg verkaufen könnte. Somit könnte eine Vorentscheidung gefallen sein, dass der 49-Jährige endlich für Deutschland einen herausragenden europäischen Spitzenposten bekleidet. Dem ist aber nicht so.

Das hat viel mit der Komplexität Europas zu tun, gerade wenn es darum geht, personelle Tableaus zu entwerfen. Deutschland werden schließlich auch Chancen eingeräumt, den Posten des Präsidenten der Europäischen Kommission für sich erfolgreich zu reklamieren. Für die Nachfolge des Luxemburgers Jean-Claude Juncker ist der Merkel-Getreue Peter Altmaier im Gespräch, ein vielsprachiger und in Europa gut vernetzter Menschenfänger. Nur zwei Deutsche auf europäischen Spitzenposten wird es nicht geben. Die Franzosen werden schon genug daran zu beißen haben, wenn eines der beiden Ämter mit einem Mann aus dem Nachbarland besetzt wird. Dabei könnte es klüger sein, wenn Merkel versucht, für Deutschland den Thron des europäischen Kommissions-Präsidenten zu sichern und nach langem Kampf den Anspruch auf den EZB-Chefposten aufgibt.

Wird es am Ende der französische Nationalbank-Chef François Villeroy de Galhau?

Das wäre ein enormer Prestige-Erfolg. Denn mit einem unnachgiebigen und zu sehr von sich überzeugten EZB-Chef Weidmann könnte Deutschland Zorn auf sich ziehen. In der Nach-Draghi-Ära wartet auf den neuen Zentralbank-Präsidenten ein Job, der reichlich Fingerspitzengefühl erfordert. Der Neue wird in einem quälend langsamen Prozess die Politik des ultralockeren Geldes beenden, um im Zeitlupentempo auf steigende Zinsen umzuschwenken. Ein solcher Mann muss mit Engelsgeduld und der Gabe ausgestattet sein, die Südländer geschickt mitzunehmen. Diese Stellenbeschreibung passt nicht auf Weidmann, auch wenn er zuletzt konzilianter geworden ist.

Am Ende könnte doch der französische Nationalbank-Chef François Villeroy de Galhau Präsident der Euro-Notenbank werden, zumindest wenn die Deutschen den Kommissions-Präsidenten stellen. Oder ein kleines Land wie Estland stellt dann den EZB-Boss. Es ist wie oft in Europa: Alles hängt mit allem zusammen. Man muss um viele Ecken denken und viele Schnüre zusammenbinden. Ein heikler Job für Merkel.

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07.03.2018

Leicht möglich, dass die Erwartung an Jens Weidmann unerfüllbar hoch wäre. Denn für die Geldpolitik entscheidend ist nun mal das EZB-Direktorium. Und dort ist Deutschland "unterrepräsentiert". So haben Länder wie Malta, Zypern oder Luxemburg das gleiche Stimmrecht wie das viel stärkere Deutschland. Vor allem aber scheint es, als hätten „Süd-Länder“ in der Ausrichtung der Geldpolitik grundlegend andere, nämlich expansivere Vorstellungen als „Nord-Länder“. So könnte es dazu kommen, dass Jens Weidmann als Präsident der EZB am Ende Mehrheitsbeschlüsse vertreten müsste, die er fachlich nicht mittragen kann.
Erinnern wir uns: Axel Weber hätte 2011 anstelle von Mario Draghi Präsident der EZB werden können. Dass er sich seinerzeit selbst aus dem aussichtsreichen Rennen genommen hat, haben damals viele bedauert. Aber Weber wollte nicht Aushängeschild für eine Politik sein, die er für falsch hielt. Das ist menschlich anerkennenswert. Allerdings bleibt der Eindruck, dass Deutschlands Integration in eine europäische Geldpolitik der Ausgangspunkt für Entwicklungen war, die viele Menschen so nicht wollten.

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