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Abschieds-Interview

21.09.2019

Verdi-Chef Bsirske nennt Erfolg von Klimaschutz-Bewegung beeindruckend

Frank Bsisrke zeigt sich im Gespräch begeistert vom Engagement junger Klimaschützer.
Bild: Britta Pedersen, dpa

Exklusiv Frank Bsirske stand 18 Jahre an der Spitze der Gewerkschaft Verdi. Mit 67 Jahren tritt er ab und schaut noch mal auf die lange Zeit zurück - und in die Zukunft.

Wie bleibt man so lange oben wie Sie? Was ist Ihr Geheimnis für eine derart ausgedehnte Gewerkschaftskarriere?

Frank Bsirske: Indem man neugierig ist und das Gespräch mit den Menschen sucht. Man muss zuhören wollen und Sinn stiften.

Sie sind seit langem Mitglied der Grünen. Nun haben Sie ja Zeit, in die Politik zu gehen.

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Bsirske: Meine Frau und ich ziehen ja mittelfristig von Berlin nach Hannover zurück. In Hannover habe ich viele Kontakte, auch in die lokale Szene hinein. Ich könnte mir gut vorstellen, mich dort zu engagieren. Ich bleibe noch in dem einen oder anderen Aufsichtsrat. Und dann gibt es ja noch so viele interessante Bücher zu lesen. Auch will ich meine Fremdsprachenkenntnisse verbessern und mich körperlich fit halten. Das ist ein ordentliches Programm.

Jetzt wurde weltweit für Klimaschutz demonstriert. Sie unterstützen die Initiative „Fridays for Future“.

Bsirske: Das ist eine beeindruckende Bewegung, die junge Menschen auf die Beine gestellt haben, aus Sorge um ihre Zukunft, ja um die Zukunft aller. Sie setzen die Politik jetzt unter Druck. Tatsächlich muss politisch viel mehr geschehen als bisher. Bislang hat nur der Energiebereich geliefert. Der Verkehrsbereich und die Landwirtschaftsbetriebe haben ihren CO2-Ausstoß noch gesteigert. Und im Gebäudesektor befinden sich die Treibhausgas-Emissionen auf gleichbleibend hohem Niveau. Dank „Fridays for Future“ und dank des Engagements vieler anderer wurde so viel Druck in der Öffentlichkeit aufgebaut, dass reagiert werden muss. Ich finde das Engagement dieser jungen Leute klasse.

Können Sie diese jungen Klima-Schützer motivieren, auch mal einer Gewerkschaft wie Verdi beizutreten? Ihre Organisation verzeichnet ja einen Mitgliederrückgang von in der Spitze rund 2,8 auf noch etwa 1,9 Millionen.

Bsirske: In der Klima-Bewegung erleben die jungen Menschen ja, dass sie zusammen mehr bewirken können als der Einzelne. Und genau das ist ja auch der Sinn von Gewerkschaft: Als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gemeinsam mehr erreichen zu können als jede und jeder für sich alleine.

Verdi lässt selbst bei einer harten US-kapitalistischen Nuss wie Amazon nicht locker.

Bsirske: Wir haben hier in Verhandlungen mit dem nun wirklich potenten Gegenüber noch keinen Tarifvertrag erstritten. Dieser Konzern befindet sich ja auf dem Weg zum globalen Monopolisten. Amazon will die Arbeitsbedingungen weltweit amerikanisieren. Das heißt, wir haben es hier auch mit Kulturkampf zu tun. Doch die Wahrnehmung, dass Verdi gegen Windmühlen ankämpft, ist falsch. Auch wenn noch kein Tarifvertrag durchgesetzt ist, haben wir dort schon viel bewegt. Vor unseren ersten Streiks gab es vier Jahre keine Lohnerhöhungen. Und es gab kein Weihnachtsgeld. Das hat sich geändert. Heute gibt es regelmäßig Lohnerhöhungen, die sich an den Abschlüssen im Einzelhandel orientieren, Weihnachtsgeld und bessere Zuschläge.

Das Bohren dicker Amazon-Bretter scheint sich auszuzahlen.

Bsirske: Und was ganz wichtig ist: Das Selbstbewusstsein der Amazon-Belegschaft ist gewachsen. Sie setzen sich mutig mit dem Management auseinander. In einem Amazon-Logistikzentrum wie in Graben bei Augsburg sind die Beschäftigten in der Lage, aus dem laufenden Betrieb heraus in den Streik zu gehen und noch am selben Tag wieder die Arbeit aufzunehmen, was eine anspruchsvolle Form des Streiks ist.

Da gibt es noch einen anderen harten Kapitalisten, bei dem Sie sogar einen Tarifvertrag erkämpfen konnten.

Bsisrke: Beim irischen Billigflieger Ryanair haben wir für die Rechte einer blutjungen Belegschaft gekämpft. Der Konzern hat das Kabinenpersonal aus Krisenländern wie Griechenland und Italien, aber auch aus Litauen oder Polen rekrutiert. Die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten waren haarsträubend. Das war 19. Jahrhundert. Mitarbeiter flogen von deutschen Standorten aus, hatten aber irische Arbeitsverträge.

Wie hat sich das konkret ausgewirkt?

Bsirske: Nach Ende des Sommerflugplans bekam das Kabinenpersonal keinen Lohn mehr, erhielt aber auch kein Arbeitslosengeld, weil das Arbeitsverhältnis fortbestand. Für die Beschäftigten wurden keine Sozialversicherungsbeiträge abgeführt. Wenn sie flogen, haben diese Flugbegleiter im Monat nur 800 bis in Einzelfällen 1500 Euro verdient.

Am Ende haben Sie den irischen Milliardär und Ryanair-Gründer Michael O’Leary katholisch bekommen.

Bsirske: Ja, wir haben einen Tarifvertrag und Arbeitsverträge nach deutschem Recht durchgesetzt. Und wir haben auf der Lohnseite mit 1000 Euro mehr im Monat das Industrie-Niveau erreicht. Das ist ein beachtlicher Erfolg. Wir haben es hier ja mit einem extrem aggressiven, offen gewerkschaftsfeindlichen Arbeitgeber zu tun, der auch vor massiven Repressionen gegenüber Mitarbeitern nicht zurückgeschreckt hat.

Das müssen sich Menschen, die solche Billig-Flüge bereitwillig nutzen, doch vor Augen führen.

Bsirske: Das stimmt. Insofern sind Tarifverträge mit solchen Airlines der richtige Schritt, Dumping-Angebote zu erschweren. Es ist doch verrückt, dass ein Flug von Deutschland in ein anderes europäisches Land 19 Euro kostet und damit um ein Vielfaches billiger ist als eine Bahnfahrt. Das ist unanständig. Solche Billigflüge sind ja auch nur möglich, weil die Arbeitsbedingungen für Piloten und Kabinenpersonal unterirdisch sind.

Hier haben Sie einiges erreicht. Was war der größte Erfolg während Ihrer Amtszeit als Verdi-Chef?

Bsirske: Der größte Erfolg war es, dass mit Verdi aus fünf Gewerkschaften die starke Dienstleistungsgewerkschaft in Deutschland geschaffen worden ist. Weil wir durch den Zusammenschluss mehr Gewicht bekommen haben, konnten wir maßgeblich dazu beitragen, den gesetzlichen Mindestlohn durchzusetzen. Uns gelang es zudem, in den vergangenen Jahren über viele Branchen hinweg Reallohnzuwächse zu erreichen. Und wir konnten die Arbeits- und Entlohnungsbedingungen in den sozialen Berufen verbessern, wie etwa im Pflege-, aber auch im Erziehungsbereich.

Was war die größte Niederlage?

Bsirske: Für die Gewerkschaftsbewegung war es eine große Niederlage, dass wir die Agenda-2010-Beschlüsse der Regierung Schröder nicht verhindern konnten. Seither hat sich allerdings einiges zu unseren Gunsten bewegt.

Wie ist heute Ihr Verhältnis zu Gerhard Schröder als dem Mister „Agenda 2010“?

Bsirske: Wir hatten nie ein sonderlich herzliches Verhältnis. Als es um die Rettung von Kaiser’s Tengelmann ging, hat Schröder aber eine gute Rolle als Mediator zwischen Rewe und Edeka eingenommen. Da war ich mit von der Partie. Schröder und ich haben da gut zusammengearbeitet. In Sachen ,Agenda‘ liegen wir meilenweit auseinander. Ich war damals der meistgehasste Gewerkschafter im Bundeskanzleramt.

Ist Ihr Verhältnis zu Frau Merkel besser?

Bsirske: Ich schätze vieles an ihr: Da, wo ihr Vorgänger Schröder autoritär wurde, fängt sie an zu argumentieren. Frau Merkel ist eine kluge, reflektierte Politikerin. Natürlich gibt es zwischen Verdi und ihr gravierende politische Differenzen. So lehnen wir ihr Festhalten an der „schwarzen Null“ ab. Dennoch schätze ich Frau Merkel sehr.

Das sieht bei AfD-Politikern ganz anders aus. Wie können wir diesen Spuk am rechten Rand beenden?

Bsirske: Vor allem mit klarer Kante. Gerade die Erfahrung der CSU in Bayern zeigt ja, dass es keinen Sinn macht, sich thematisch anzubiedern. Besser ist es, die Auseinandersetzung mit AfD-Politikern zu suchen. Man muss sich doch nur mal die sozial- und wirtschaftspolitischen Konzepte dieser Truppe anschauen: Die wollen das Renteneintrittsalter erhöhen und die Erbschaftssteuer ganz streichen. Das sind harte Neoliberale. Und vor der Europawahl haben die auch noch die Rückkehr zur D-Mark gefordert, was strunzdumm ist. Schließlich ist die deutsche Volkswirtschaft der Hauptprofiteur des Euro.

AfD-Politiker wie Jörg Meuthen greifen linke Protagonisten wie Sie frontal an, etwa wenn er sagt: Wir wollen „weg vom links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland“. Auch ein Fall von klarer Kante.

Bsirske: Für diese Leute steht 68 für andere Geschlechterrollen, Frauenemanzipation, Gleichberechtigung, Ökologie, soziale Gerechtigkeit. Weltoffenheit und die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Nationalgeschichte. All das ist Teufelszeug für AfD-Politiker. Deswegen kündigen sie einen Kulturkampf an. Die wollen zurück zu einer anderen Gesellschaft. Damit muss man sich auseinandersetzen.

Wenn es nach dem früheren FDP-Generalsekretär Dirk Niebel gegangen wäre, hätte Ihre Gewerkschafts-Karriere 2008 ein jähes Ende gefunden. Der Politiker sagte damals: „Herr Bsirske soll in der Südsee bleiben. Wenn er jetzt nicht zurücktritt, sollten ihm die Gewerkschafter den Stuhl vor die Türe setzen.“

Bsirske: Ich habe damals eine Fehleinschätzung begangen, als ich im Sommer 2008 für meine Frau und mich zwei Gratis-First-Class-Flüge nach Los Angeles in Anspruch nahm, die mir zwar als Lufthansa-Aufsichtsrat satzungsgemäß zustanden, habe dabei aber nicht bedacht, wie das von außen betrachtet wirkt. Als mir mein Fehler bewusst wurde, habe ich beschlossen, die Flüge selbst zu zahlen.

Sie haben klar einen Fehler eingeräumt. Kann man mit einem solchen schnellen Geständnis und einer Entschuldigung die Karriere retten?

Bsirske: Um so etwas wie Karriere ging es gar nicht. Wenn man aber etwas als Fehler erkennt, ist es doch richtig, das auch offen einzuräumen. Ich war ja einst Personaldezernent in Hannover. Wir hatten damals Führungsleitsätze. Einer hat mir besonders gefallen. Er lautete: Auch Vorgesetzte dürfen Fehler machen und können dazu stehen.

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