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13.01.2018

Warum immer mehr Menschen regionale Produkte kaufen

Viele Menschen, die regionale Produkte kaufen, tun das, weil ihnen die Umwelt am Herzen liegt. Doch nicht nur das ist ein Beweggrund für sie, zu Obst und Gemüse aus der Region zu greifen.
Bild: Uli Deck, dpa (Symbolbild)

Die Heimat wird vielen wieder wichtiger. Doch Umweltschützer und Bauern klagen, dass Kunden Billig-Lebensmittel aus aller Welt kaufen. Warum sich das nun ändert.

Sehnsuchtsort, umkämpftes Wort - Heimat hat wieder Konjunktur. "Heimat" ist daher das Titel-Thema unserer Zeitung vom Samstag, 13. Januar. Alle Artikel unseres Schwerpunkts lesen Sie in unserem E-Paper.

 

Alle Macht liegt in den Händen des Verbrauchers. Das sagen Bauern, Verbraucherschützer und Umweltaktivisten gerne – meistens dann, wenn sie anprangern, dass sich Kunden falsch verhalten. Die Vorwürfe sind vielfältig: Die Konsumenten kaufen zu billiges Fleisch, zu billige Milch, zu viele Äpfel aus Neuseeland und Kartoffeln aus der Ukraine. Dabei gäbe es doch alles hier. Hier vor der Haustür. Doch den Verbrauchern ginge es nur ums Geld. Wenn sie doch bloß die Macht in ihren Händen ergriffen, regional und saisonal einkaufen würden, dann könnte sich so vieles ändern.

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Während die Verbände noch lamentieren, scheinen die Verbraucher schon weiter zu sein. Das sagt zumindest die Statistik. Wolfgang Adelwarth sammelt und analysiert im Auftrag der Gesellschaft für Konsumforschung, kurz GfK, Daten darüber, wie die Deutschen einkaufen. Und er sagt: „50 Prozent der Haushalte in Deutschland sind bereit, mehr Geld auszugeben, wenn sie wissen, dass ein Produkt aus ihrer Region kommt. Und dieser Anteil wächst.“ Nur: Was verstehen Menschen unter ihrer Region?

Jeder Zweite würde mehr Geld für regionale Produkte ausgeben

Auch das weiß Adelwarth: „Etwa ein Viertel der Bevölkerung definiert Region sehr eng“, sagt er. Nach ihrem Verständnis liegt die Grenze bei einer Entfernung von etwa 50 Kilometern. 40 Prozent der Bevölkerung würden noch Orte im Umkreis von 100 Kilometern zu ihrer Region zählen, sagt der Experte. Der Rest empfindet Produkte, die in Deutschland hergestellt wurden oder „Nürnberger Bratwürstchen“ und „Schwarzwälder Schinken“ heißen, als regional.

Was der Konsumforscher allerdings nicht weiß, ist, ob die Kunden auch tatsächlich zu regionalen Produkten greifen. „Wir können nur messen, was die Verbraucher in Befragungen sagen“, sagt er. Doch die GfK hat einen anderen Indikator: die Nachfrage. „Der Absatz von Produkten regionaler Marken wächst“, sagt Adelwarth. „Das deutet darauf hin, dass die Menschen regionale Produkte auch tatsächlich kaufen.“

Beispiele für diese regionalen Marken gibt es viele. So verkauft etwa die Allgäuer Supermarktkette Feneberg seit 20 Jahren regionale Bioprodukte unter dem Namen „Von Hier“. 600 Erzeuger und Verarbeitungsbetriebe im Umkreis von 100 Kilometern um Kempten vertreiben ihre Erzeugnisse unter diesem Label. Ein anderes Beispiel ist das Netzwerk „Unser Land“. Es stammt ursprünglich aus dem oberbayerischen Landkreis Fürstenfeldbruck, hat sich seit seiner Gründung im Jahr 1994 aber ausgedehnt. Inzwischen gehören Bauern aus zwölf Landkreisen zu dem Netzwerk. Darunter sind etwa Augsburg, Aichach-Friedberg und Landsberg am Lech. Produkte aus jedem Landkreis tragen ihren eigenen Markennamen, etwa „Augsburger Land“ oder „Landsberger Land“.

Vor 60 Jahren sei die Herkunft eines Lebensmittels nichts gewesen, worüber man sich Gedanken gemacht habe, sagt Marianne Wagner, Pressesprecherin des Netzwerks. „Aber einfach weil es völlig normal war, dass man regionale Dinge einkauft.“ Mit der Globalisierung hätte sich das geändert. Es gab Dinge aus der ganzen Welt und die Kunden griffen zu. Erst nach und nach hätten sie sich Gedanken darüber gemacht, was ihre Kaufentscheidung bedeutet. „Wenn ich regional konsumiere, kann ich mitbestimmen, wie meine Umgebung aussieht“, sagt Wagner, die seit 18 Jahren für die Initiative arbeitet. „Das heißt, wenn ich jeden Tag an einer Streuobstwiese vorbeiradle, kann ich sagen: Ich möchte die erhalten und kaufe deshalb bei diesem Bauern ein.“ Aus ihrer Erfahrung weiß Wagner: „Die Verbraucher sind schlau. Sie können bewerten, welche Einflusse die Globalisierung hat und welche der regionale Konsum.“

Wer Regionales kauft, hängt an seiner Heimat

Warum sich jemand für Obst und Gemüse aus der Nachbarschaft entscheidet, ist unterschiedlich, sagt Adelwarth. Für 24 Prozent der Haushalte spiele der Umweltgedanke eine Rolle. Sie wollen lange Transporte vermeiden und die Vielfalt in der eigenen Region erhalten. In der Konsumforschung heißt diese Gruppe Lohas – eine Abkürzung, die sich aus den Anfangsbuchstaben von Lifestyle of Health and Sustainability zusammensetzt. Diesen Menschen geht es um ihre Gesundheit und um Nachhaltigkeit. Für 27 Prozent der Haushalte stehe bei ihrer Entscheidung die Heimatverbundenheit im Vordergrund. Adelwarth nennt sie scherzhaft „Hirschhornknopf-Fraktion“. Ihnen geht es um ihre Identität, um ihre Wurzeln. „Die drücken sie nicht nur aus, indem sie Dialekt sprechen, sondern auch, indem sie Produkte aus der Umgebung kaufen.“

Für den Lebensmitteleinzelhandel ergibt sich aus diesen beiden Gruppen eine interessante Ausgangslage: Wenn er Produkte als regional bewirbt, spricht er gleich zwei Zielgruppen an – und über die Hälfte der deutschen Haushalte. Das haben Supermarktketten und Discounter erkannt. Für Discounter sei es zwar schwerer, nur regionale Produkte zu verkaufen, da sie deshalb so günstig seien, weil sie von Lieferanten große Mengen abnehmen. Aber Lidl zum Beispiel hat eine eigene regionale Marke. Die großen Vollsortiment-Märkte wie Edeka und Rewe bieten ebenfalls regionale Produkte an. Rewe etwa hat 2012 die Eigenmarke „Rewe regional“ eingeführt. Der Grund: „Rewe bedient damit das gestiegene Kundenbedürfnis“, heißt es von dem Unternehmen. Und man könne sich so von Mitbewerbern abheben. Das zeigt: Alle Macht liegt eben doch in den Händen der Verbraucher.

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