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Unternehmen aus der Region

30.11.2018

Wie Hochland zu einem der führenden Käse-Hersteller wurde 

In Heimenkirch stellt Hochland Schmelzkäse her. Abgepackt wird er auch in Scheiben. Die stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Claudia Reich (links) und der Vorstandsvorsitzende Peter Stahl im Gespräch mit Mitarbeiterin Anna-Lisa Gumbel.

Mit einem Zwei-Kilo-Käseblock hat die Geschichte von Hochland begonnen. 91 Jahre nach der Gründung ist das Unternehmen in acht Ländern vertreten.

Die Anfänge sind bescheiden. Vier Schmelzpfannen, ein Lagerkeller, Fabrikräume und eine halbautomatische Abfüllmaschine: In einer früheren Hutfabrik stellen Robert Reich und sein Schwager Georg Summer 1927 ihre ersten Zwei-Kilo-Blöcke Schmelzkäse aus Emmentaler her. Die Geburtsstunde von Hochland. 91 Jahre später beschäftigt das Unternehmen mit Sitz in Heimenkirch gut 4800 Mitarbeiter. Trotz der Entwicklung ist der Käsehersteller ein Familienunternehmen mit starken Wurzeln in der Region geblieben.

Das Allgäu ist die Heimat von Hochland. Der Name geht auf die hügelige Landschaft des Voralpenlandes zurück. Hier stellen seit jeher besonders viele Betriebe Käse her. Aber kein anderer hat annähernd eine solche Bedeutung erlangt wie die Firma im Landkreis Lindau. 350000 Tonnen produziert das Unternehmen im Jahr. Es ist in allen wichtigen Käsesegmenten vertreten. Mit Schmelzkäse ist Hochland zwar groß geworden, längst stellt das Unternehmen aber auch Frisch-, Schnitt- und Weißkäse her. Der Umsatz liegt bei 1,5 Milliarden Euro. Er wächst stetig.

Mit Aldi wurde Hochland groß

„Innovationskraft und die Unternehmenskultur“, nennt Claudia Reich die zwei wichtigsten Gründe, warum Hochland sich zu der heutigen Größe entwickeln konnte. Die stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende ist Enkelin eines Firmengründers. Zur Unternehmenskultur gehört die Offenheit gegenüber Ländern und Ideen. „Wir fangen oft klein an und wissen nicht genau, wo der Weg hingeht“, sagt der Vorstandsvorsitzende Peter Stahl. Ein Beispiel dafür ist das Geschäft mit Aldi. Robert Summer schloss den ersten Vertrag mit der Albrecht KG in den 1950er Jahren, als noch nicht absehbar war, welche Größe das Unternehmen einmal haben würde. Der Käsehersteller hat die Entwicklung des Essener Unternehmens von einem Einzelhändler zum drittgrößten Lebensmittelhändler Europas begleitet. „Hochland ist mit Aldi groß geworden“, beschreibt Stahl die Bedeutung der Geschäftsbeziehung. Sie hat bis heute Bestand.

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Trotz des Erfolges auf dem Heimatmarkt hat sich das Unternehmen früh nach Absatzmöglichkeiten im Export umgesehen. Nicht von ungefähr trägt die im vergangenen Jahr erschienene Firmengeschichte den Titel „Vom Allgäu in die Welt“. Schon die zweite Generation wagte den Schritt nach Frankreich. In der großen Käsenation gründete Hochland 1968 seine erste Vertriebsgesellschaft außerhalb Deutschlands. Produktionsgesellschaften in Spanien, dann Mittel- und Osteuropa folgten. Dort wurde Hochland früher als andere Unternehmen aktiv. Unmittelbar nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war, ging Erwin Reich den Markt in Polen an. Heute ist das Unternehmen dort, in Rumänien und Russland mit eigenen Tochtergesellschaften Marktführer.

Hochland: „Wir denken über unsere eigene Zeit hinaus“

Nachhaltigkeit. Der Begriff fällt in einem Gespräch mit Claudia Reich und Peter Stahl immer wieder. „Sie ist in unserer DNA drin“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Das Thema ist für ein Familienunternehmen von besonderer Bedeutung. Hochland firmiert zwar seit 1999 als Aktiengesellschaft, alle Anteile liegen aber in der Hand dreier Familien. Das hat Auswirkungen auf alle Entscheidungen. „Bei dem, was wir tun, müssen wir unsere Kinder und Enkel im Blick haben. Wir denken über unsere eigene Zeit hinaus“, sagt Claudia Reich. Mittlerweile ist die vierte Generation im Kreis der Gesellschafter.

Nachhaltigkeit bezieht sich natürlich auf den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg und den Umgang mit Ressourcen. Hochland war das erste Unternehmen der Milchwirtschaft in Deutschland, das sich nach der EU-Öko-Verordnung zertifizieren hat lassen. Das war 1996. Heute kümmert sich ein One Earth Team mit zwei Nachhaltigkeitsmanagern um das Thema. Im Team vertreten sind verschiedene Abteilungen vom Einkauf über den Milcherzeugerberater bis hin zur Produktion. Stahl: „Wir verstehen es als Aufgabe für das ganze Unternehmen und seine Mitarbeiter.“

Die Hochland SE mit Sitz in Heimenkirch im Allgäu ist ein deutscher Nahrungsmittelhersteller in Familienbesitz und gehört zu den größten privaten Käseherstellern in Europa. Im Bild die stellvertretende Aufsichtsratschefin Claudia Reich und Vorstandsvorsitzender Peter Stahl.
Bild: Ralf Lienert

Immer wieder leistet das Allgäuer Unternehmen Pionierarbeit. Ein aktuelles Beispiel ist der Standort Schongau. Dort stellt das Unternehmen Weiß- und Frischkäse her. 1000 Landwirte liefern dafür die Milch. Sie haben sich verpflichtet, ihren Tieren nur gentechnikfreies Futter zu geben und auf Totalherbizide wie Glyphosat zu verzichten. Im Gegenzug zahlt ihnen Hochland einen Cent je Kilogramm Milch mehr. Bei 250 Millionen Liter im Jahr macht das 2,5 Millionen Euro aus.

Nachhaltigkeit hat auch eine soziale Komponente. Stichwort Beschäftigte. Gute Mitarbeiter sind die Basis eines Unternehmens. Das haben die Eigentümer des Käseherstellers sehr früh erkannt. Bereits in den 1950er Jahren führten sie mit dem Betriebsrat Gespräche über eine Gewinnbeteiligung. Eingeführt wurde sie 1968. Im Wesentlichen ist sie bis heute so erhalten. Dazu gibt es seit Jahrzehnten eine betriebliche Altersvorsorge. „Das war und ist für die Eigentümer selbstverständlich“, sagt Claudia Reich.

Hochland genießt einen guten Ruf als Arbeitgeber

Doch Geld allein ist es nicht, weswegen Hochland einen guten Ruf als Arbeitgeber genießt. Der Käsehersteller pflegt eine offene Unternehmenskultur. Freiräume lassen und Verantwortung übertragen – das hat Robert Summer in einem ersten Firmenleitbild 1979 formuliert. Stahl spricht von einer Feedback-Kultur: „Wir äußern sachlich und direkt unsere Meinung, auch wenn sie im Widerspruch zur Meinung unserer Kollegen und Vorgesetzten steht“, heißt es unter anderem in den Führungsleitlinien. Sie gelten in allen Tochtergesellschaften – auch in Russland.

Die Unternehmenskultur hat einen wirtschaftlichen Hintergrund: Wollen Betriebe in einer komplexen Welt erfolgreich bleiben, müssen sie schnell reagieren können. „Dazu muss eine Organisation durchlässig sein“, sagt Stahl. Deshalb setzt das Unternehmen stark auf Vernetzung: zwischen den Standorten, den Hierarchie-Ebenen, den Abteilungen.

Und: Hochland hat bei Beschäftigten Ideen für ein Start-up gesammelt. Wie erfolgreich solche Unternehmensgründungen sein können, zeigen zwei Beispiele aus der Firmengeschichte. Weil es auf dem Weltmarkt nicht genügend Maschinen gab, die den Anforderungen des Unternehmens genügten, hob Hochland 1974 die Natec GmbH aus der Taufe. Das Unternehmen gilt heute als Weltmarktführer bei Anlagen zur Herstellung und Verpackung von Schmelzkäse. 90 Mitarbeiter entwickeln und produzieren nicht nur für die Mutter Hochland, sondern auch für andere Kunden – außer den direkten Konkurrenten des Käseherstellers.

Das zweite Beispiel ist die EVA GmbH. Das 2015 gegründete Unternehmen liegt zwölf Kilometer vom Sitz der Gruppe entfernt in der 1600-Einwohner-Gemeinde Oberreute. Bewusst hat sich Hochland für eine räumliche Trennung der Tochter von der Mutter entschieden. Das Start-up soll sich unabhängig entwickeln. Ein Team mit 69 Mitarbeitern arbeitet an veganen Produkten auf pflanzlicher Basis, die ähnlich wie Käse verwendet werden – als Brotaufstrich, in Scheiben oder zum Überbacken. Unter dem Namen Simply V kommen sie auf den Markt. „Sie sollen kein Verzicht, sondern ein Genuss sein“, erklärt Stahl den eigenen Anspruch. Das Konzept hat Erfolg: Die EVA GmbH ist Marktführer und wächst rasch.

Das lässt sich vom Käsemarkt in Deutschland nicht mehr sagen. Dort herrscht ein reiner Verdrängungswettbewerb. Deshalb sieht sich Hochland stetig nach neuen Möglichkeiten und Märkten um. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen Franklin Food übernommen, den drittgrößten Frischkäsehersteller in den Vereinigten Staaten. Mittelfristig hält Stahl auch ein Engagement in Asien für möglich. Und: Der Absatz von Produkten auf pflanzlicher Basis werde zunehmen, nimmt der Vorstandsvorsitzende an. „Dort werden wir investieren.“ Trotzdem ist eins für den Vorstandsvorsitzenden sicher. „Käse wird immer unser Kerngeschäft bleiben.“

 

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