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Studie

30.07.2018

Verpasst Bayerns Mittelstand die Chancen von „Big Data“?

Maschinen, Konsumenten und Internetnutzer erzeugen unzählige Daten. Diese auch sinnvoll zu nutzen, ist aber gar nicht so einfach.
Bild: Patrick Pleul, dpa (Symbolbild)

Konzerne wie Google sind Meister im Datensammeln. Im Mittelstand liegt das Thema „Big Data“ dagegen häufig brach. Die Günzburger Steigtechnik will das ändern.

Das Unternehmen Günzburger Steigtechnik stellt so praktische Produkte her wie Leitern und Rollgerüste. Es ist ein klassischer metallverarbeitender Betrieb mit rund 300 Mitarbeitern – seit vier Generationen familiengeführt. In diesen Tagen stößt das Unternehmen in eine Welt vor, die man sonst mit Technologiekonzernen wie Google oder Facebook verbindet. In der Produktion werden Maschinen der Günzburger Steigtechnik mit Sensoren und Kameras ausgestattet. Sie haben eine Aufgabe: unzählige Daten zu sammeln. Das Unternehmen erhofft sich dadurch eine Verbesserung der Produktion, berichtet Leopold Munk, der Mitglied der Geschäftsführung ist. Big Data – also das Sammeln und Auswerten riesiger Datenmengen – ist zwar aktuell ein großes Schlagwort. „Die Frage ist, wie man an Daten kommt und dann vernünftige Wege findet, diese Daten auszuwerten“, sagt er. In der Praxis nutzen heimische Mittelständler bisher kaum intelligente Instrumente der Datenanalyse, zeigt eine neue Studie.

Bei Günzburger Steigtechnik geht es um zwei Maschinen, die mit Sensoren und Kameras ausgestattet werden, berichtet Leopold Munk. Eine erste Maschine verbindet bei den Leitern die Sprossen mit dem Holm. Die Sprossen werden dafür umgebogen – Bördeln sagen die Fachleute dazu. Dieser Prozess geschieht tausendfach am Tag. Die Maschine ist darin sehr gut, doch in Zukunft soll der Vorgang noch präziser werden. Eine zweite Maschine stanzt Stufen. An beiden Maschinen angebrachte Sensoren und Kameras sollen nun ab Herbst große Datenmengen erzeugen. In einem zweiten Schritt geht es dann darum, die Daten auszuwerten und die Produktion zu verbessern.

Hochschule Augsburg: Projekt zu Transparenz in Produktionsprozessen

Günzburger Steigtechnik ist ein Partner eines Forschungsprojekts, an dem die Hochschule Augsburg, das Fraunhofer Institut und mehrere Firmen unserer Region beteiligt sind, darunter Renk und BMK in Augsburg oder Grob in Mindelheim. Denn Big Data, Industrie 4.0 oder das Internet der Dinge sind nur Schlagwörter. Dahinter verbergen sich zwei zentrale Fragen: „Wie lassen sich Produktionsdaten sammeln und intelligent auswerten? Und welchen Nutzen können kleine und mittelständische Unternehmen daraus für ihre Geschäftsmodelle ziehen?“ Diese Fragen zu beantworten, dabei wollen die Forscher helfen. Der Name des Projekts: Transparenz in Produktionsprozessen, kurz TRiP. Das Vorhaben ist bei weitem nicht das einzige, das sich aktuell mit Big Data beschäftigt. Denn der Handlungsbedarf in Bayern ist groß, wie die neue Mittelstandsstudie der Commerzbank zeigt.

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Commerzbank-Experte Humbach: Mittelstand lässt Potenzial von Big Data brachliegen

Der Mittelstand in Bayern lasse das Potenzial von Big Data brachliegen, warnt Frank Humbach, Niederlassungsleiter für Firmenkunden der Commerzbank in Augsburg. „Dabei gelten Daten als der Rohstoff des 21. Jahrhunderts.“ Für die Studie hat die Bank über 2000 Führungskräfte mittelständischer Unternehmen in Deutschland befragen lassen, davon 325 in Bayern. „In den Betrieben – auch bei uns als Bank – werden jeden Tag viele Daten gesammelt“, sagt Humbach. „Wichtiger ist es aber, die Daten gut zu analysieren und etwas Vernünftiges daraus zu machen.“ Nur dann könne man konventionelle Geschäftsmodelle ändern und einen Mehrwert schaffen. Genau hier herrsche aber Nachholbedarf.

„Daten gelten als Rohstoff des 21. Jahrhunderts“, sagt Frank Humbach, Niederlassungsleiter Firmenkunden der Commerzbank in Augsburg.
Bild: Commerzbank

Der Studie zufolge bemühen sich in Bayern heute zwar bereits 78 Prozent der befragten Unternehmen um eine systematische Nutzung ihrer Daten. Und 60 Prozent der Mittelständler sagen auch, dass Daten für sie eine zentrale Bedeutung haben. Doch die meisten Unternehmen erheben nur Standarddaten – zum Beispiel zur finanziellen Lage des Unternehmens. Nur 35 Prozent der Firmen verfügen über Zahlen, wie ihre Produkte von den Kunden genutzt werden. Und noch weniger Unternehmen – nämlich 25 Prozent – gelingt es am Ende, mit ihren Daten neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Ein Maschinenbauer könnte zum Beispiel Fernwartung als neue Dienstleistung anbieten. Viele Maschinen können heute schließlich über das Internet Daten senden. Andere Einsatzbereiche sieht Humbach in der Logistik oder im Einzelhandel – bis hin zu personalisierter Werbung auf dem Handy.

Mittelstandsstudie: Nur acht Prozent der Firmen sind auf dem Level von „Smart Data“

Doch die meisten Firmen – so das Fazit der Studie – lassen diese Möglichkeiten ungenutzt: Nur acht Prozent erfassen in vielen Bereichen Daten und ziehen daraus großen Nutzen. Das Thema intelligenter Datenauswertung stecke „in den Kinderschuhen“, sagt Humbach. Zwei Gründe macht er dafür verantwortlich. Zum einen liege die Datenauswertung häufig in den Händen der Chefs, die wenig Zeit haben. Spezialisten zur Datenauswertung beschäftige nur ein kleiner Teil der Unternehmen. Zum Zweiten gehe es Bayerns Unternehmen derzeit einfach sehr gut. Der Druck nach Veränderung sei damit nicht sehr groß. Dabei könne Datenauswertung großen Nutzen bringen, sagt der Bankfachmann. Das habe sein eigenes Institut erfahren.

Die Firma Günzburger Steigtechnik fertigt Leitern und Rollgerüste. Nun soll die Produktion noch intelligenter werden.
Bild: Bernhard Weizenegger

Die Commerzbank nutzt Datenanalysen, um betrügerischen Überweisungsaufträgen auf die Spur zu kommen. Auf diese Weise konnten 100 Millionen Euro an Kundengeldern zurückgeholt werden, berichtet Humbach. Big Data stelle damit aufgrund der zunehmenden Cyber-Kriminalität nicht nur ein Sicherheitsproblem dar, sondern helfe auch, dieses zu lösen.

In Günzburg rechnet Leopold Munk damit, dass seine Maschinen ab Herbst die ersten großen Datenmengen liefern, um die Produktion zu verbessern. Stehenbleiben will er dabei nicht: „Als Nächstes wollen wir schauen, welche neuen Geschäftsmodelle wir unseren Kunden anbieten können.“

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