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Handwerk

04.06.2019

Werden bald Ablösesummen für Lehrlinge gezahlt?

Weil viele Auszubildende nach ihrer Lehre in anderen Wirtschaftsbereichen tätig sind, hat der deutsche Handwerkspräsident die Idee einer Entschädigung ins Spiel gebracht.
Bild: Kahnert, dpa (Symbol)

Handwerkspräsident Wollseifer will Betriebe entschädigen, wenn diese ihre Azubis an andere Wirtschaftsbereiche verlieren. Die HWK Schwaben nutzt andere Methoden.

Die Ablösesumme – ein Begriff, der die Grenzen der Sportwelt längst überwunden hat. Spezialisten und Manager kosten in der Wirtschaftswelt seit vielen Jahren oft hohe Ablösen. Was in diesen Bereichen also Usus ist, soll sich nun auch im Handwerk für Azubis durchsetzen. Zumindest wenn es nach Hans Peter Wollseifer geht, Präsident der Deutschen Handwerkskammer.

Zwei von drei Fachkräften, die im Handwerk qualifiziert würden, arbeiteten im Laufe ihres Berufslebens in anderen Wirtschaftsbereichen, klagt der Handwerkspräsident. „Unsere gut ausgebildeten jungen Leute werden abgeworben“, sagt er. Er denke deshalb über eine Entschädigung für Ausbildungsbetriebe nach, die Nachwuchskräfte direkt nach der Lehre verlieren. Konkret könnte man regeln, erklärte Wollseifer, dass Auszubildende in den ersten Jahren nach ihrer Lehre nur dann den Betrieb wechseln dürfen, wenn der neue Arbeitgeber einen Teil der Ausbildungskosten übernimmt.

Ein schwäbischer Handwerksvertreter verweist auf den Markt

Unternehmen liege viel daran, junge Mitarbeiter über ihre Ausbildung hinaus im Betrieb zu halten, erklärt Ulrich Wagner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Schwaben. Denn die Konjunktur befinde sich im Handwerk noch immer auf einem hohen Niveau. Um die vollen Auftragsbücher abzuarbeiten, brauche es Mitarbeiter. Da müsste die Idee Wollseifers, Betrieben für abgeworbene Fachkräfte eine Entschädigung zu zahlen, doch auf fruchtbaren Boden fallen? Wagner widerspricht. „Dass gut ausgebildete Fachkräfte nach ihrer Lehre zu anderen Wirtschaftszweigen wechseln, ist bekannt und nicht neu“, erklärt er. „Doch in unserem Wirtschaftssystem regelt das der Markt mit den entsprechenden arbeitsrechtlichen Bestimmungen.“

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Die HWK Schwaben empfehle Unternehmen, sich rechtzeitig um die Auszubildenden zu bemühen, die sie weiterbeschäftigen möchten. Dazu gehöre es, den jungen Nachwuchskräften Perspektiven aufzuzeigen und Verträge mit guten Konditionen bereits während der Ausbildung anzubieten. Zahlen zu den Abgängern vom Handwerk in die Industrie hat die Handwerkskammer keine, aber, sagt Wagner, jeder einzelne Wechsel sei aber für die Handwerksbetriebe ärgerlich.

Die Anzahl der Lehrlinge in Schwaben hat sich in den vergangenen Jahren auf rund 4000 eingependelt, was der Hauptgeschäftsführer auf vielerlei Gründe zurückführt: der demografische Wandel, gestiegene Berufsanforderungen und eine zunehmende Akademisierung. Das Handwerk in Bayerisch-Schwaben kann den Herausforderungen aber einige Erfolgsgeschichten gegenüberstellen. So hat sich der Anteil der Auszubildenden mit Abitur in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht – von drei auf neun Prozent. Laut Wagner sucht die Handwerkskammer immer wieder neue Wege, um Nachwuchs zu gewinnen. Kampagnen in den sozialen Medien sind ein fester Bestandteil davon. Noch immer lernen 28 Prozent aller Lehrlinge Schwabens im Handwerk – die Fachkräfte von morgen, sie werden auch nach ihrer Lehre im Handwerk gebraucht.

Einen Azubi-Mindestlohn sieht Wagner kritisch

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) brachte jüngst sogar den Vorschlag eines Azubi-Mindestlohns in den öffentlichen Diskurs ein. Alle Auszubildenden sollen vom kommenden Jahr an im ersten Lehrjahr mindestens 515 Euro im Monat verdienen, im zweiten und dritten Lehrjahr noch mehr. Schwabens Hauptgeschäftsführer Wagner ist hier skeptisch: „Wir sehen eine staatlich festgelegte Mindestausbildungsvergütung kritisch. Es handelt sich um einen schweren Eingriff in die Betriebs- und Tarifautonomie“, sagt er. Bundesweit sind davon auch 80 Prozent der Unternehmen nicht betroffen, denn diese Firmen zahlen laut Wagner bereits Ausbildungsvergütungen über 500 Euro – entweder, weil dies tariflich so festgelegt ist, oder freiwillig.

Im schwäbischen Handwerk zahlen sogar nur zwei Prozent der Ausbildungsbetriebe weniger als 500 Euro im Monat, berichtet Wagner. „Meist geschieht dies in sogenannten Nischenberufen, die sehr wenige Azubis in der Ausbildung haben.“ Aufgrund des hohen Nachwuchsbedarfs und des Fachkräftemangels hätten die Betriebe ein erhebliches Interesse daran, eine attraktive Vergütung zu zahlen. (mit dpa)

Lesen Sie auch den Kommentar: Ablöse für Handwerks-Lehrlinge? Es braucht andere Mittel als eine Entschädigung

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