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Kreis Günzburg

09.09.2018

Wie der Trailerhersteller Kögel zwei Insolvenzen überstand

Das ist – zum Glück für die Firma Kögel – kein großes Freiluftlager. Die Auflieger warten auf Abholung, sind verkauft. Das Betriebsgelände umfasst etwa 50 Hektar.
Bild: Ulrich Wagner

Einmal mehr aufstehen als hinfallen – das scheint das Motto der Firma Kögel zu sein. Wo der Mittelständler aus Burtenbach nach zwei Rückschlägen heute steht.

Es würde nicht wundern, wenn die Burtenbacher Firma Kögel Hollywood-Altstar Sylvester Stallone als Werbeträger verpflichten würde. Denn so wie Stallone die Geschichte seiner Paradefigur – des Boxers Rocky Balboa – mit all den Höhe- und Tiefpunkten spielte, so muss sich auch der Trailerhersteller aus dem Landkreis Günzburg vorkommen. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied: Die Rocky-Filmreihe ist Fiktion. Das, was sich im Industriegebiet von Burtenbach zugetragen hat, war brutale Realität.

Eigentlich waren es zwei K.-o.-Schläge, die den Produzenten von Sattelaufliegern niedergestreckt haben: Nach der ersten Firmenpleite übernahm die Trailer Holding GmbH (München) 2004 Teile der Kögel Fahrzeugwerke AG. Gegründet wurden die „Kögel Fahrzeugwerke GmbH“ – und Burtenbach ist seither neuer Firmensitz. Firmenteile und das 1990 übernommene Werk im sächsischen Werdau wurden verkauft. Die weltweite Wirtschaftskrise und der nur auf Osteuropa ausgerichtete Vertrieb Kögels führten im Jahr 2009 zur zweiten Insolvenz der Firma. Gebaut wurde noch eine ganze Zeit lang, als ob es die globale Krise nur in der Tagesschau gäbe. So wuchsen immense Lagerbestände heran, die keine Abnehmer mehr fanden: totes Kapital. Der Gersthofer Geschäftsmann Ulrich Humbaur kaufte schließlich Kögel – und machte aus der Private-Equity-Gesellschaft wieder ein Familienunternehmen – die Kögel Trailer GmbH & Co. KG.

Ulrich Humbaur übernahm vor neun Jahren 443 Mitarbeiter

„Von solchen Nackenschlägen erholt man sich normalerweise nicht. Aber wir sind wieder aufgestanden“, sagt Petra A. Adrianowytsch, eine von mittlerweile fünf Geschäftsführern, denen Humbaur das operative Geschäft überlässt. Im europaweiten Vergleich reklamiert Kögel nach Schmitz Cargobull und Krone (beide Deutschland) den dritten Patz unter den Herstellern von Aufliegern und Trailern. Offenbar hat die mittelständische schwäbische Firma den polnischen Konkurrenten Wielton inzwischen wieder hinter sich gelassen.

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Noch vor neun Jahren sah das ganz anders aus: 443 Mitarbeiter hat Ulrich Humbaur damals übernommen. Aufträge waren so selten wie Sanddünen in der Antarktis. Adrianowytsch, die für die Bereiche Unternehmensentwicklung, Personal, IT sowie Kommunikation und Marketing verantwortlich ist, spricht von gerade mal zwölf Aufträgen, die für ein Überleben der Firma nie und nimmer gereicht hätten.

Die Zurückhaltung der Kunden damals kann sie freilich nachvollziehen. Denn wer wollte schließlich Geld an eine Firma überweisen, die vielleicht nicht mehr auf die Beine kommt und das nicht liefern kann, was sie versprochen hat?

Humbaur, der sich mit der Herstellung von Pkw-Anhängern einen Namen gemacht hat, war bereits dabei, sich im südlichen Landkreis Augsburg zu engagieren und dort einen Produktionsstandort für einen Sattelauflieger zu errichten, der in seiner Firma selbst entwickelt worden ist. Zur Konkurrenz mit Kögel kam es dann doch nicht, wenn man gleich den ganzen Mitbewerber haben kann. Die Pflege der Bestandskunden stand nach dem Katastrophenjahr 2009 ganz oben auf der Agenda. Ersatzteile mussten lieferbar sein – und damit die Botschaft vermittelt werden: Wir sind immer noch da.

Ein Megathema für Kögel ist der Leichtbau

Danach erst wurde der Vertrieb ausgebaut – aber das mit Nachdruck und vor allem in Westeuropa. „Auf dem Auge“, sagt Thomas Eschey, ein weiterer Geschäftsführer, „war man lange Zeit blind.“ Eschey ist unter anderem für die Bereiche Produktion und Technik zuständig. Und damit ist er auch ein Zukunftsmanager des Unternehmens, der vorausdenken und Trends frühzeitig erkennen muss. Kögel, sagt er, müsse seine Produkte noch stärker in Richtung Baukastensystem entwickeln, „um flexibler zu sein“.

Ein Megathema sieht er im Leichtbau, der verstärkt nachgefragt werde. Je leichter der Auflieger, desto geringer fällt die Kohlendioxid-Ausstoßbesteuerung aus. Das sehen Spediteure gerne. Außerdem will das Burtenbacher Unternehmen die Kunden stärker an sich binden und ein ganzes Paket anbieten, das vom eigenen Fahrzeug (ein neuer Trailer kostet zwischen 20.000 und 75.000 Euro) über dessen Finanzierung, der Zurverfügungstellung von Telematikdaten bis zum Rückkauf gebrauchter Trailer vollgepackt ist.

Die Entwicklung scheint zu passen: Die Zahl der Beschäftigten liegt derzeit in Burtenbach bei 867. Und es ist daran gedacht, weitere 40 bis 50 Mitarbeiter einzustellen. Der Umsatz kennt nur eine Richtung: nach oben. 350 Millionen Euro betrug er 2016, 450 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Und mit 530 Millionen Euro wird für heuer gerechnet. Die Zielmarke von 18.000 Trailern wird in diesem Jahr erreicht, sagt Eschey – vielleicht sogar übertroffen. „Wir sind produktionstechnisch ausgelastet.“

Die Firma hat 25 Abteilungen

Den Weg bis hierhin, betont Personalchefin Adrianowytsch wiederholt, konnte man nur dank engagierter „Kögelianer“ gehen. „Ich bin überzeugt davon, dass uns die Krisen näher haben zusammenrücken lassen.“ Sich gegenseitig zu helfen, sei in den 25 Abteilungen der Firma gelebte Wirklichkeit.

Nach Gewerkschaftsangaben haben die Mitarbeiter seit der Übernahme Humbaurs auf über 18 Millionen Euro verzichtet. Das solle kein Dauerzustand werden. Nach kniffligen Verhandlungen haben sich Geschäftsführung und IG Metall vor kurzem auf einen Werktarifvertrag geeinigt, der eine Standortsicherung für Burtenbach bis 2026 einschließt.

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