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Wessobrunn

12.01.2019

Wie Martina Gebhardt auf die Idee kam, ein Kloster zu kaufen

Martina Gebhart produziert seit über 30 Jahren Naturkosmetik. Daneben ist sie auch noch Herrscherin über das Kloster Wessobrunn.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Gebhardt gehört zu Deutschlands bekanntesten Bio-Pionieren. Und die Naturkosmetik-Unternehmerin besitzt auch noch ein berühmtes Anwesen.

Das Erste, was Martina Gebhardt auffällt, ist der Staub. Eine feine Schicht hat sich auf die dunklen Apothekerschränke gelegt, auch das Parkett ist mit einem grauen Film überzogen. Nebenan wird gerade renoviert, das geht nicht spurlos an den anderen Räumen vorbei. Gebhardt seufzt kurz, denn das Zimmer muss irgendwann schließlich auch wieder sauber gemacht werden. Aber eigentlich, sagt sie, hat sie sich längst daran gewöhnt, dass immer irgendwo in dem weiträumigen Gebäude gebaut wird. Das gehört zu ihrem Alltag. Dem Alltag einer Klosterherrin.

Seit etwas mehr als vier Jahren ist Gebhardt, silbernes Haar, herzliches Lächeln, Besitzerin des Klosters Wessobrunn, eines Anwesens mit über 1000 Jahren Geschichte, idyllisch gelegen im Südwesten des Ammersees. Draußen ist der erste Schnee gefallen, drinnen führt Gebhardt vorbei an schweren Holztüren und prachtvollen Stuckelementen im Fürstentrakt. Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts wurden hier, in den Werkstätten des Klosters, mehr als 600 Stuckateure, Baumeister und Kupferstecher ausgebildet, Spuren der „Wessobrunner Schule“ findet man auf der ganzen Welt.

Seit über 30 Jahren verkauft Martina Gebhardt Naturkosmetik

Als Martina Gebhardt das Kloster übernahm, war das auch aus diesem Grund eine kleine Sensation: Eine Unternehmerin, die ein derart geschichtsträchtiges Gemäuer kauft, 10.000 Quadratmeter Fläche, dazu ein ausgedehnter Garten. Ein Dutzend Journalisten sind dabei, als die Tutzinger Missions-Benediktinerinnen, die nach 99 Jahren aus dem Kloster ausgezogen sind, Gebhardt 2014 den Schlüssel überreichen. Wenn die Unternehmerin darüber spricht, klingt die ganze Sache ein wenig nüchterner. Sie war auf der Suche nach einem neuen Produktionsgebäude. Neu bauen wollte sie aber nicht. „Für mich kam es nie in Frage, eine neue Halle auf die grüne Wiese zu stellen“, sagt Gebhardt. Stattdessen wollte sie ein Haus mit Geschichte beziehen. In Wessobrunn, nicht weit von ihrem Firmensitz, wurde sie fündig.

Einen Teil des Klosters nutzt bis heute die Pfarrei Wessobrunn, den Rest hat Gebhardt mit ihrer Naturkosmetik-Firma bezogen. Seit über 30 Jahren verkauft die Bio-Pionierin Cremes und Lotionen, war die erste Unternehmerin, deren Kosmetikmarke vom Bio-Anbauverband Demeter zertifiziert wurde. Ihre 140 Produkte liefert sie heute in die ganze Welt. Die Kosmetik stellen Gebhardts rund 60 Mitarbeiter aus Heilpflanzen, ätherischen Ölen oder auch Bienenwachs her. Alle Zutaten stammen aus der Natur. Rein theoretisch, sagt Gebhardt, wären die Cremes sogar essbar.

Ein Teil des Gebäudes wird noch von der Pfarrei Wessobrunn genutzt, daneben gibt es einen Klosterladen und ein Museum.
Bild: Ulrich Wagner

Anfangs stellt Martina Gebhardt Cremes und Salben für Freunde her

Lange Jahre beherbergte ein 850 Jahre alter Bauernhof im sechs Kilometer entfernten Pessenhausen die ganze Firma. Aber irgendwann wurde es zu eng für die Mitarbeiter. Der Vertrieb ist bereits in das Kloster umgezogen, die Produktion sitzt noch immer in dem Bauernhof. Im ehemaligen Schwimmbad des Klosters muss noch einiges umgebaut werden, bevor auch sie übersiedeln kann. Bis dahin pendelt Gebhardt zwischen den beiden Standorten hin und her, mit dem Auto dauert die Fahrt nicht einmal zehn Minuten.

Die Geschichte ihres Unternehmens reicht zurück bis ins Jahr 1986, ihre Geschichte als Naturkosmetik-Herstellerin aber eigentlich noch viel weiter. Am Anfang stand ein Unfall. Als Gebhardt drei Jahre alt war, biss ein Hund das Mädchen in die Wange. Die Wunde wurde genäht, allerdings blieb eine Narbe zurück, die sie viele Jahre plagen sollte. Erst eine Salbe aus Wollwachs vom Kinderarzt ließ die Narbe verschwinden. Heute ist sie kaum mehr zu sehen, man könnte sie für ein Grübchen halten.

Gebhardt beginnt mit Cremes und Salben zu experimentieren, stellt Kosmetik her, anfangs noch für Freunde und Nachbarn. Sie benutzt alte Klosterrezepturen oder auch ägyptische Rezepte. Später studiert sie Architektur. Danach muss sie sich entscheiden: Arbeitet sie als Architektin – oder wagt sie den Weg in die Nische und produziert Naturkosmetik? Dann erscheint ein Artikel über sie in einer Fachzeitschrift, der ihrem jungen Unternehmen zu einem ersten Aufschwung verhilft. Gebhardt trifft eine Entscheidung und steigt in die Kosmetikproduktion ein.

Vom Kloster aus werden die Cremetiegel in 140 Länder versandt.
Bild: Ulrich Wagner

Martina Gebhardt richtet ein Museum ein

Die ersten Jahre sind hart. Naturkosmetik ist ein Außenseiterprodukt, die meisten Menschen können damit nur wenig anfangen. Gebhardt muss bei Zulieferern in Vorleistung gehen, immer gleich ein paar tausend Mark auf einmal vorschießen. Viele Rohstoffe werden noch gar nicht in Bio-Qualität angebaut, die Unternehmerin baut mühsam Beziehungen zu den Herstellern auf. Mit den Jahren wächst das Geschäft. Heute macht Gebhardt mit ihrer Kosmetik rund sechs Millionen Euro Umsatz im Jahr.

In den vergangenen Jahren ist auch die Branche um sie herum größer geworden. Naturkosmetik steht heute nicht mehr nur in Reformhäusern, sondern auch in Supermärkten oder Drogerien. Martina Gebhardt sieht die Entwicklung allerdings nicht nur positiv. Sie habe das Gefühl, dass es nicht allen Unternehmen um die Philosophie hinter der Natur-Kosmetik gehe. Das, sagt sie, ist bei ihr anders. Gebhardt verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Sie will ihr Unternehmen im Einklang mit der Natur und der Geschichte des Klosters führen. Deshalb richtet sie gerade ein kleines Museum ein, veranstaltet Seminare und will lokalen Handwerkern im Kloster eine neue Heimat geben. Auch das gehört jetzt zu ihrem Alltag. Dem Alltag einer Klosterherrin.

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