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Arbeitswelt

28.08.2018

Wie attraktiv ist es auf dem Land?

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Der Wirtschaft in der Region geht es zwar gut, aber in manchen Dingen besteht auf dem Land Nachholbedarf, sagen Wirtschaftsvertreter.
Bild: Michael Kerler

Keine Busverbindung am Abend, Funklöcher und ein Hausarzt, der aufhört. Auch in unserer Region hat das Land Nachholbedarf. Jetzt schlägt die Wirtschaft Alarm.

In der Provinz aufzuwachsen, ist ein beliebtes Thema bei Filmemachern. Gerade ist der schwäbische Film „Landrauschen“ ein Überraschungserfolg, vor einigen Jahren begeisterte „Beste Zeit“ viele Kinozuschauer. Ein Film, der im oberbayerischen Ort Tandern spielt. Häufig geht es um junge Leute, die auf dem Land aufwachsen, die es hinaus in die Welt zieht und die irgendwann zurückkommen. In der Realität befürchten Fachleute und Unternehmer auch aus unserer Region, dass dies eben nicht geschieht. Dass junge Leute in die Städte fortziehen, nicht zurückkommen und der ländliche Raum am Ende an Attraktivität verliert.

Auf dem Land fehlen die Fachkräfte

Werner Ziegelmeier ist Busunternehmer in Bobingen im Kreis Augsburg. Er beschäftigt rund 40 Mitarbeiter, sein Betrieb setzt seine rund 30 Busse zum großen Teil im öffentlichen Nahverkehr ein. In einer Kleinstadt angesiedelt zu sein, hat für ihn vor allem einen Nachteil – den Mangel an Personal und Fachkräften. „Wir bekommen ganz schwer Busfahrer“, berichtet er. Ziegelmeier stemmt sich dem entgegen, indem er selbst so viel ausbildet wie möglich. Aber auch dabei sei es nicht immer leicht, genügend Bewerber zu finden: „Immer mehr Älteren stehen immer weniger Jüngere gegenüber, von denen viele in die Ballungsräume abwandern“, sagt Ziegelmeier und spricht dabei für viele Firmen. Der Busunternehmer ist in Schwaben Vizechef der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.

Der ländliche Raum rückt aktuell in den Fokus der Politik. Vor wenigen Tagen ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier durch die Provinz gefahren. Dieses und nächstes Jahr will er unter der Überschrift „Land in Sicht – Zukunft ländlicher Raum“ noch mehr Orte besuchen und für die Attraktivität des Landes werben.

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Grenzebach und Wanzl: In der Region dominieren die Hidden Champions

Im Vergleich zu mancher Region in Ost- oder Norddeutschland steht der ländliche Raum in Schwaben wirtschaftlich auf gesunden Beinen. Viele Hidden Champions sind hier beheimatet, also kleine und mittelständische Unternehmen, die in ihrem Segment zu den Weltmarktführern zählen. Auch mancher globale Spieler hat hier seinen Sitz. Ziegelmeier denkt an den Einkaufswagen-Spezialisten Wanzl aus Leipheim oder den Maschinenbauer Grenzebach aus Hamlar. Dazu kommt der Tourismus: Viele bedeutsame Tourismusziele liegen im ländlichen Raum. „Bestes Beispiel in Schwaben ist das Allgäu“, meint Ziegelmeier. Ähnlich sieht es der CSU-Politiker Martin Sailer, Landrat im Kreis Augsburg: „Wir sind eine Wachstumsregion und werden es auch bleiben.“ Und doch gibt es trotz des wirtschaftlichen Erfolgs Schattenseiten, die gerade der Wirtschaft Sorgen machen.

Ganz oben auf der Sorgenliste steht der demografische Wandel – also der Geburtenrückgang und steigende Anteil Älterer an der Bevölkerung. Während Städte wie Augsburg wachsen, soll Studien zufolge zum Beispiel der Landkreis Dillingen bis zum Jahr 2036 einen Teil seiner Bevölkerung verlieren. Und im Oberallgäu könnte bis dahin der Anteil Älterer an der Bevölkerung von 38 Prozent im Jahr 2016 auf über 57 Prozent steigen.

Eine älter werdende, vielleicht sogar abnehmende Bevölkerung bedeutet weniger Arbeitskräfte für Unternehmen. Diese Sorge treibt derzeit viele Firmen um. Was tun? Werner Ziegelmeier ist vor allem eines aufgefallen: „Wo die Infrastruktur schlecht ist, gehen die Jungen weg.“ Um das zu ändern, gibt es aus Sicht der heimischen Wirtschaft mehrere Ansatzpunkte.

Ein Thema sind bessere Verkehrsanbindungen. Markus Partik ist Geschäftsführer von SGL Carbon in Meitingen nördlich von Augsburg. Viele seiner Beschäftigten sind dank ihres Autos unabhängig. „Auszubildende im ersten Lehrjahr haben aber kein eigenes Auto und brauchen Bus und Bahn, um in die Firmen und zur Berufsschule zu kommen“, gibt er zu bedenken.

Internet, Ärzte und Bauplätze - auf dem Land ist das knapp

Die Ideen für die Region sind bereits recht konkret: Gut wäre ein S-Bahn-ähnlicher Ausbau der Bahnstrecke Augsburg-München, sagt Ziegelmeier. Große Chancen bieten für ihn auch Nachtbusse. „In den kleinen Ort Agawang im Kreis Augsburg ziehen die Leute, dort haben wir einen Nachtbus nach Augsburg“, sagt er. Andere Linienbusse, zum Beispiel zwischen Königsbrunn südlich von Augsburg und Mering im Kreis Aichach-Friedberg, würden dagegen zu früh am Abend den Verkehr einstellen. Sie erreichen viele Pendler nicht mehr. Wichtig ist für ihn eine flexible Verknüpfung der Verkehrsträger: „Kann man im Linienbus sein Fahrrad mitnehmen, ist das ein Vorbild an Flexibilität.“

Und noch zwei große Probleme gibt es. Eines ist die Gesundheitsversorgung. Gerade das Land spürt den Ärztemangel. Das zeige sich zum Beispiel im Norden der Region Donauwörth: Von 17 niedergelassenen Hausärzten haben dort bereits neun das 60. Lebensjahr überschritten und brauchen einen Nachfolger, berichtet die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Ein weiterer Schwachpunkt bleibt die Kommunikation: Vor allem in ländlich geprägten Regionen des Allgäus und im westlichen Schwaben seien das Telefonieren mit dem Handy und das mobile Verschicken von Daten oft nur schlecht möglich.

Um das Land für junge Familien attraktiv zu machen, müssen diese dort Platz zum Leben finden, meint SGL-Chef Partik. Auf der Suche nach Baugrund heißt es aber häufig: Fehlanzeige. „Wir brauchen Bauplätze für junge Familien auf dem Land“, sagt er deshalb. Nach dem Studium bleiben junge Leute zwar eine Zeit lang in den Städten wohnen, spätestens wenn sie eine Familie gründen, zieht es viele aber ins Grüne. „Es werden aber zu wenig Bauplätze ausgewiesen, wir haben einen Mangel“, kritisiert Partik. Eine Beschränkung des Flächenverbrauchs lehnten fast alle Wirtschaftsvertreter ab.

Die Debatte, wohin der ländliche Raum auch in unserer Region steuert, scheint erst zu beginnen.

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28.08.2018

welchen Vorteil soll der Ausbau der Bahnstrecke Augsburg-München für die Region Schwaben bringen? mir fällt da nur einer ein: Pendler die in München arbeiten. Möchte Augsburg das wirklich? noch mehr unbezahlbaren Wohnraum in Augsburg? viel wichtiger wäre die Infrastruktur in Richtung Westen auszubauen (Anbinden der Dörfer in Richtung Krumbach, Umgehung in Diedorf, Nord-Süd-Verbindungen zur Entlastung der B17, ...) um die Attraktivität zum Wohnen in augsburgs Umland zu erhöhen. Ebenso der Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur. Es kann nicht sein, dass 15 km vor Augsburg kein - oder kaum- Datennetz zur Verfügung steht. Das Ziel der Politik muss sein, dass Flächendeckend mindestens H-Netz und 25MBit-Verbindungen zur Verfügung stehen. Wie kann es sein, dass in Dillingen gerade mal 3MBit am Haus ankommen? Voip-Telefonie zwecklos, Filme Streamen unmöglich. Natürlich ziehen die Jungen da hin wo es vernünftiges Internet gibt.

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