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Allgäuer Batterie-Firma

06.01.2021

Sonnen-Chef: "Sehen uns als Vordenker der Energiewende"

„Ich bin überzeugt, dass der Wandel hin zu einer grünen Energiezukunft absolut notwendig ist für den Planeten“, sagt Oliver Koch, der neue Chef des Stromspeicherherstellers Sonnen aus dem Allgäu.
Bild: Sonnen

Plus Oliver Koch ist der neue Chef des Batterie-Herstellers Sonnen aus Wildpoldsried. Er erklärt, warum sein Unternehmen die Produktion jetzt verzehnfacht.

Herr Koch, 2020 war nicht einfach. Wie sind Sie mit Sonnen durch das Corona-Jahr gekommen?

Oliver Koch: Wir sind bisher zum Glück gut durch die Corona-Krise gekommen. Je nachdem, wie der Lockdown in anderen Ländern ausgefallen ist, hatten wir zwar Einschränkungen. Es gab zum Beispiel Zeiten, in denen man in Teilen Australiens nicht das Haus verlassen durfte, auch nicht, um zu arbeiten. Das Land ist ein wichtiger Markt für uns als Stromspeicher-Hersteller. Auch in Italien gab es im März und April sehr strenge Einschränkungen. Insgesamt werden wir aber auch in diesem Jahr solide zweistellig wachsen.

Was bedeutet zweistellig?

Koch: Wir gehen von einem Wachstum in einem mittleren zweistelligen Prozentbereich aus. Wir haben festgestellt, dass sich in der Corona-Krise viele Menschen mit ihrem Haus beschäftigt haben, mit Energie und Nachhaltigkeit. Dieser Trend hat 2020 definitiv zugenommen.

Sie expandieren derzeit am Standort Wildpoldsried. Welche Erwartungen sind damit verbunden?

Koch: Es werden eine große Produktionshalle und zwei Bürogebäude gebaut. Es ist für mich spannend zu sehen, wie schnell dies voranschreitet. Im nächsten Sommer wird hoffentlich Einweihung sein. Dann werden wir in der Lage sein, das, was wir in der Vergangenheit im Jahr hergestellt haben, in einem Monat zu produzieren. Das ist ein großer Sprung für uns.

"Wir wollen nicht nur Hersteller sein, sondern sehen uns auch als Vordenker der Energiewende"

Wäre eine Erweiterung im Ausland keine Alternative gewesen?

Koch: Es ist kein Zufall, dass Sonnen da ist, wo es ist. Wir sind in Bayern ganz vorne mit dabei. Hier finden wir die Umgebung und die Mitarbeiter, die wir brauchen. Wir investieren nicht in reine Produktionsstandorte im Ausland um dort ein paar Cent günstiger zu produzieren, sondern erweitern die Produktion hier im Allgäu. Wir sind damit ja nicht nur in Deutschland sondern auch international erfolgreich: In Kalifornien, im Vorgarten der großen US-Tech-Unternehmen, baut Sonnen zum Beispiel Energiespeicher in 3000 Gebäude ein und vernetzt diese zu virtuellen Kraftwerken. Die Technik stammt von hier, aus dem Allgäu.

Mit Stromspeichern für Solaranlagen ist das Unternehmen Sonnen aus Wildpoldsried groß geworden.
Bild: Patrick Pleul, dpa

Brauchen Sie mehr Mitarbeiter?

Koch: Wir haben derzeit etwa 750 Mitarbeiter weltweit und werden weiter wachsen. Wir stellen auch ein und haben derzeit rund 50 offene Stellen an unseren beiden deutschen Standorten Wildpoldsried und Berlin. Der größte Teil unserer Mitarbeiter ist heute übrigens in der Entwicklung tätig.

Sie haben bald die Kapazität mehr als zehn Mal soviel Stromspeicher herzustellen als bisher. Was macht Sie sicher, dass diese Rechnung aufgeht?

Koch: Ich glaube, dass der Weg zu nachhaltiger Energie auf dem Planeten unaufhaltsam gegangen wird, auch wenn es mal Rückschläge gibt. Dies muss umfassend erfolgen - nicht nur bei ein paar zehntausend Haushalten in Deutschland. Wir werden nur dann eine CO2-neutrale, das Klima schützende Energiezukunft haben, wenn es global gelingt, Strom nachhaltig herzustellen, zu speichern, damit ein E-Auto zu laden und Wärme zu erzeugen. Nötig ist eine Elektrifizierung aller Bereiche, die sogenannte Sektorkopplung. Für unser Unternehmen bedeutet dies, diese Schritte konsequent zu gehen und dem Haushalt das komplette Paket für den Umstieg auf saubere Energie anzubieten. Das machen wir. Von der Stromerzeugung über die Speicherung, die Vernetzung bis zum E-Auto. Wir wollen nicht nur Hersteller sein, sondern sehen uns auch als Vordenker der Energiewende.

"Die Energiewende ist vielleicht die größte und wichtigste Baustelle der Menschheit"

Als E-Auto-Verleiher kennt man Sonnen bisher noch kaum... Warum sind sie diesen Weg gegangen?

Koch: Das Abo für E-Autos ist eine logischer Erweiterung unseres Angebots. Kunden, die Strom herstellen und speichern, sind häufig an der Elektromobilität interessiert und umgekehrt. 2019 haben wir deshalb einen intelligenten Charger - eine Ladestelle - ins Programm aufgenommen. Dieses Jahr haben wir das Angebot hinzugefügt, dass Sonnen-Kunden ein E-Auto kurzfristig für zum Beispiel sechs Monate abonnieren können. Einfach um zu testen: Funktioniert Elektromobilität für mich? Reicht die Reichweite? So kann man das Thema ausprobieren, bevor man eine Investition von mehreren 10.000 Euro macht.

Auch für Sonnen wird die E-Mobilität immer wichtiger.
Bild: Julian Stratenschulte, dpa

Wie wird das Angebot angenommen?

Koch: Wir haben viele tausend Anfragen bekommen, es wir sehr gut angenommen. E-Mobilität ist ein nicht unerheblicher Teil unseres Geschäfts geworden. In Deutschland bestellen zum Beispiel zehn Prozent unserer Kunden gleich einen Charger mit dazu.

Wo sehen Sie die Energiewende in Deutschland?

Koch: Dieses Jahr werden wir vielleicht 50 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugen. Das ist für ein Industrieland wie Deutschland super, es ist aber nur ein Teil des Bildes: Wenn wir die Energiewende vorantreiben wollen, müssen wir auch die Bereiche Heizen und Verkehr angehen! Hier ist bisher weit weniger passiert. Kürzlich war zu lesen, dass wir möglicherweise auf dem Weg zu drei Grad Klimaerwärmung sind, das Ziel von unter zwei Grad aus dem Pariser Klimaabkommens wird immer schwerer zu halten. Wir als Sonnen sehen unseren Beitrag darin, den Haushalten einen möglichst einfachen und wirtschaftlichen Weg zu sauberer Energie zu bieten - eben weg von fossilen Energieträgern.

Sie setzen vor allem auf Sonnenstrom, den die Kunden in Batterien speichern. Erwächst Ihnen durch die massive Förderung von Wasserstoff nicht Konkurrenz für Ihr Geschäftsmodell?

Koch: Die Energiewende ist vielleicht die größte und wichtigste Baustelle der Menschheit. Wir brauchen alle Technologien dafür und können es uns nicht leisten, auch nur auf eine zu verzichten. Uns als Unternehmen ist es letztendlich egal, wie die Energie gespeichert wird. Bisher benutzen wir Lithium-Ionen-Batterien, um Solarstrom zu speichern, Lithium-Eisenphosphat, um genau zu sein. Das ist heute die beste Methode für uns. Wenn morgen eine Quark-Joghurt-Batterie die beste Methode ist, nehmen wir diese. Sollte es Wasserstoff sein, setzen wir Wasserstoff ein. Das beobachten wir genau. Wasserstoff wird nicht für jede Sache sinnvoll sein, aber doch für viele Anwendungen. Unsere Muttergesellschaft Shell baut nicht ohne Grund derzeit in der Rheinland-Raffinerie die größte Wasserstoff-Elektrolyse der Welt auf, die nur mit erneuerbaren Energien läuft, nämlich mit Windenergie. Ich sehe Wasserstoff als Chance, nicht als Risiko.

Welche Möglichkeiten bietet Wasserstoff für Stromspeicherhersteller?

Koch: Batterien erlauben eine kurzfristige Speicherung für ein, zwei Tage. Wasserstoff bietet die Möglichkeit, Energie länger zu speichern, vielleicht für den Winter. Nachteil von Wasserstoff ist bisher die geringe Effizienz. Man verliert rund 50 Prozent der Energiemenge durch die Umwandlungsprozesse. In unserem Bereich, also Haushalt und Gewerbe, sind die Kosten für solche Lösungen außerdem noch zu hoch.

"Der Strommarkt durchlebt gerade den größten Umbruch seiner Geschichte"

Sind Batteriespeicher aus Ihrer Sicht inzwischen rentabel? Sie bedeuten ja eine Investition von einigen tausend Euro.

Koch: Das Verhalten der Kunden ist der Beweis, dass es sich für sie rentiert. In Deutschland waren Ende 2019 bereits rund 180.000 bis 200.000 Batteriespeicher installiert, 2017 waren es noch weniger als die Hälfte. Der Haupttreiber für die Investition in erneuerbare Energien ist für die Kunden inzwischen, Strom für den Eigenverbrauch zu produzieren und nicht mehr die staatliche Förderung. Dazu kommen neue Möglichkeiten wie unser virtuelles Kraftwerk, mit dem Menschen mit ihrem Speicher zusätzlich zum Eigenverbrauch Geld verdienen können.

Ab wann lohnt sich ein Speicher finanziell?

Koch: Das hängt vom Energieverbrauch im Haus an. Für einen Single-Haushalt, der mit Erdgas Warmwasser erzeugt und 1.000 Kilowattstunden Strom im Jahr benötigt, lohnt sich ein Speicher allein zum Eigenverbrauch vielleicht nie. Anders sieht es in einem Drei- oder Vier-Personenhaushalt aus. Wenn dort auch noch viel Strom verbraucht wird, vielleicht eine Wärmepumpe als Heizung läuft und ein Elektrofahrrad häufig geladen wird, dann kann sich ein Speicher noch schneller lohnen. Ich denke, dass dies bald auch für immer mehr Haushalte der Fall ist, denn der Stromverbrauch in Deutschland steigt...

Sonnen aus Wildpoldsried im Oberallgäu ist einer der führenden Hersteller von Stromspeichern. Vor kurzem hat Shell das Unternehmen übernommen.
Bild: Ralf Lienert

Ein interessantes Phänomen. Energiesparen hat also wenig geholfen...

Koch: Früher hat man gedacht, der Stromverbrauch wird über das Energiesparen sinken. Das Gegenteil ist der Fall: Er steigt weiter und wird weiter steigen. Ein Grund ist, dass bisher fossile Energie aus Öl und Gas ersetzt werden muss wie bei Elektroautos oder Wärmepumpen. Natürlich sind die enormen Effizienzgewinne heutiger Elektrogeräte ein wichtiger Baustein aber damit allein werden wir das Problem eben nicht lösen können. Wir brauchen langfristig deutlich mehr Strom und der kann nur erneuerbar sein.

Forscher berichten über Fortschritte in der Entwicklung von Feststoffbatterien, die deutlich mehr Energie speichern können. Wäre das auch etwas für Sonnen?

Koch: Ja, wir sehen uns das Thema an. Energie zu speichern, muss sicher sein, wirtschaftlich sinnvoll und umweltverträglich. Feststoffbatterien können bei der Energiedichte etwas bewegen. Wir können uns vorstellen, dies in der Zukunft zu nutzen. Ich denke aber, bis zur Marktreife dieser Batterien ist es noch einige Jahre hin. Wir haben ja auch ein eigenes Batterielabor in Wildpoldsried, in dem wir neue Technologien selbst testen und schauen, ob sie unsere Anforderungen erfüllen können. Das ist hochinteressant.

Shell will zwei Milliarden Dollar pro Jahr in die Energiewende investieren

Sonnen gehört zu Shell, der als Ölkonzern bekannt ist. Wie harmoniert dies?

Koch: Shell hat sich zum Wandel zu erneuerbaren Energien bekannt und will dafür aktuell ein bis zwei Milliarden Dollar pro Jahr investieren. Das Unternehmen meint dies aus unserer Sicht ernst! Shell setzt dabei stark auf Strom als Energieträger und will sein Stromgeschäft signifikant ausbauen, deshalb harmonieren Shell und Sonnen aus meiner Sicht sehr gut. Der Strommarkt durchlebt gerade den größten Umbruch seiner Geschichte und da entsteht eben ein neuer Markt mit neuen Technologien, Geschäftsmodellen und natürlich auch neuen Akteuren. Strom wird in vielen Bereichen zum wichtigsten Energieträger. Das ist eine sehr spannende Phase.

Die Bundesregierung hat jetzt das 20 Jahre alte EEG reformiert. Welche Maßnahmen bräuchte die deutsche Energiewende Ihrer Meinung nach noch?

Koch: Ja, das neue EEG hat den Eigenverbrauch für Haushalte erst einmal gestärkt. Wir sind derzeit in Deutschland bei den erneuerbaren Energien im Strombereich bei circa 50 Prozent, wir müssen aber auf 100 Prozent kommen. Dafür müssen wir es ermöglichen, dass auf jedes geeignete Dach in Deutschland eine Solaranlage und in jeden Keller ein Speicher kommt. Die Kunden wollen zur Energiewende beitragen! Man muss es für sie aber noch einfacher machen. Noch einen zweiten Wunsch hätte ich...

Und dieser wäre?

Koch: Wichtig wäre es, dass es einen europäischen Strommarkt gibt. Die Strommärkte sind in der EU völlig getrennt voneinander, mit ihren eigenen Regeln. Hier wünsche ich mit, dass wir zu einem einheitlichen Markt kommen.

Was machen Sie bei sich zuhause für die Energiewende?

Koch: Auf das Dach unseres Reihenhauses in Ulm ist in diesen Tagen die Solaranlage gekommen. Wir fahren auch ein Elektroauto. Noch haben wir eine Gasheizung, die bald durch eine Wärmepumpe ersetzt werden soll. Es macht einfach Spaß, zu sehen, dass das ganze Haus mit Strom angetrieben wird, den man selbst erzeugt.

Zur Person: Oliver Koch, 48, ist neuer Chef des Stromspeicherherstellers Sonnen aus Wildpoldsried mit inzwischen 750 Mitarbeitern.

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