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Porträt

15.10.2020

Thomas Middelhoff sagt zum tiefen Fall: "Ich empfinde keine Bitterkeit"

Thomas Middelhoff genießt zunehmend sein neues Leben als Autor. Er versucht nicht mehr so viel an sein Scheitern als Manager zu denken.
Bild: Bernd von Jutrczenka, dpa

Der einstige Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff ist zufrieden mit seinem neuen Leben als Buchautor - auch wenn die Honorare an den Insolvenzverwalter gehen.

Als junger Mann träumte Thomas Middelhoff davon, in Irland Bücher zu schreiben. Er wäre dann in einem Haus am Atlantik gesessen, ein Irish Setter zu seinen Füßen. Den Blick aufs Meer gerichtet, hätte das Leben ihm behagt. Bis auf den Kauf eines solchen Hundes sollte sich all das nicht erfüllen. Middelhoff ging in die entgegengesetzte Richtung, wie der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard derart existenzielle Entscheidungen nannte. Die entgegengesetzte Richtung war das Leben der Wirtschaft, das eines fast krankhaft nach Anerkennung strebenden Managers.

Die entgegengesetzte Richtung erwies sich für den heute 67-Jährigen als vergiftete Falle. Dem Aufstieg zum Bertelsmann- und späteren Arcandor-, also auch Karstadt-Chef folgte ein Desaster: „Big T.“, wie ihn manche genannt hatten, wurde 2014 wegen Untreue zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Sein beträchtliches Vermögen hatte er verspielt. „Ich bin damit leichtsinnig und selbstverliebt umgegangen“, sollte er später erkennen. Die Jacht wie das Anwesen in Saint-Tropez waren weg, die Ehe scheiterte und der Ruf, den sich Middelhoff als einst erfolgreicher Bertelsmann-Macher erwarb, hatte einen Totalschaden erlitten. Er musste Platz nehmen in der dunklen und muffigen Schublade gescheiterter deutscher Manager. Oft führt aus dem Platzangst-Ort kein Weg zurück für gefallene Wirtschafts-Männer auf die sonnige, luftige Seite des Lebens. Wer will schon noch etwa etwas vom früheren Telekom-Zampano Ron Sommer wissen?

Früherer Karstadt-Chef Middelhoff ist nach der Haft ein zufriedener Mensch

Middelhoff besann sich am Tiefpunkt auf seinen Traum als junger Mann. Er begann zu schreiben, zunächst über sein Scheitern. Selten rechnete ein Manager derart schonungslos mit sich selbst ab wie Middelhoff in seinem Buch „Schuldig“. Er habe Sünden, ja Todsünden begangen, bezichtigte er sich und bekannte: „Die Rolle, die ich früher inbrünstig liebte, machte mich zum Teil zu einem arroganten Arschloch.“ Ist das alles nur eine neue Big-T-Show, der Versuch, nach einer radikalen Teil-Arschloch-Selbstabrechnung wieder als reumütiger Sünder geliebt zu werden?

Wohl kaum. Gespräch um Gespräch mit ihm schält sich ein Mensch heraus, der spät, aber dann doch noch die Abzweigung zur Demut gefunden zu haben scheint. Gefragt, wie er nun sein Talent als Autor einschätze, zögert Middelhoff kurz und meint schließlich: „Ob ich ein guter oder schlechter Schriftsteller bin, das will ich nicht sagen.“ Früher hätte er es gesagt und keinen Zweifel daran gehabt, ein Jahrhundert-Autor zu sein. Die Zeit im Gefängnis, gerade die besonders harten Tage in Untersuchungshaft, aber auch die „erfüllende Arbeit“ in einer Behinderteneinrichtung haben ihn nachdenklich, ja viel weicher gemacht. Dabei begleitet ihn seine neue Lebenspartnerin Deborah, eine Journalistin, kritisch, gerade was seine Arbeit als Autor betrifft. „Ich bin heute ein zufriedener Mensch. Ich sehe mich im Gleichgewicht“, sagt Middelhoff mit sanfter Stimme.

Ob er schon völlig zu sich selbst gefunden habe, wisse er nicht. In seinem früheren Leben hätte er das gewusst. Zur Demut mag auch eine schwere Autoimmunerkrankung beitragen, die er zwar im Griff habe, „aber die Medikamentation wird immer höher angesetzt“. Das führt zu Nebenwirkungen. In der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ blieb Zuschauern nicht verborgen, wie Middelhoffs linkes Auge blutunterlaufen war. „Das kommt von den Medikamenten“, sagt er. Doch lieber spricht der Autor über sein neues Buch „Zukunft verpasst? Warum Deutschland die Digitalisierung verschlafen hat“, das er mit dem Unternehmer und Gründer Cornelius Boersch verfasst hat.

Middelhoff will die Bundesregierung mit seinem Buch zu einem Digitalisierungs-Programm ermuntern

Middelhoff blickt nun nicht mehr wie in „Schuldig“ zurück, sondern auf Deutschland. Er will Hinweise geben, „wie manche Dinge hierzulande besser laufen könnten“. Dem geht – was die Digitalisierung betrifft – eine vernichtende Diagnose voraus. Die Autoren sprechen von einem „kollektiven Versagen von Managern, Politikern und Investoren“. Dabei erzählen Middelhoff und Boersch eine fiktive Geschichte, mit der sie die Manager heimischer Auto-Konzerne aus dem „digitalen Dornröschenschlaf“ aufwecken wollen: In dem bösen Märchen hat Google zunächst Tesla übernommen und dann Daimler geschluckt. Der neue Auto-Riese würde von Tesla-Tausendsassa Elon Musk gemanagt. Am Ende, so der düstere Traum der Wirtschaftskenner, bliebe als letztes deutsches Auto-Unternehmen Porsche übrig. Aber der Sportwagenbauer würde von der indischen Start-up-Firma „Fuzzi“ zum Spottpreis geentert.

Middelhoff will zeigen, wie in Deutschland nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes nach der Jahrtausendwende Internet und Digitalisierung von konservativen Unternehmern – auch Auto-Bossen – verteufelt wurden, während in den USA die Googles und Amazons ihre Chancen radikal nutzten. Am Ende, glauben die Autoren indes, wird China an den USA als Digitalmacht vorbeiziehen und Deutschland links liegen lassen. Middelhoff will mit dem Weckruf die Bundesregierung zu einem umfangreichen Digitalisierungs-Programm animieren. Aus dem Selbstbezichtiger wird ein Warner, eine neue Rolle, die ihm behagt: „Ich schreibe heute deutlich befreiter als zu der Zeit, als ich meine Traumata verarbeitet habe, ja als ich daran dachte, alles vor die Wand gesetzt zu haben.“ Er empfinde keine Bitterkeit mehr, alles verloren zu haben. Auch nicht darüber, dass seine Einnahmen aus den Buchverkäufen „an den Insolvenzverwalter gehen“. Middelhoff versichert: „Ich lebe von der pfändungsfreien Grenze der Pension.“ Dabei fällt auf: Er wirkt zunehmend heiter, manchmal vergnügt. Middelhoff lacht gerne.

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