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Interview mit Kuka-Chef

14.05.2014

Wenn die Zäune zwischen Menschen und Robotern fallen

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut Roboter für die Industrie. Till Reuter leitet das Unternehmen und rechnet mit baldiger Konkurrenz durch Google.
Bild: Fred Schöllhorn

Kuka-Chef Reuter glaubt, dass die automatischen Helfer auch in kleine Betriebe einziehen. Das Unternehmen steht nach einer Krise wieder gut da. Doch es gibt neue Konkurrenten.

Als er vor fünf Jahren die Führung des Augsburger Roboter- und Anlagenbauers Kuka übernahm, kannte Till Reuter kaum einer in der Region. Der 46-Jährige hat zuvor als Wirtschaftsjurist, Rechtsanwalt und Investmentbanker für Adressen wie die Deutsche Bank, Lehman Brothers und Morgan Stanley gearbeitet.

Der neue Großaktionär von Kuka, die Familie Grenzebach aus dem nordschwäbischen Hamlar, schätzte Reuter und schenkte ihm Vertrauen. Mit seiner Schweizer Investmentgesellschaft Rinvest engagierte sich Reuter auch persönlich finanziell bei dem Maschinenbauer. Am 28. Mai stellt er sich auf der Hauptversammlung in Augsburg den Aktionären.

Lange wurde spekuliert, Sie würden Kuka nach erfolgreicher Sanierung verlassen und als Investmentbanker arbeiten. Jetzt ist das Unternehmen wieder fit und der Aufsichtsrat hat Ihren Vertrag bis 2020 verlängert. Zieht es Sie nicht zurück in den alten Beruf und Ihre Wahlheimat, die Schweiz?

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Reuter: Unter der Woche bin ich hier in Augsburg oder für Kuka weltweit unterwegs. Am Wochenende bin ich öfters in meiner Schweizer Heimat. Ich identifiziere mich stark mit Kuka und Augsburg. In Gegensatz zu früher, weiß ich immer, gegen wen der FC Augsburg spielt und wo er in der Tabelle steht. Unsere Konzernfarbe ist ja orange. Das ist auch meine Farbe geworden.

Man sieht Sie öfters eine orangene Krawatte tragen. Müssen Sie das?

Reuter: Nein, das mach ich freiwillig. Ich fühle mich sehr wohl bei Kuka. Augsburg ist die Heimat unseres Unternehmens. Hier ist das Herz der Firma. Hier sitzen hervorragende Entwickler, Manager und Facharbeiter, die uns voranbringen. Auch wenn wir unsere weltweite Präsenz wie zuletzt in China weiter ausbauen, bleibt Augsburg mit rund 3000 Mitarbeitern auch künftig zentraler Produktionsstandort. Wir werden hier also nicht nur forschen und Strategien austüfteln, sondern weiter Roboter und Anlagen für die Industrie bauen.

Sie haben in China ein neues Werk eingeweiht. Geht das doch irgendwann zulasten des Standorts in der Region?

Reuter: Ganz im Gegenteil. Wir investieren kräftig weiter in Augsburg. Dort bauen wir für rund 60 Millionen Euro ein neues Entwicklungs- und Technologiezentrum. Ende 2015 soll es fertig sein. In dem Gebäude werden rund 800 Menschen arbeiten. Das ist ein deutliches Bekenntnis für die Region.

Und was passiert mit dem Standort im unweit von Augsburg gelegenen Gersthofen mit seinen noch rund 200 Mitarbeitern? Wann wird er aufgelöst?

Reuter: Wir werden uns voll auf den wachsenden Augsburger Standort konzentrieren. Im Laufe der zweiten Jahreshälfte 2015 werden die Beschäftigten aus Gersthofen schrittweise nach Augsburg umziehen. Es geht uns darum, all unsere Spezialisten an einem Platz zu haben. Unser neues Entwicklungszentrum soll auch eine Art Campus werden, wie es uns die US-Firmen im kalifornischen Silicon Valley vormachen.

Wird Kuka nach der Übernahme des deutschen Roboterbauers Reis mit weltweit jetzt rund 9000 Mitarbeitern ein kleiner Konzern?

Reuter: Das Wort Konzern mag ich gar nicht. Konzern klingt immer nach 15 Ebenen und langen Wegen. Wir wollen unseren mittelständischen Geist bewahren. Dazu braucht man Strukturen, die rasche Entscheidungen möglich machen. Wir sind ein global ausgerichteter Mittelständler, der in der Autoindustrie weltweit die Nummer eins ist. Fast alle Autofirmen bestellen bei uns Roboter und Anlagen, nicht nur Daimler, Volkswagen und BMW. Kuka ist eine Weltmarke und steht für deutsche Ingenieurkunst.

Ist das auch in China so?

Reuter: Absolut. Die aufstrebenden chinesischen Autobauer setzen auf uns. So hat ein bedeutender chinesischer Autobauer die stolze Zahl von 1125 Kuka-Industrierobotern bestellt. Der Auftrag hat ein Volumen im zweistelligen Millionenbereich. Wir werden den gigantischen Auftrag von unserem neuen Werk in Shanghai abwickeln. Dort arbeiten rund 350 Mitarbeiter.

Ist es nicht gefährlich, sich wie VW oder Audi vom chinesischen Markt derart abhängig zu machen? Was passiert, wenn eine Krise kommt?

Reuter: Gefährlich wäre es vielmehr, nicht intensiv auf China zu setzen. Dort gibt es anders als in den Märkten mit höherem Automatisierungsgrad wie Europa noch enorme Wachstumsmöglichkeiten. Momentan machen wir in Europa rund eine Milliarde Euro Umsatz, in den USA etwa 500 Millionen und in China rund 300 Millionen. Unser Ziel ist es, den Umsatz in China zu verdoppeln.

Vor fünf Jahren waren die Kukaner, wie sich die Mitarbeiter nennen, verunsichert. Das Unternehmen steckte tief in den roten Zahlen, musste Stellen abbauen. Wie ernst war die Lage?

Reuter: Die Lage war sehr kritisch. Die Banken standen vor der Tür. Meine erste Aufgabe war es, die Finanzierung des Unternehmens wieder auf eine solide Basis zu stellen. Wir brauchten eine Kapitalerhöhung. Das haben wir nach sechs Wochen geschafft. Wäre das nicht gelungen, wären unser Investitionsspielraum und die Handlungsfähigkeit des Unternehmens beschnitten gewesen. Damals konnten wir weniger als 30 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung stecken. Heute sind es 60 Millionen Euro.

Die Kuka-Mitarbeiter haben viel erreicht. Ist es jetzt an der Zeit, nach aufwühlenden Jahren endlich mal tief durchzuatmen?

Reuter: Das wäre schön, geht aber leider nicht. Als Technologieführer wird von uns auch in Zukunft viel gefordert. Von der einen Seite werden sicher die Chinesen kommen. Noch haben sie keinen eigenen Roboterbauer. Doch das wird sich ändern. Und von der anderen Seite werden uns amerikanische Giganten, wie der Suchmaschinen-Platzhirsch Google, Konkurrenz machen.

Google? Lässt der US-Riese selbst einen Maschinenbauer wie Kuka nicht in Ruhe?

Reuter: Google hat einige Roboterhersteller gekauft. Experten rätseln, welche Strategie dahintersteckt. Klar ist, Google hat die Robotik als Trend erkannt.

Hat Kuka keine Angst vor Google? Die Robotersparte des Konzerns wird von Andy Rubin geleitet, der maßgeblich an der Entwicklung des Android-Betriebssystems beteiligt war. Damit laufen Samsung-Smartphones.

Reuter: Die Konkurrenz aus den USA spornt uns an. Wir nehmen diese neuen Wettbewerber sehr ernst. Wir konzentrieren uns darauf, in der Robotik neue Standards zu setzen. Die einfache Bedienbarkeit ist dabei ein wichtiges Thema.

Was heißt das konkret?

Reuter: Dahinter steckt die Vision, dass Jedermann in der Lage sein soll, einen Roboter zu bedienen und ihm Aufgaben zu stellen. Genau an diesem Thema arbeiten wir intensiv. Auf der Fachmesse Automatica werden wir von 3. bis 6. Juni in München zeigen, wie Mensch und Roboter ohne Schutzzaun zusammenarbeiten können. Dafür haben wir erfolgreich einen Leichtbau-Roboter und eine neue Software entwickelt. Diese leicht zu bedienenden Roboter sollen – das ist meine Vision – auch in kleine Betriebe einziehen.

Und welche Branchen außerhalb der Autoindustrie wollen Sie erobern?

Reuter: Hier kommen wir wieder nach China, wo viele Smartphones und Tablets noch mit sehr viel Handarbeit hergestellt werden. Hier besteht ein enormer Nachholbedarf an Automatisierung. Wir haben die Produkte dafür und wollen diese Chance nutzen, genauso wie wir es auch durch die Übernahme einer französischen Firma geschafft haben, unsere Position bei der Automatisierung der Flugzeugproduktion zu stärken.

Planen Sie weitere Übernahmen?

Reuter: Wenn sich Gelegenheiten bieten, prüfen wir diese genau. Das können auch größere Akquisitionen von 100 bis 150 Millionen Euro sein. Interview: Stefan Stahl

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