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Wasserstoff statt Strom: Verkehrswende tut erst einmal weh

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Kommentar Von Tobias Schaumann
28.07.2019

Es ist richtig, Elektromobilität nicht allein auf die Batterie zu beschränken. Aber auch die Brennstoffzelle hat ihre Nachteile: Deutschland ist nicht vorbereitet.

Endlich Urlaubszeit in Bayern! Alles verreist. Der ADAC warnt vor den schlimmsten Stauwochenenden des Jahres. Wer nicht fährt, fliegt. Gut-und-günstig-Ziele wie Ägypten und die Türkei liegen wieder voll im Trend. In den Gärten der Daheimgebliebenen rauchen die Grills.

Allein „die Klimakrise macht keine Ferien“ (Greta Thunberg) und so haben die Deutschen, ein Volk von tapferen Weltrettern, selbst in diesen Tagen viel zu diskutieren: Flugverbote, CO2-Steuer, Wasserstoff-Antrieb.

Wasserstoff-Antrieb? Ja, in der Tat werden Stimmen lauter, die eine stärkere Hinwendung zu dieser Technologie fordern – mit teils bemerkenswerter Vehemenz. Die hat ihren Grund: Mögliche Lösungen liegen seit Jahrzehnten in der Schublade, aber ihre Fürsprecher finden bislang kaum Gehör. So etwas stresst jede Lobby.

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Wasserstoff statt schwere Batterien

Dabei verdient die Auseinandersetzung mit alternativen Antrieben die gleiche kritische Würdigung wie die mit konventionellen. Eine ideologiefreie Betrachtung scheint der batteriebetriebenen Mobilität derzeit eher zu schaden. Schon durch die Produktion der Akkus gehen die Stromer mit einem gewaltigen CO2-Rucksack an den Start. Auch in der Konstruktion und im Betrieb der Autos machen die schweren und klobigen Batterien wenig Freude.

Hier ist die Wasserstoff-Technologie im Vorteil. Der Strom wird in einer Brennstoffzelle erzeugt. Der „Sprit“ kommt, wie gehabt, aus einem Tank. Weiteres Plus: H2 lässt sich im Prinzip genauso schnell nachfüllen wie Benzin. Und die Reichweiten unterscheiden sich ebenfalls nicht dramatisch.

Ansonsten plagt sich die Wasserstoff-Fraktion mit denselben Problemen wie die Batterie-Liga: Die Autos sind relativ teuer. Das Netz an Lade- beziehungsweise Tankmöglichkeiten hat große Lücken.

Ein Wasserstoff-Auto kostet 80.000 Euro

Beides mag zwar hier wie dort lösbar sein. Doch ist die Elektromobilität stark vom Henne-Ei-Prinzip geprägt. Was kommt zuerst, die Infrastruktur oder die Nachfrage, die Nachfrage oder der Preis? Autos werden erst billiger und damit populärer, wenn man sie in hohen Stückzahlen herstellt. Heute kostet der meistverkaufte Wasserstoff-Pkw, ein Toyota, 80.000 Euro. Gesamtzahl aller H2-Fahrzeuge im Januar 2019 in Deutschland: 392. Zahl der Tankstellen: 71.

In anderen Ländern steht der Wasserstoff besser da, zum Beispiel in Japan. Dort hat man aber auch keine Atomkraftwerke abgeschaltet. (Seit diesem Sommer baden die Menschen wieder am Strand von Fukushima.) Der Schlüssel für einen Durchbruch liegt in einer CO2-neutralen Stromerzeugung. Schon die H2-Produktion verschlingt viel elektrische Energie. Und die Autos selbst verfügen zwar über einen besseren Wirkungsgrad als Verbrenner, aber über einen schlechteren als batteriebetriebene Wagen.

Deutschland ist meilenweit von Alternativen Antrieben entfernt

All dies müsste unser Strommix wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll abbilden. Davon jedoch ist Deutschland derzeit meilenweit entfernt. Um jedes Windrad, um jeden Meter Trasse wird gestritten. Die Strompreise steigen und steigen. Wasserstoff-Importe im großen Stil sind denkbar. Aber will man sich wieder von Lieferländern abhängig machen wie beim Öl?

Trotz dieser Herausforderungen bleibt das Ziel einer nachhaltigeren Mobilität richtig und wichtig. Da kann auch die Brennstoffzelle helfen. Politiker sollten sich jedoch um Rahmenbedingungen kümmern, nicht um Technik. Vor allem müssen sie, wenn sie Elektromobilität mit Macht durchdrücken, den Menschen endlich reinen Wein einschenken: Verkehrswende tut erst einmal weh. Klimaschutz kostet. Da müssen die Deutschen ehrlich zu sich selbst sein. Der Schlüssel liegt in der Stromerzeugung.

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28.07.2019

Solange in Deutschland Strom noch aus Kohle hergestellt wird, spricht in den nächsten 20 Jahren außerhalb von erweiterten Innenstädten absolut nichts gegen den Dieselantrieb. Die Zukunft ist der E-Antrieb - Speicherung und Tankvorgang sind die Felder der Forschung.

Und dieser Umstiegszeitraum liegt in Deutschland weiter in der Zukunft, weil man bei der Abschaltung mit den Atom- und nicht den Kohlekraftwerken beginnen wollte.

Und bis dahin brauchen wir einfach Technologieoffenheit bei der Stromspeicherung statt Festlegung auf über 1,5 Tonnen schwere E-Kleinwagen wie den Renault ZOE.

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28.07.2019

Schön, Herr Michael G., dass Sie so offen für neue Technologien sind! Ich fahre auch ein e- auto und sehe Vieles wie Sie. Allerdings sehe ich auch H-Autos nicht so pessimistisch. Ich kann mir gut eine Parallelentwicklung vorstellen, da sie auf lange Distanzen durchaus Vorteile haben können. Ich hoffe auch, dass es die erforderlichen Innovationen bei der Batterieproduktion, dem Ausbau der Erneuerbaren und der Substitution bestimmter Rohstoffe gibt. Ich werde mir jedenfalls kein konventionelles Auto in diesem Leben mehr kaufen.

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28.07.2019

Das Wasserstoff Auto hat ausschließlich Nachteile gegenüber dem e-Auto.

Das einzige was man als Vorteil anmerkt: schnelleres „tanken“.
ABER: die Entwicklungen bei eAuto sind so rasant und man kann den Tesla schon jetzt mit über 1000km/h laden. In den USA werden schon die ersten 250kW Säulen installiert, mit denen dann Ladegeschwindigkeiten über 1500km/h möglich sind. sie haben damit ihren Akku nach 10 Minuten auf 80% und haben dann mit z.B. dem Model 3 über 450km Reichweite. Außerdem zahlt jeder mit einer PV Anlage nicht einmal 1€/100km.

Übrigens: es besteht keine Kopplung zwischen Brennstoffzellen und Antrieb. Die Brennstoffzelle lädt in einen Akku, welcher dann wieder eMotoren ablöst.
Damit hat jedes Wasserstoffauto genau wie ein Batterieauto einen Akku
Eine Hybridlösung, die bekanntlich ineffizient und teuer ist.
Der Wasserstoff kostet auch ein Vielfaches von Diesel, Benzin, vom Strom erst ganz zu schweigen. Und das obwohl er subventioniert wird!

Ich wundere mich aber sehr, dass jetzt die mediale Propagierung des Wasserstoffautos in Deutschland angefahren wird. Da wurde wohl ordentlich Lobby Arbeit geleistet. Man möchte wohl erreichen, dass die Menschen wie bisher an die Tankstelle fahren und dort ihr Geld da lassen. Da hat wohl die Tankstellenlobby Angst um ihre Kunden!

Zu guter letzt möchte ich ein paar Märchen entkräften, die immer wieder erzählt werden.
Herr Schaumann, sie behaupten Akkus starten mit einem Riesen CO2 Rucksack.. gibt es dafür Quellen? Tesla produziert z.B. in der Gigafactory mit 100% regenerativem Strom, der Großteil kommt von der gigantischen PV Anlage auf deren Dach.

„Schwere Akkus machen in der Konstruktion und betrieb wenig Freude“ - Sätze von jemanden, der anscheinend weder Ahnung von der Konstruktion hat, noch jemals in einem eAuto saß.

Für Ingenieure ein Traum, da Dutzende Bauteile weg fallen. Man hat z.B. kein Kardantunnel, was den Fond deutlich vergrößert.

Einen tiefer Schwerpunkt fordert die Fahrstabilität und Straßenlage, demzufolge versucht man immer einen möglichst niedrigen zu erreichen.
Bei eAutos sind die Batterien am Boden, der Schwerpunkt extrem niedrig und das Fahrzeug fährt wie eine „1“, was eAuto Fahrer zum einen sehr loben, und wer etwas sportlicher fährt, hat auch noch größte Freude daran.

Wasserstoffbomben geht genauso schnell wie Benzin; Quatsch! Es dauert ein Vielfaches um es muss mit mehreren hundert Bar gearbeiteten werden. Sprich nach 1-2 Tankvorgängen muss sich die Pumpe erstmal eine viertel Stunde erholen.
Ich bin mir sicher, dass spätestens 2025 das laden Schneller geht als das H2 tanken.
Übrigens kostet sie das laden im Normalbetrieb keine 20 Sekunden: sie müssen nur den Stecker anstecken, beim Laden müssen sich nicht aktiv dabei sein.

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28.07.2019

Was bietet Tesla für diese Ansammlung von Märchen?

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28.07.2019

@Andreas Guldner

Ich bitte um konstruktive Kritik, was genau ist ein „Märchen“ bzw. stimmt ihrer Meinung nach nicht?

Und noch ein kleiner Anhang, falls das von Ihnen erst gemeint war: weder habe ich etwas mit Tesla zu tun, noch werde ich von irgendjemandem für diesen Kommentar bezahlt.

Grüße!

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