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Augsburg

14.10.2019

Wie die Augsburger Firma Renk Tanker und Mega-Jachten bewegt

Florian Hofbauer ist Chef des Getriebeherstellers Renk.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Der Maschinenbauer Renk geht auf das Jahr 1873 zurück. Nun wird kräftig digitalisiert. Und zum Verkauf könnte das Unternehmen auch bald stehen.

Der Oberbayer Florian Hofbauer spricht unaufgeregt. Der Ingenieur hat einen feinen Humor. So kann es seinem Gast – und Technikbegeisterte kommen aus aller Welt nach Augsburg – schon passieren, dass der Chef der Renk AG sagt: „Wir hätten noch eine kleine Überraschung für Sie. Wir würden Sie in den Schulungsraum entführen.“ Dort dürfe man die Produkte ganz persönlich digital erleben.

Eine derartige Entführung in die Welt neuester Daten-Technologie kann erkenntnisträchtig sein und Spaß machen. Warum also nicht. Hofbauer steigert die Spannung, indem er launig in Aussicht stellt: „Sie können Ihren Kopf in ein Getriebe stecken.“ Eine für Nicht-Techniker herausfordernd klingende Übung.

Der Weg digitaler Erkenntnis führt vorbei an einem großen, maritimen Schulungsgetriebe, das man sich gut einprägen solle, gilt es doch später „ein elastisches Kupplungselement“ auszutauschen. Was kompliziert und schweißtreibend klingt, erfordert allerdings nur minimale körperliche Anstrengung, schließlich findet das Experiment im virtuellen Raum statt. Mit einer entsprechenden Virtual-Reality-Brille – kurz VR-Brille – auf dem Kopf und einem digitalen Werkzeug in der Hand, macht Trainer Daniel Jalili den Laien mit den Feinheiten vertraut. Der 26-Jährige geleitet den Anfänger behutsam in digitale Sphären. In der künstlichen Welt begegnet man dem Getriebe wieder, das zuvor real vor einem stand.

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Mit der VR-Brille digital einen Blick ins Innere der Maschine werfen

Nun lernt ein Maschinenbau-Novize, sich im digitalen Raum zu bewegen. Was dabei gegenüber der Realität praktisch ist: Der VR-Brillen-Träger kann durch Gegenstände – in diesem Fall ein Schiffsgetriebe – hindurchgehen. Um die defekte Komponente zu ersetzen, werden auf dem Weg dorthin Teile mit virtuellen Werkzeugen aufgeschraubt und zur Seite gelegt. Die Technik zeigt an, ob man alles richtig macht. Nach einer Weile fühlt sich der Lernende sicherer. Das Gefühl, auf einem schwankenden Untergrund zu stehen, verflüchtigt sich.

Dank des geduldigen Trainers lässt sich das defekte Teil bald austauschen. Was verblüffend ist: Nach dem Experiment führen Jalili und Hofbauer den Anfänger zu dem wirklichen Getriebe, das einem nun erstaunlich bekannt vorkommt. Es hat sich das Gefühl eingestellt, gleich loslegen und das „elastische Kupplungselement“ ersetzen zu können.

Über dem Getriebe hängt eine mexikanische Flagge. „Wir hatten Marine-Techniker aus dem Land zu Gast. Die waren hellauf begeistert von unserem virtuellen Training“, sagt Hofbauer. Der Vorteil liegt auf der Hand: Macht ein Getriebe auf einem Schiff Probleme, können sich Techniker auf dem Boot mit Renk-Spezialisten in Deutschland im virtuellen Raum treffen und besprechen, wie sich das Problem vor Ort beheben lässt.

Florian Hofbauer führt Renk in die digitale Zukunft

Hofbauer sieht den Antriebstechnik-Spezialisten voll in der digitalen Welt angekommen und meint etwas ironisch: „Wir sind nicht mehr nur der Maschinenbauer, der Zahnräder schnitzt.“ Dazu hat Renk eine Minderheitsbeteiligung an der kanadischen Softwarefirma Modest Tree erworben. Die Schulungstechnik mit VR-Brille geht auf die preisgekrönte Software „Modest3D“ der Firma zurück. Hier trifft bodenständiger Maschinenbau mit tonnenschweren Produkten auf die Welt findiger Programmierer. Es waren Renk-Spezialisten, welche die Software für die gewaltigen Getriebe mit angepasst haben.

Bescheidenheit, ja schwäbisches Understatement hat bei dem Unternehmen Tradition, das 1873 von Johann Julius Renk in Augsburg gegründet wurde. Dabei gäbe es reichlich Gründe für die Augsburger, mal so richtig auf die Pauke zu hauen: Denn das Unternehmen hat 1961 die weltweit erste elektronische Steuerung für automatische Fahrzeuggetriebe gebaut. In der Firmengeschichte reiht sich Superlativ an Superlativ: 1989 lieferte Renk mit 75.000 Kilowatt ein Turbogetriebe mit der höchsten je in einem Zahneingriff übertragenen Leistung. Im Jahr 1999 wurde das weltweit leistungsstärkste Turbogetriebe mit einer Gasturbinenkraft von 140 Megawatt präsentiert. Der Bau des weltweit größten Planetengetriebes für einen Windkraftgondel-Prüfstand folgte 2013. Mit diesem prüft die Clemson Universität im amerikanischen South Carolina die Leistungsfähigkeit von Windkraftanlagen bis in Extrembereiche.

Wer durch die Hallen geht, spürt den Stolz der Beschäftigten auf ihre Arbeit. Getriebe, Gleitlager und Prüfstände sind Einzelanfertigungen. Die Konstruktionen des Unternehmens werden in Mega-Jachten, Marinebooten, Öl-Tankern, Windkraftanlagen, Zementmühlen und Panzern wie den Puma oder den Leopard eingebaut. In vielen Bereichen ist Renk Weltmarktführer, eine Information, mit der die Augsburger nicht hausieren gehen.

VW prüft, wie es mit Renk weitergehen soll

Die Historie war sehr lange durch den MAN-Konzern geprägt. Das endete erst 2018 nach 95 Jahren als Teil der Geschichte des Münchner Maschinenbau- und Nutzfahrzeuge-Unternehmens. Im Zuge der Übernahme von MAN durch Volkswagen gehört Renk zu VW, jedenfalls noch. Die Wolfsburger prüfen nämlich, wie es mit dem Unternehmen weitergehen soll. Gleiches gilt für den ebenfalls in Augsburg sitzenden Maschinenbauer MAN Energy Solutions, der auch (noch) unter dem Volkswagen-Dach zuhause ist.

Was mit Renk passiert, wird sich zeigen. Hofbauer äußert sich dazu nicht. Doch seit langem wird spekuliert, die Aktiengesellschaft könnte das Interesse von industriellen Investoren wie dem deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall wecken. Es sind aber auch weitere Namen und Geldgeber aus dem Finanzbereich im Gespräch. Den Renk-Chef bringt das alles nicht aus der Ruhe: „Es wird ja schon so lange spekuliert, was mit uns passiert.“

Die Beschäftigten in Augsburg, rund 1200 der insgesamt 2500 Mitarbeiter, wissen jedenfalls, dass sie für eine „Perle“ des Maschinenbaus arbeiten, wie Renk immer wieder genannt wird. Das Unternehmen kann mit einer satten operativen Rendite von zwölf Prozent aufwarten. Volkswagen verdient also mit seinem Anteil von 76 Prozent an der Firma richtig gutes Geld. Die Dividende je Aktie lag zuletzt unverändert bei schönen 2,20 Euro.

Renk baut unter anderem Getriebe für Schiffe und Fähren und Jachten.
Bild: Ulrich Wagner

Die Renk AG treibt jenseits aller Gerüchte das Geschäft voran und investiert kräftig in den Standort Augsburg. Zuletzt wurden rund 17,5 Millionen in ein neues Logistikzentrum südlich der Stadt in Oberottmarshausen gesteckt. Hofbauer müsste also trotz aller Gedankenspiele über einen möglichen neuen Eigentümer ein weitgehend sorgenfreier Mann sein. Er räumt aber dann doch ein, Renk setze die restriktivere Rüstungs-Exportpolitik der Bundesregierung zu. Denn so wird es für die Firma schwieriger, Ersatzteile für Panzergetriebe etwa in die Vereinigten Arabischen Emirate zu liefern, weil das Land im Jemen-Konflikt involviert ist.

Hofbauer versteht die Welt nicht: „Es kann nicht sein, dass wir erst Getriebe verkaufen dürfen und dann der Stecker von der Politik gezogen wird.“ Regierungsvertreter solcher Länder merkten sich das. Der Renk-Chef befürchtet: „Das strahlt in den zivilen Bereich aus.“

Nach wie vor befindet sich das Unternehmen aber in einer wirtschaftlich komfortablen Situation. Renk hat 2018 Aufträge über 529 Millionen Euro verbucht, während es im Vorjahr 434 Millionen waren. Hofbauer ist auch für dieses Jahr optimistisch, zumal sich die ohnehin selbst von der US-Marine und auch der amerikanischen Küstenwache gefragten schwäbischen Hightech-Produkte dank virtueller Räume nun günstiger warten lassen.

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