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Augsburg

13.09.2016

Wie die Prillers die Brauerei Riegele fit für die Zukunft machen

Sebastian Priller jun. und sein Vater, der ebenfalls Sebastian heißt.
Bild: Ulrich Wagner

Sebastian Priller hat es bis zum Weltmeister der Biersommeliers gebracht. Er und sein Vater erklären, wie sie die Brauerei Riegele fit für die Zukunft machen.

Wenn Sebastian Priller einen Schluck Bier trinkt, dann schmeckt er nicht nur Bier. Dann schmeckt er Noten von Maracuja, Mango, Litschi und Banane und weiß, welches besondere Bier er vor sich hat. Ein Indian Pale Ale zum Beispiel. Oder ein dunkles Stout, das die gesamte Klaviatur an Röstaromen bietet. Karamell, Kaffee, Bitterschokolade. Der 41-Jährige ist nicht nur Biersommelier, also ein Feinschmecker mit einem besonderen Sinn für Bier. Im Jahr 2011 ist Priller sogar zum Weltmeister der Biersommeliers gewählt worden. Das hat den Juniorchef der Augsburger Brauerei Riegele weithin bekannt gemacht – und die Brauerei dazu. Wie den Wein-Sommeliers geht es den Bierfeinschmeckern darum, die Aromen des Getränks zu erkunden und Begeisterung zu wecken.

Testet Sebastian Priller ein Bier, dann hebt er erst das Glas vor die Augen. Wie ist die Optik? Die Farbe, die Trübung, der Schaum? Ist er feinporig, steht er schön im Glas? Dann nähert er sich mit der Nase. Wie ist der Duft? Hat das Bier Harmonie? Im Antrunk, also mit dem ersten Schluck, prüft der Sommelier die Perlage. Prickelt das Bier spritzig, gar aggressiv auf der Zunge? Hat es eine erfrischende oder eine schwere, gar ölige Textur?

Und – anders als bei Wein – nimmt der Biersommelier dann noch einen zweiten Schluck, den Nachtrunk. „Erst da spürt man auf der Zunge die Bitternote des Bieres.“ Sie kommt durch den Hopfen ins Bier und ist ein kleines Universum für sich. „Hinten auf der Zunge sitzen 30 unterschiedliche Rezeptoren für das Bittere“, erklärt Priller. „Bier ist kein Getränk, Bier ist flüssige Lebensfreude“, sagt er. Doch Leidenschaft ist das eine, eine andere Herausforderung ist es, eine Brauerei wirtschaftlich erfolgreich zu betreiben.

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Viele Traditionsbrauereien in Augsburg verschwunden

Gerade in Augsburg sind viele Traditionsbrauereien über die Zeit hin verschwunden. Nicht so die Brauerei Riegele in der Nähe des Hauptbahnhofs, dort, wo sie seinerzeit Commerzienrat Sebastian Riegele im Jahr 1911 errichtet hat. Noch heute steht der Commerzienrat Pate für den Namen eines Bieres aus dem Hause Riegele. Muss Sebastian Priller auf dem Gelände der Brauerei von A nach B, schlendert er nicht, sondern eilt wie der Wirbelwind. In den Reifekeller, über den Hof, zurück in den Laden, in dem in Holzregalen die Biere des Hauses verkauft werden. Ihm ist es zusammen mit seinem Vater gelungen, das Brauereigelände neu zu entwickeln.

Braukurse locken heute Bier-Fans aus aller Welt an. Die Gaststätte ist gut besucht. Abends wird an den Holzbänken „Augsburgerisch“ genauso gesprochen wie Englisch oder Französisch. Von der Terrasse aus kann man den ein- und abfahrenden Zügen hinterherblicken. Vor der Brauerei lockt ein Biergarten mit schattigen Bäumen. „Das Wirtshaus ist ein Melting Pot“, schwärmt Sebastian Priller – ein Schmelzkessel. Ein Ort, an dem die Leute zusammenkommen. Geschäftsführer, Arbeiter, Studenten, Rentner. Das Öffnen der Brauerei ist für Seniorchef Sebastian Priller, 66, einer der größten Erfolgsgründe: Galten früher Besucher häufig als „Störfaktor“, die den Betriebsablauf behindern, sind sie heute in der Brauerei Riegele willkommen. „Jeder kann erleben, was wir machen, jeder kann hier Bier brauen“, sagt der Senior-Chef. „Wir brauchen kein grünes Werbe-Schiff wie Beck’s, um Erfolg zu haben, wir zeigen stattdessen, wie unser Bier gemacht wird.“ Vater und Sohn prägen zwar auch das gesellschaftliche Leben der Stadt und landen immer wieder einen Coup. Im Jahr 2013 traten sie zum Beispiel in der ZDF-Sendung „Rette die Million!“ bei Jörg Pilawa an. Letztlich aber ist es ihr Produkt, das überzeugen soll – das Bier.

Riegele setzt auf neue Biersorten

Dabei setzt die Familie auf neue Biersorten und steht im süddeutschen Raum mit an der Spitze der Craft-Beer-Bewegung. Die Basis des Sortiments, sagt der Senior-Chef, bleiben zwar die Traditionsbiere – Pils, Helles, Export, Dunkles, Kellerbier, Alkoholfreies. Aber „extrem wichtig“ seien für die Brauerei die Craft-Biere geworden. Acht Brauspezialitäten für Genießer haben seit 2011 ihren festen Platz im Sortiment gefunden – zum Beispiel das süße, doppelt gegärte „Dulcis 12“ oder das nachtschwarze „Noctus 100“ mit seiner Note nach Kaffee und bitterer Schokolade.

Wer mit Sebastian Priller jun. in den Reifekeller hinabsteigt, bekommt noch seltenere Bier-Spezialitäten zu sehen und zu schmecken. Wie gute Weine reift im alten Backsteingewölbe Bier in alten Eichenfässern. Fässer, die ehemals Bourbon-Whiskey beherbergten. Diese Spitzenbiere sind rar, für den besonderen Moment gemacht und dementsprechend teurer. Die kleine Flasche „Magnus 15“ kostet zum Beispiel 59 Euro. Doch die limitierten 1001 Stück sind ausverkauft. Die Begeisterung für Craft-Biere haben Vater und Sohn auch auf Reisen in alle Welt gefunden, auf denen sie Biere kosten, riechen und schmecken. Früh bereisten beide die USA, wo die Craft-Beer-Bewegung ihren Anfang nahm. Kürzlich besichtigten beide eine Brauerei in Namibia.

Manches wird auch weggeschüttet

Und das Entdecken neuer Geschmacksrichtungen geht weiter: Zusammen mit dem Craft-Beer- Pionier Sierra Nevada aus den USA hat die Brauerei Riegele kürzlich ein neues Bier auf den Markt gebracht. Dabei geben die Prillers auch zu, dass bei all dem Ausprobieren nicht alles auf Anhieb gelingt. „Wir lernen viel, wir schütten aber auch manches weg“, sagt Sebastian Priller sen. und schmunzelt. Über 170 Hefen verfügt die Brauerei – normal sind zwei oder drei. Da gibt es viel Raum zum Experimentieren.

Wie aber ist es seinem Sohn gelungen, Biersommelier zu werden? Basis ist eine Biersommelier-Ausbildung. Die Weltmeisterschaft richtet der Verband der Biersommeliere aus. Aus mehreren Ländern treten die bestplatzierten Fachleute an – insgesamt 54, berichtet Sebastian Priller jun. Sie müssen zehn Biere am Geschmack erkennen. Wer dann zu den sechs Finalisten gehört, muss einer Jury ein Bier bestmöglich beschreiben. „Da heißt es hopp oder top“, erinnert sich Priller jun., der 2011 in Salzburg siegte. Ein bisschen Glück gehört also dazu.

Und wie trainiert man auf so einen Wettbewerb? „Mit der Ausbildung zum Biersommelier geht die Reise erst los“, sagt Priller jun. Dann folgen „Training, Training, Training“. Ein halbes Jahr vor der Weltmeisterschaft habe er jeden Tag nicht nur viel über Bier gelesen, sondern auch drei bis fünf Biere aus aller Welt getestet. Der Aufwand für die Biersommelier-Weltmeisterschaft ist groß. Auch deshalb verzichtet er, nochmals um den Titel zu kämpfen. Nun haben andere eine Chance.

Bleibt eine Frage offen. Was trinken die Bier-Feinschmecker am liebsten? Sebastian Priller jun. entscheidet je nach Lebenslage, wie er sagt. „Mal ein feines Urhell, mal eine Brauspezialität – ich will eben die Vielfalt genießen.“ Für den Senior-Chef ist die Sache einfacher: Er trinkt gern alkoholfreies Weißbier, verrät er. Da könne man auch untertags gut arbeiten.

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