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City-Airbus

11.03.2019

Wie Flugtaxis die Verkehrsprobleme lösen sollen

Ist nur ein „Demonstrator“, noch kein Prototyp:  Der viersitzige „City-Airbus“ soll noch dieses Jahr erste Testflüge absolvieren.
Bild: Armin Weigel, dpa

Vor einem Jahr wurde noch über Dorothee Bär, die Flugtaxi-Ministerin, gespottet. Nun präsentiert sie in Ingolstadt ein Airbus-Flugtaxi. Aber hebt das auch ab?

Jetzt soll Ingolstadt also das Austin von Deutschland sein. Sagt die Staatsministerin für Digitalisierung. Und Dorothee Bär könnte es zumindest wissen. Die CSU-Frau kommt auf ziemlich direktem Wege von der South By Southwest in Austin, Texas. Große Zukunftskonferenz. Hightech, Mobilität, Visionen. So was. Jetzt steht sie vor dem Ingolstädter Rathaus. Sturmtief Eberhards letzte Reste fliegen ihr um die Ohren und hinter ihr, auf der Bühne, posiert etwas, von dem sie in Austin auch schon mal gehört hat: der City-Airbus. Ein Flugtaxi.

Austin, Texas. Ingolstadt. Man fragt sich, was der Busfahrer in der Linie 10 nach Knoglersfreude gerade denkt über Bärs Spruch. Dass er mutig ist? Sein antik anmutendes Gefährt hat sich gerade an den rund 3000 Schaulustigen auf dem Rathausplatz vorbeigeschoben.

Das letzte Mal war hier – gefühlt – 2014 so viel los. Der ERC Ingolstadt war da wirklich sehr, sehr überraschend deutscher Eishockeymeister geworden. Entsprechend groß war der Medienrummel. An den City-Airbus oder den Audi-Abgasskandal hatte damals niemand im Kopf. 2014 ist, nicht nur in Flugtaxi-Zeiten, wirklich sehr lange her.

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Dorothee Bär lobt den Oberbürgermeister in den Himmel

Ein paar haben damals vielleicht schon an so etwas wie die Zukunft gedacht, die an diesem Sonntagabend mit einem Schwertransporter von Donauwörth nach Ingolstadt gekarrt wurde. Am Montagvormittag schaut Oberbürgermeister Christian Lösel auf dem Rathausplatz jedenfalls fast so drein, als hätte er im Meisterschaftsfinale selbst das Siegtor geschossen. Fast zumindest. Dorothee Bär hat ihn zuvor beim Empfang im Alten Rathaus in den Himmel gelobt. Als Lösel neulich in Berlin „gepitcht“ habe, als er für die Flugtaxi-Modellregion warb, hätten viele hinterher zu ihr gesagt: „So einen Kommunalpolitiker wollen wir auch.“ Für Lösel und Ingolstadt ist dieser Montag jedenfalls ein sehr wichtiger Tag. Ob es auch ein großer ist, das wird sich erst zeigen müssen.

Nicht mal neun Monate ist es her, dass die Stadt ihre Urban Air Mobility (UAM) Initiative begonnen hat. In Ingolstadt und der Region soll die Mobilität der dritten Dimension erforscht werden. Man ist dabei, sich international einen Namen zu machen. Der City-Airbus auf der Bühne belegt diesen Anspruch. Er steht nicht in Hamburg oder München, nicht in Austin, sondern in Ingolstadt. Wo Busse nach Knoglersfreude fahren. Neben Lösel nutzt auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer die Flugtaxi-Bühne. Der CSU-Politiker sagt mit Blick auf den Flieger: „Sieht cool aus. Jetzt müsste er nur noch fliegen.“

Prominenz unter dem Propeller: Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin für Digitalisierung, Ingolstadts Oberbürgermeister Christian Lösel (CSU), Wolfgang Schoder von Airbus Helicopters und Reinhard Brandl (CSU), Bundestagsabgeordneter von Neuburg-Schrobenhausen.
Bild: Armin Weigel, dpa

Dieses Flugtaxi-Modell ist noch nicht einmal ein Prototyp

Ganz so weit sei dieser „Demonstrator“, der Vorläufer eines Prototypen, noch nicht, wie Wolfgang Schoder erklärt, Geschäftsführer von Airbus Helicopters Deutschland. Der Viersitzer hinter ihm wird von acht Elektromotoren angetrieben. Er fliegt autonom, startet und landet senkrecht, ist für das Fliegen in Städten ausgelegt, soll kosteneffizient sein und eine geringe Umweltbelastung gewährleisten. Es ist ein Testgerät. Entwickelt und gebaut wurde das Modell von Airbus Helicopters in Donauwörth. Bald wird es erste Flüge geben. Bis zu 150 Meter hoch. „Wir fangen gerade erst an“, sagt Schoder. Selbst abgehoben sei er noch nicht mit dem Gerät, erzählt er später. Und von einer Serienreife sei man noch entfernt.

Wie weit? Hängt vielleicht auch davon ab, wie man zu der ganzen Sache steht. Bär und Scheuer positionieren sich an diesem Montag jedenfalls feste fortschrittlich und deutlich gegen die „Bedenkenträger“. Bär sagt: „Flugtaxis sind keine Zukunft, sondern längst Realität.“

Genau ein Jahr ist es her, dass das Land die neue Staatsministerin für Digitales mit Häme überschüttet hat. Weil sie damals, im ZDF-Interview, lieber über Flugtaxis philosophierte, über die „Themen, die uns wirklich beschäftigen sollten“, als über den stockenden Breitbandausbau. Oder das, was Digitalisierung eben für den Durchschnittsbürger bedeutet. Ist dieser Montag, an dem Bär vor Kälte zitternd und bibbernd auf der Ingolstädter Bühne steht und das enthüllt, was als „Weltpremiere“ gefeiert wird, also der Zeitpunkt für ein bisschen Genugtuung? Die Gelegenheit, den Spöttern eins mitzugeben? Bär lächelt. Und sagt: „Wir haben die Chance gepackt, eine Technologie mit enormem wirtschaftlichen Potenzial für eine lebenswerte Zukunft zu prägen.“

 

Das Modell fliegt nicht, es kommt mit dem Schwertransporter zurück nach Donauwörth

Der etwas über zwei Tonnen schwere Beweis, der weniger wie ein Taxi, sondern eher wie ein Hubschrauber aussieht, steht hinter ihr. Am Abend muss er von einem Spezialunternehmen wieder zu Airbus Helicopters nach Donauwörth zurücktransportiert werden. Wenn es gut läuft, nicht gerade dann, wenn Audi Schichtwechsel hat.

Denn so schlecht könne es Audi gar nicht gehen, als dass der ewige Stau mal aufhörte. Und überhaupt gebe es im öffentlichen Nahverkehr doch noch einiges zu verbessern, bevor man hier solche Gerätschaften von übermorgen benötige. Oder?

So ähnlich sprechen zumindest die Bedenkenträger. Die es natürlich gibt. Einer von ihnen erscheint vor der Bühne in Gestalt eines gesetzteren Herrn mit einer Schirmmütze auf dem Kopf. Aufschrift: Militärisches Luftfahrzentrum. Der Mann geht auch ohne Flugtaxi in die Luft angesichts dieser Zukunftsinszenierung. Er empört sich in Richtung Ministerin, die ihn in diesem Moment allerdings nicht hört. Zu viel Presse dazwischen. Der Mann sagt: „Das ist doch alles technischer Firlefanz.“ Schon allein die Sache mit den Elektroautos funktioniere nicht. Und jetzt auch noch die Flugtaxis. Alles nur viel Wirbel um nix. „Die fahren das alles an die Wand.“

Oder auch nicht. Dorothee Bär will noch in dieser Legislaturperiode mit einem Flugtaxi abheben. Wenn die Große Koalition durchhält – wer weiß, vielleicht haut das hin. In Scheuers Verkehrsministerium diskutierten sie jedenfalls schon Luftrouten Richtung Münchener Flughafen, sagt er. Flieger wie der City-Airbus eröffneten Ballungsräumen ganz neue Möglichkeiten. Nicht nur für den privaten Transit, auch für Kranken- oder Medikamententransporte. Für Unternehmen und Start-up-Unternehmen seien sie ohnehin eine „Riesenchance“, sagt Scheuer.

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15 Bilder
Lufttaxi in Ingolstadt vorgestellt - Bilder zum City Airbus
Bild: Luzia Grasser

Manche sagen, der Stau werde nur vom Boden an den Himmel verlagert

Aber reicht das angesichts der heutigen Mobilitätsprobleme? Wo Städte im Verkehr ersticken, wo die Staus auf deutschen Autobahnen von Jahr zu Jahr länger werden, die Bahn immer mehr Verspätungen einfährt? Können Flugtaxis also die Lösung sein? Eine Entlastung zumindest für die Metropolen? Auch so mancher Verkehrsexperte winkt da ab. Weil man gar nicht genug Flugtaxis in die Luft bringen könne, um den Verkehr am Boden spürbar zu entlasten. Weil das allenfalls ein Fortbewegungsmittel in Megastädten sein könne. Und weil der Stau dann eben vom Boden in die Luft verlagert werde. Dass es jetzt bereits solche Diskussionen gibt, gehört in Deutschland wohl dazu.

Ingolstadt jedenfalls, wo übrigens immer wieder auch über eine Seilbahn als Mittel gegen den Stau nachgedacht wird, will sich neu erfinden. Diese „Riesenchance“ im „Luftpionierland“ nutzen. Eine Stadt, die in den vergangenen Jahrzehnten in der Erfolgsspur von Audi reich geworden ist, die von Spitzenplatz zu Spitzenplatz in Rankings geeilt ist, muss sich Sorgen um seine Zukunft machen. Die Krise bei Audi treibt nicht nur die Stadtspitze um. Was, wenn viele, viele Arbeitsplätze wegfallen?

Oberbürgermeister Lösel will die Industriestadt zu einer Hightechstadt machen. Ein Standort, an dem Flugtaxis nicht nur irgendwann einmal in die Luft gehen, sondern an dem diese – zumindest teilweise – auch gebaut werden sollen. Lösel ist sich bewusst, dass dieser Weg aus heutiger Sicht „mutig und visionär“ sei. „Wo aber, wenn nicht hier“, fährt er fort, solle das Flugtaxi-Projekt an den Start gehen? Immerhin sei die Region einer der „wirtschaftsstärksten und technikaffinsten“ Standorte in Deutschland.

Was man in Ingolstadt auf der Bühne nicht so explizit erwähnt: Auch andere mischen im Kampf um die Mobilität der Zukunft kräftig mit. In Süddeutschland sind es Start-up-Unternehmen wie Lilium aus Oberpfaffenhofen, Quantum-Systems aus Gilching oder Volocopter im baden-württembergischen Bruchsal, an dem sich auch Daimler beteiligt hat. Und dann sind da die großen Konkurrenten, die in anderen Teilen der Welt sitzen. In China. Oder den USA. Google ist dabei, Airbus-Konkurrent Boeing, der im Januar einen ersten Testflug seines Prototypen vermeldet hat. Und der Fahrdienstvermittler Uber will mit seinen Taxis schon 2023 über Los Angeles schweben.

Nach Experten-Schätzungen gibt es weltweit 50 Unternehmen, die sich mit diesen Fluggeräten beschäftigen. Lufttaxis, so viel ist klar, sind keine Daniel-Düsentrieb-Spinnerei mehr – auch wenn fraglich ist, ob sich die urbanen Flughoffnungen tatsächlich erfüllen. In den Markt werden Millionen investiert. Geht es nach Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, soll der Freistaat der führende Standort in der Flugtaxi-Entwicklung werden. Als Teil der bayerischen Mobilitäts-Offensive.

Bisweilen mag das klingen, als würden bereits morgen die ersten Drohnen mit Menschen an Bord über den Städten kreisen. Doch der Weg dorthin dürfte lang sein. Das gilt auch für Ingolstadt und den City-Airbus. Der wird erst in den kommenden Monaten im nahen Manching zu Testflügen abheben. Vor den südlichen Toren Ingolstadts hat Airbus einen Standort und es gibt einen Flugplatz mit Testfeld. Dort aber soll auch das BrigkAir entstehen, ein Ableger eines der größten digitalen Gründerzentren Deutschlands, des Ingolstädter Brigk.

Am Sonntagnacht auf dem Rathausplatz: Da war das Flugtaxi noch verpackt.
Bild: Stefan Küpper

„Wir brauchen Arbeitsplätze im Tausenderpack“, sagt der Oberbürgermeister

Ingolstadt will sich breit aufstellen auf seinem Weg zum Hochtechnologie-Standort. Die Entwicklung, Erprobung und der Bau von Flugtaxis soll nur ein Standbein sein. An der Technischen Hochschule ist ein Kompetenzzentrum für künstliche Intelligenz und ein Fraunhofer-Anwendungszentrum für Vernetzte Mobilität und Infrastruktur geplant. Auch der krisengebeutelte Autobauer Audi will mit dem IN-Campus, einem Hochtechnologiepark in der Nähe des Fußballstadions, auf dem Weg Ingolstadts in die Zukunft mitbauen. Dort sollen hochqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen werden. Und erst vor kurzem wurde bekannt, dass im Süden der Stadt ein Hightech-Industriezentrum entstehen soll. „Wir brauchen Arbeitsplätze im Tausenderpack“, sagt Lösel.

Zwischen all den Neugierigen und Schaulustigen auf dem Rathausplatz kann man auch Ingolstadts Altoberbürgermeister Peter Schnell treffen. Schnell hat das Ingolstädter Rathaus 30 Jahre lang geführt. Wenn man ihn fragt, sagt er: „Ingolstadt ist nicht Austin.“ Austin, dieser Szeneort der Zukunft, könne aber „Orientierung“ geben. Die Richtung weisen. Wer den 83-jährigen Schnell nicht kennt, könnte denken, dass so jemand vielleicht lieber im Bus nach Knoglersfreude als in einem Flugtaxi sitzen würde. Stimmt aber nicht. Er sagt: „Ich bin Risiko gewohnt.“

Lesen Sie hier, wie die Präsentation des City-Aribus ablief: Weltpremiere: Erstes Lufttaxi heute in Ingolstadt vorgestellt

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