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Analyse

12.06.2018

Stadler oder Zetsche: Wer geht als Erster?

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Enorme Klebkräfte: Audi-Chef Rupert Stadler gibt nicht so schnell auf.
Bild: Christof Stache, afp

Dass der Audi-Chef noch im Amt ist, hat er einer besonderen Schutzformel mit dem dreifachen P-Faktor zu verdanken. Der Daimler-Boss ist nicht ganz so gut abgesichert.

Jürgen Pieper ist einer der erfahrensten deutschen Auto-Experten. Seit rund 25 Jahren analysiert der 63-Jährige die Branche. Die Sitten oder besser gesagt Unsitten in dem Wirtschaftszweig gehen dem renommierten Spezialisten des Bankhauses Metzler inzwischen viel zu weit. Zum Diesel-Skandal, der neben VW auch Daimler voll ereilt hat, sagt er unserer Redaktion: „Die Lage ist sehr, sehr schlimm, unsäglich, ja ätzend.“ Drei Jahre nach Aufkommen der Affäre um manipulierte Abgaswerte vermisst Pieper eine konsequente Aufklärung. Fast verzweifelt meint der Auto-Analyst: „Immer wieder werden Dinge gemeldet, die nicht in Ordnung sind. Immer wieder werden Dinge verheimlicht.“ Pieper beobachtet bei Auto-Managern eine ähnliche Haltung, wie sie Vertreter der Bank-Industrie vor 15 Jahren an den Tag gelegt hätten: „Die glauben, sie könnten wegen ihrer Erfolge über Wasser gehen.“

Wie kann es sein, dass Stadler im Amt verharrt?

Doch obwohl der Skandal immer weitere Kreise zieht, bleiben Audi-Chef Rupert Stadler und Daimler-Boss Dieter Zetsche noch im Amt. Pieper fällt dazu nur ein: „Vor zehn bis 15 Jahren sind Manager wegen eines Bruchteils an Vorwürfen zurückgetreten.“ Gerade was den Audi-Lenker betrifft, reiben sich Beobachter verwundert die Augen: Wie kann es sein, dass Stadler, nachdem ihm Staatsanwälte eng auf den Pelz rücken, im Amt verharrt? Was ist die Zauberformel für seine Widerstandsfähigkeit?

Vielleicht hilft eine Anleihe aus der Welt hochwertiger Sonnencremes. Stadler verfügt demnach über einen besonderen Schutzfaktor, die auf den ersten Blick mysteriöse 3-P-Formel. Die ersten beiden „P“ machen besonders deutlich, warum sich der 55-Jährige an den gleißenden Strahlen der Affäre bisher nicht verbrannt hat. Denn die Buchstaben verweisen auf die zwei mächtigen Auto-Dynastien der Porsches und Piëchs. Die beiden Familienstämme verfügen über ihre Holding Porsche SE über 52,2 Prozent der Stimmrechte an der Volkswagen AG. Ohne die Clanführer Wolfgang Porsche, 75, und Hans Michel Piëch, 76, geht nichts im Volkswagen-Kosmos. Gerade Letzterer soll mehr noch als der sanftmütige Wolfgang Porsche – „Wopo“ genannt – fast unbemerkt zum starken Mann im VW-Reich herangereift sein. Hans Michel Piëch ist der Bruder der Volkswagen-Legende Ferdinand Piëch, 81, der sich wohl aus Frust über die Diesel-Affäre fast ganz von seinen Konzern-Anteilen getrennt hat.

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Gegen Audi-Chef Stadler wird ermittelt, Daimler muss Hunderttausende Autos zurückrufen. Unser Wirtschaftschef Stefan Stahl ordnet die Entwicklungen im Video ein.
Video: Anika Zidar

Die Porsches und die Piëchs sind das doppelte Schutzsystem für Stadler, denn die Familien scheinen den Audi-Chef vorerst noch zu stützen. Betriebswirt Stadler genießt wegen seiner finanziellen Kompetenz zumindest nachhaltige Achtung in den Clankreisen. Auch scheinen die Piëchs und Porsches überzeugt zu sein, dass Stadler die Affäre bis zum bitteren Ende aufklären solle. Nicht wenige glauben ja, die Keimzelle des Skandals liege bei der VW-Tochter Audi.

Stadler hält sich vor allem auch wegen Porsche und Piëch im Amt

Stadler ist also der Affären-Sonne frontal ausgesetzt. Mutig sagte der Audi-Boss unserer Redaktion unlängst, er werde die Flinte nicht so schnell ins Korn werfen. Wichtiger als eine Flinte ist aber sein 3-P-Faktor. Denn die enorme Klebkraft Stadlers erklärt sich vollends erst mit dem dritten „P“. Hier kommt der erste Buchstabe des Nachnamens von VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, 67, ins Spiel. Der bei den Porsches und Piëchs ebenso wohlgelittene Mann war nämlich von 2003 bis 2015 VW-Finanzvorstand. Gegen den Mann ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Marktmanipulation. Ihm wird vorgeworfen, Anleger zu spät über den Skandal informiert zu haben. Pötsch ist wie Stadler ein Beschuldigter. Wenn einer von beiden gehen müsste, wäre der andere wohl auch dran. Die Piëchs und Porsches wollen aber Pötsch halten. Auch deswegen haben sie sich nicht vom Audi-Chef getrennt. Doch der Druck auf Stadler steigt immens.

In Branchenkreisen wird schon die Frage gestellt: Wer muss als Erster gehen, Stadler oder Zetsche? Über den Daimler-Mann bricht die Abgas-Affäre wie ein Tsunami herein, seit auch Autos der C-Klasse, also eines Brot- und Butterautos, ein Werkstatt-Besuch droht, weil der Verdacht auf Abgasmanipulation besteht. Dabei hat Zetsche einst beteuert, nicht betrogen zu haben. So setzt auch ihm immer mehr die Skandal-Hitze zu. Der Vertrag von Zetsche, 65, läuft bis Ende 2019. Dann soll ihn der Schwede Ola Källenius, 49, beerben. Oder nimmt er schon früher auf dem Chefsessel Platz? Zetsche verfügt jedenfalls nicht über Stadlers 3-P-Faktor. Denn der Daimler-Chef muss ohne mächtige Aktionärsschutzmacht überleben. Größter Einzelanteilseigner mit knapp zehn Prozent ist der Chinese Li Shufu. Der Investor ist keine sichere Bank für Zetsche. Verbündet er sich mit Fondsgesellschaften gegen ihn, wird es rasch eng für den Deutschen. Wer muss früher gehen? Stadler, dessen Vertrag bis 2022 läuft oder sein Kollege aus Stuttgart? Experten trauen sich keine Prognose zu. Auto-Analyst Pieper glaubt, Zetsche könne zumindest auf den ihm getreuen Aufsichtsratschef Manfred Bischoff, 76, setzen. Er verfügt nur über den einfachen B-Faktor und wirkt nicht so gut behütet wie Stadler.

Wie lange der Audi-Chef durchhält, ist unklar. Auch sehr gute Freundschaften können zerbrechen.

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