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Deutsche Bahn

17.11.2019

Wie die Deutsche Bahn Rollstuhlfahrer diskriminiert

Anja Härtl kämpft gegen die Diskriminierung von Rollstuhlfahrern durch die Bahn.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Plus Bahnfahren kann so einfach sein. Außer man sitzt im Rollstuhl. Dann wird es zur Katastrophe. Eine Augsburgerin erzählt von ihrem Reisedebakel. Und sie ist kein Einzelfall.

Anja Härtl ist wütend. Ziemlich wütend. Der Grund für ihre Wut ist die Deutsche Bahn. Das Gefühl kennen wahrscheinlich viele Bahnfahrer. Verspätungen, nicht angezeigte Reservierungen, defekte Toiletten und fehlende Wagen. Irgendeinen Grund zum Ärgern gibt es immer. Manche geben auf, es ändert sich ja doch nichts. Anja Härtl aber kämpft. Denn ihr Problem hat eine ganz andere Dimension. Es zeigt: Die Bahn diskriminiert Rollstuhlfahrer.

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Lange Zeit ist Härtl gerne mit der Bahn gefahren. Vor allem auf Dienstreisen, sagt sie. "Es ist praktisch, weil man die Zeit im Zug zum Arbeiten nutzen kann." Ein Vorzug, mit dem die Bahn selbst gerne wirbt. Doch seit die Augsburgerin im Rollstuhl sitzt, sieht sie die Dinge anders.

Bahnfahren ist für Rollstuhlfahrer sehr kompliziert. Das sagt nicht nur Härtl. Das sagen viele Menschen, die im Rollstuhl sitzen. Härtl erzählt: "Seit kurzem habe ich ein Auto. Wenn ich innerhalb Bayerns verreise, nutze ich nur noch das Auto." Genauso schildert der Augsburger Stadtrat Benedikt Lika seine Situation. Auch er sitzt im Rollstuhl und sagt: "Ich persönlich fahre nicht mehr mit dem Zug, sondern nutze mein Auto, um von A nach B zu gelangen." Bahnfahren sei viel zu umständlich. Wie umständlich?

Wie die Deutsche Bahn Rollstuhlfahrer diskriminiert

Wenn ein Rollstuhlfahrer Bahnfahren möchte, muss er sich vorher anmelden

Ziemlich. Stellen Sie sich vor, Sie wollten von Augsburg nach Berlin reisen. Doch statt eine Fahrkarte einfach im Internet zu buchen, müssen Sie eine kostenpflichtige Nummer anrufen. Dort müssen Sie nachfragen, ob im Zug noch ein Platz frei ist. Wo Sie sitzen möchten, ob erster oder zweiter Klasse, im Abteil oder im Großraum, im Ruhebereich, am Fenster oder am Gang, das können Sie nicht entscheiden. Es gibt eh nur einen, oder zwei Plätze, die Sie nutzen dürfen. Im gesamten ICE.

Ist noch ein Platz frei, heißt das aber nicht, dass Sie zusteigen dürfen. Es muss auch noch jemand am Abfahrts- und Ankunftsbahnhof sein, der Ihnen beim Ein- und Aussteigen hilft. Das klappt nicht immer. Der Hilfsservice hat Öffnungszeiten. Er arbeitet auch nicht an jedem Bahnhof in Deutschland - nur an ausgewählten. Für die restlichen Orte gibt es eine mobile Einsatztruppe. Doch auch die ist nicht immer verfügbar.

Der ganze Überprüfungsvorgang dauert etwa eine Dreiviertelstunde, sagt die Augsburgerin Härtl. Wo andere Menschen drei Klicks machen, ist sie fast eine Stunde beschäftigt. Denn ob ein Rollstuhlplatz belegt ist, lässt sich nicht im Internet überprüfen. Anders als bei regulären Sitzplätzen, bei denen der Gast bei der Online-Buchung sogar entscheiden kann, ob er in oder gegen Fahrtrichtung sitzen möchte, gibt es für Rollstuhlfahrer keinerlei Information. Stattdessen müssen sie anrufen.

Sie können die Anfrage auch per E-Mail schicken. Doch auch das geht nicht einfach so. Damit die Anfrage bearbeitet wird, muss ein Formular ausgefüllt werden, das leicht 70 Punkte oder mehr haben kann.

Personal fehlt: Härtl wollte nach Berlin, doch am Augsburger Bahnhof konnte niemand den Hublift bedienen

Ihre Reise müssen Menschen, die im Rollstuhl sitzen, spätestens 48 Stunden vor Abfahrt anmelden. Am Tag der Abfahrt müssen sie mindestens 20 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof sein. Allerdings kann ihnen jederzeit bis kurz vor Abfahrt immer noch mitgeteilt werden, dass sie die Reise nicht antreten können, weil die Bahn ihren Wagen vergessen hat. Oder weil es keine Toiletten an Bord gibt. Oder weil derjenige, der bei Ein- und Aussteigen helfen soll, doch nicht da ist. Und dann? Wird der Reisende am Gleis stehen gelassen. Muss sich um einen Ersatz bemühen.

Dass mal alles ohne Probleme ablaufe, sei eine Ausnahme, sagt Härtl. Und diese Komplikationen sind ja noch nicht alles: Härtl und Lika berichten beide davon, dass sie auch schon öffentlich an den Pranger gestellt wurden - als Verspätungsgrund. So erzählt etwa Anja Härtl: Am Augsburger Hauptbahnhof sei einmal über Lautsprecher durchgegeben worden: "Die Abfahrt verzögert sich wegen eines Rollstuhls." "Das stimmt einfach nicht. Die Fahrt war angemeldet und von der Bahn zugesagt", sagt Härtl. "In dem Moment hatte ich Angst und fühlte mich ausgeliefert." Dem CSU-Stadtrat Benedikt Lika ist genau das Gleiche auch schon passiert.

Andere Rollstuhlfahrer berichten über Debatten am Gleis, weil Zugbegleiter sich weigern, sie mitzunehmen. Der Grund: An Bord ist die Toilette für Menschen mit Behinderung kaputt. Wie erniedrigend das ist, mit einem fremden Menschen öffentlich auf einem Bahnsteig darüber zu sprechen, ob man in der nächsten Stunde zur Toilette muss, oder nicht, kann sich jeder vorstellen.

Wären das die Bedingungen für alle Bahnreisenden, vermutlich hätte die Bahn keinen einzigen Kunden. Für Rollstuhlfahrer sind sie Normalität. Nun könnte man sagen: Naja, wie viele Rollstuhlfahrer gibt es schon? Eine ganze Menge. Das Bundesamt für Statistik gibt an, dass zehn Prozent der Bevölkerung eine Schwerbehinderung hat. Auch die Bahn selbst hat Zahlen, wonach die Dienstleistungen der Mobilitätsservice-Zentrale, an sie müssen sich Bahn-Passagiere im Rollstuhl wenden, immer häufiger nachgefragt werden. Im Jahr 2009 wurde die Zentrale 431.000 Mal in Anspruch genommen. Im Jahr 2018 850.000 Mal. Insgesamt hatte die Bahn im Jahr 2018 148 Millionen Fahrgäste. Das heißt umgerechnet: Jeder 200. Fahrgast benötigte den Service.

Vor kurzem ballte sich Härtls ganze Frustration. Sie wollte Ende November dienstlich von Augsburg nach Berlin reisen. Schon einen Monat vorher hatte sie die Fahrt bei der Mobilitätsservice-Zentrale angemeldet. Doch die Bahn macht ihr das Reisen schwer. Was war passiert?

In Augsburg sei für den Zug, den die 40-Jährige nehmen wollte, niemand da, der ihr beim Einsteigen helfen könnte. Dafür ist ein sogenannter Hublift nötig. Er hebt den Rollstuhl nach oben. Um das machen zu dürfen, brauchen Bahnmitarbeiter eine Schulung. Und ohne Lift geht es nicht, weil ICEs nicht barrierefrei sind. Sie haben Stufen. Immer. Allerdings sind wenige Menschen im Umgang mit diesen Liften geschult. Und das geschulte Personal ist nicht immer vor Ort. Zwar betont die Bahn, dass sie immer mehr Personal für den Mobilitätsservice einsetzt. Doch es reicht nicht aus.

Für mehr Barrierefreiheit bei der Bahn: Kieler startet Petition

Für Härtls Dienstreise hätte das bedeutet, dass die Mitarbeiterin der Universität Augsburg entweder einen Tag früher fahren oder sehr viel häufiger hätte umsteigen müssen. Der ICE fährt um kurz vor 11 Uhr in Augsburg ab - nicht wirklich eine Randzeit. Da aber niemand da ist, der ihr beim Einsteigen helfen kann, ist die Verbindung für Härtl gestrichen. Härtl war so genervt, dass sie ihrem Ärger auf Twitter teilte und wahnsinnig viel Zuspruch erhielt. "Das hat mich selbst überrascht", sagt sie heute. Doch es zeigt: Ihr Fall ist eben kein Einzelfall.

Und wie hat sie das Problem gelöst? "Mein Mann fährt mich privat nach Donauwörth. Dort ist zur fraglichen Zeit jemand anwesend, der mir in den Zug helfen kann." Um die Reise antreten zu können, muss Anja Härtl also eine Dreiviertelstunde mit dem Auto in eine andere Stadt fahren, nur um dort in den Zug zu steigen.

Kay Macquarrie kämpft seit Jahren für mehr Barrierefreiheit bei der Bahn. Und hat deshalb auch eine Online-Petition gestartet.
Bild: change.org

Einer der sich seit Jahren mit dem Thema befasst, ist der Kieler Kay Macquarrie. Er kämpft seit Jahren für mehr Barrierefreiheit bei der Bahn. Der 44-Jährige hat im Frühjahr auch eine Petition gestartet, bei der inzwischen mehr als 91.200 Menschen unterschrieben haben. Sie alle fordern mehr Barrierefreiheit von der Bahn. Macquarrie sitzt außerdem in einem Beirat, der die Bahn beim Thema Barrierefreiheit berät. Doch es ändert sich wenig. Im Gegenteil, es wird immer noch schlimmer, findet er.

Die neuen IC-Züge der Bahn etwa sind Doppelstockzüge. Das ist immer ein Problem für Rollstuhlfahrer, weil sie zum Einsteigen je nach Bahnsteighöhe nach oben oder nach unten kommen müssen. Auch sich im Zug zu bewegen, ist durch die vielen Stufen ausgeschlossen. In Schleswig-Holstein, Macquarries Heimatbundesland, will die Bahn Regionalzüge einsetzen, die über drei Rampen zugänglich sind. Rampen wären doch besser als Treppen, könnte man meinen. Doch die Rampen haben statt einer vorgeschriebenen Steigung von höchstens sechs Prozent eine Steigung von 15 Prozent. "Kein Mensch im Rollstuhl kann das alleine schaffen", sagt Macquarrie.

Zu wenig Barrierefreiheit: Das sagt die Bahn zu den Vorwürfen

Dabei macht die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ganz klare Vorgaben. Im Artikel neun heißt es: "Um Menschen mit Behinderungen eine unabhängige Lebensführung und die volle Teilhabe in allen Lebensbereichen zu ermöglichen, treffen die Vertragsstaaten geeignete Maßnahmen mit dem Ziel, für Menschen mit Behinderungen den gleichberechtigten Zugang (...) zu Transportmitteln zu gewährleisten. Diese Maßnahmen, welche die Feststellung und Beseitigung von Zugangshindernissen und - barrieren einschließen, gelten unter anderem für (...) Transportmittel." Deutschland hat diese Konvention unterzeichnet.

Die Bahn ist also ausdrücklich gemeint und doch weit davon entfernt, dieses Ziel zu erreichen. "Und nur um das mal klar zu machen: Es geht nicht um irgendein Luxus-Problem. Etwa darum, ob es im Bord-Bistro Vollkornbrot-Schnitten gibt. Es geht um den Transport von Menschen im Rollstuhl", sagt Kay Macquarrie.

Und was sagt die Bahn zu den ganzen Problemen? Nicht viel. Auch auf die mehrfache Bitte unserer Redaktion um ein persönliches Gespräch antwortet die Pressestelle nur schriftlich. "Für die Deutsche Bahn ist das barrierefreie Reisen unserer Fahrgäste eine Herzensangelegenheit. Wir unterstützen Menschen mit Mobilitätseinschränkungen mit umfangreichen Dienstleistungen", teilt eine Pressesprecherin mit. Daneben arbeite die Bahn daran, ihre Bahnhöfe und Züge barrierefrei zu gestalten. Wann es so weit sein soll? Wie lange Menschen im Rollstuhl noch auf Hublifte angewiesen sind? Warum die Bahn immer wieder neue Züge einsetzt, die nicht barrierefrei sind? Was der Konzern zur UN-Behindertenrechtskonvention sagt? Auf all diese Fragen gibt es trotz Nachfrage keine Antwort. Die Bahnsprecherin teilt aber mit: "Mittlerweile können wir über 99 Prozent aller Wünsche nach Umsteigehilfen an Bahnhöfen erfüllen. Wenn trotz aller Bemühungen eine Reise nicht wie geplant funktioniert, bedauern wir das sehr."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Die Inklusions-Bilanz der Bahn ist mies

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