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Augsburg

10.07.2018

Weltbild will Betriebsrats-Chef loswerden

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In der Augsburger City-Galerie verkauft Weltbild weiterhin Bücher.
Bild: Bernhard Weizenegger

Das Augsburger Unternehmen Weltbild will den Arbeitnehmervertreter fristlos kündigen. Die Gewerkschaft Verdi hat jetzt eine Solidaritätsaktion gestartet.

Es muss eine merkwürdige Stimmung in der Luft gelegen haben, als die Weltbild-Beschäftigten am Montag zusammenkamen. Erst zwei Wochen zuvor hatte die letzte Betriebsversammlung stattgefunden, der Gesprächsbedarf ist groß. Bei dem Treffen informierte der Betriebsrat die Mitarbeiter, dass die Weltbild-Spitze ihren obersten Arbeitnehmervertreter fristlos kündigen will. Die Geschäftsführung selbst ließ sich bei der Versammlung nicht blicken.

Die Kündigung ist bereits vor einem knappen Monat eingeleitet worden. Ein Betriebsrats-Chef kann allerdings nicht einfach so entlassen werden, Arbeitnehmervertreter genießen in Deutschland einen besonderen Kündigungsschutz. Einen solch schwerwiegenden Schritt muss der Betriebsrat absegnen. Der sprach sich allerdings einstimmig gegen eine Entlassung aus. Als Konsequenz hat die Weltbild-Geschäftsführung nun einen Antrag beim Augsburger Arbeitsgericht gestellt, die Kündigung über den Betriebsrat hinweg zu erlauben. Ende Juli treffen sich die Parteien vor Gericht.

Verdi: Vorwurf gegen Betriebsrats-Chef von Weltbild sei "skandalös"

Die Chefetage von Weltbild wirft dem Arbeitnehmervertreter nach Angaben der Gewerkschaft Verdi vor, aktiv zu Straftaten angestiftet zu haben. Er soll demnach einem gekündigten Mitarbeiter im tschechischen Logistik-Werk geraten haben, sich krank zu melden. Der Betriebsrat bestreitet das laut Verdi allerdings. Bei Weltbild will man sich zu dem Fall nicht äußern. Eine Sprecherin erklärte auf Anfrage, dass die Verlagsgruppe vor dem Hintergrund des anstehenden Gerichtsverfahrens keine Stellungnahme abgeben könne.

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Gewerkschaftssekretär Thomas Gürlebeck äußert sich umso bereitwilliger. „Der Vorwurf ist skandalös und sucht seinesgleichen“, betont er. Gürlebeck spricht von „schmutzigen Tricks und ehrverletzenden Behauptungen“ gegen den Betriebsrat. „Um die planlosen Strategien des Gesellschafters gegen jede Vernunft und den Willen der Belegschaft durchzusetzen, will man den Betriebsratsvorsitzenden auf ganz schäbige Art und Weise aus dem Unternehmen entsorgen.“

Auch Erwin Helmer ist empört. Der Leiter der Katholischen Betriebsseelsorge in Augsburg pflegt einen engen Kontakt zu den Unternehmen in der Region, über die Jahre hat er viel erlebt und gesehen. Die Vorgänge bei Weltbild sind für ihn dennoch „ein ungeheurer Vorgang“. In einem offenen Brief hat er sich an die Droege-Gruppe gewandt, die Weltbild nach der Insolvenz im Jahr 2014 übernommen hat. Darin beklagt er, dass das Unternehmen „einem aktiven und in der Sache immer vernünftigen und hoch engagierten Betriebsratsvorsitzenden übel mitspielt“.

Weltbild-Betriebsrat gibt sich kämpferisch

In Mitarbeiterkreisen wird vermutet, dass der Betriebsrats-Chef der Weltbild-Spitze zu unbequem ist. Die Stimmung im Unternehmen ist nicht gut, unter den Beschäftigten geht seit der Insolvenz immer wieder die Sorge um, dass noch mehr Stellen wegfallen könnten. Erst im vergangenen Jahr war die ehemalige Weltbild-Logistik geschlossen und nach Tschechien verlagert worden, 260 Mitarbeiter verloren damals ihren Job. Mittlerweile arbeiten nur noch 350 Menschen in Augsburg für Weltbild – ein Bruchteil derer, die zu Spitzenzeiten bei der Verlagsgruppe beschäftigt waren. Vor der Pleite war Weltbild der zweitgrößte Buchhändler Europas, zählte zeitweise 6000 Mitarbeiter.

Im Weltbild-Betriebsrat gibt man sich jetzt kämpferisch. „Wir stehen hundertprozentig hinter unserem Vorsitzenden“, betont die stellvertretende Betriebsrats-Chefin Dolores Sailer. Die Gewerkschaft hat unter dem Motto „Finger weg von unserem Betriebsrat“ eine Postkarten-Aktion gestartet. Die Karten sollen direkt an Weltbild-Geschäftsführer Christian Sailer gehen. Bei der Betriebsversammlung sammelten die Mitarbeiter außerdem spontan Unterschriften, um ihre Solidarität zu zeigen. „Die Belegschaft ist betroffen“, sagt Betriebsrätin Sailer.  „Dass man so mit Menschen umgeht, sind wir nicht gewöhnt.“

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