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Augsburg

20.01.2021

Wie eine Augsburger Manroland-Firma trotz Krise Jobs sichert

Bei Manroland web production wurde jetzt ein Kompromiss zur Absicherung der Arbeitsplätze in Augsburg geschaffen.
Foto: Michael Hochgemuth

Plus Die Beschäftigten einer Manroland-Firma in Augsburg nehmen zwar herbe finanzielle Einschnitte hin. Dafür bleiben in dem Augsburger Werk die Arbeitsplätze sicher.

In der wichtigsten deutschen Industriebranche, der Metall- und Elektroindustrie, werden in Corona-Zeiten von einem hohen Niveau aus kräftig Arbeitsplätze abgebaut. So hat die Gewerkschaft IG Metall ausgerechnet, dass schon im vergangenen Jahr rund 120.000 Stellen weggefallen sind. Zudem wurden Zehntausende Leiharbeiter abgemeldet. Die Entwicklung setzt sich 2021 fort. Dass große Unternehmen wie Airbus, Conti, Schaeffler, Premium Aerotec, Kuka oder MAN Energy Solutions erheblich den Job-Rotstift ansetzen, ist bekannt. Doch in Gewerkschaftskreisen wird immer wieder darauf verwiesen, dass gerade bei vielen kleineren Zulieferern, gerade im Maschinenbau und der Autoindustrie, also Betrieben, die meist unter dem öffentlichen Radar bleiben, massiv Arbeitsplätze auf der Kippe stehen.

Für die gesamte Metall- und Elektroindustrie gilt: Wenn es starke Betriebsräte gibt und die Gewerkschaft eingebunden ist, wird zumindest versucht, den Abbau sozial verträglich, also vor allem mit Altersteilzeit und dem Angebot von Abfindungen wie bei Airbus und Premium Aerotec zu gestalten. Kündigungen sollen also partout vermieden werden. Am Ende fallen aber auch auf diese Weise in der gesamten Branche weitere Zehntausende Arbeitsplätze weg.

So will Manroland web production in Augsburg einen Jobabbau verhindern

Doch das muss nicht sein, wie ein schwäbisches Modell-Projekt zur Beschäftigungssicherung zeigt. Hier haben in Augsburg Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter in einem Maschinenbau-Betrieb nach hartem Ringen und schroffen Worten eine pragmatische Lösung gefunden, wie trotz eines empfindlichen Auftragseinbruchs im Zuge der Corona-Krise Arbeitsplätze erhalten werden können, um mit der Mannschaft nach einem Anziehen der Konjunktur wieder durchstarten zu können.

Dabei waren die Fronten bei Manroland web production mit 230 Mitarbeitern zwischen den Verhandlungspartnern zunächst verhärtet. Die Beschäftigten des Unternehmens liefern für die größere Schwesterfirma Manroland Goss web systems komplexe Bauteile für Druckmaschinen, aber auch Komponenten für andere Maschinenbauer. Im letzteren Geschäft mussten erhebliche Einbußen hingenommen werden, weil Auftraggeber selbst Probleme haben und Produktion zur Absicherung von Arbeitsplätzen ins eigene Haus zurückholen.

Manroland web production: Keine betriebsbedingten Kündigungen bis 2023

Als Reaktion darauf wollte die Firmenleitung von Manroland web production, um die Stellen dennoch abzusichern, die wöchentliche Arbeitszeit von 37, 5 auf 40 Stunden erhöhen – und das ohne Lohnausgleich. Zudem pochte die Arbeitgeberseite darauf, dass Urlaubs- sowie Weihnachtsgeld gestrichen und Tariferhöhungen ausgesetzt werden. Betriebsratsvorsitzender Sascha Hübner, 46, sprach von einem „Katalog der Frechheiten“. Er kritisierte: „Wieder einmal sollen wir als Belegschaft für die Fehler und die Unfähigkeit der Geschäftsführung die Rechnung bezahlen.“ Geschäftsführer Franz Gumpp hingegen bat um Verständnis: „Wir wollen in schwierigen Corona-Zeiten die Arbeitsplätze erhalten.“

Der Geschäftsführer von Manroland web production, Franz Gumpp, bittet um Verständnis.
Foto: Silvio Wyszengrad

Die Positionen waren abgesteckt. Es wurde intensiv verhandelt. Nun liegt ein Kompromiss vor, der in seiner Art weit über Augsburg hinaus für die Branche interessant ist, und eine Art schwäbisches Modell zur Job-Sicherung unter besonderen Corona-Umständen darstellt.

Dabei spielt der Gesellschafter des Unternehmens, die Lübecker Possehl-Gruppe, hinter der eine Stiftung steht, eine besondere Rolle, die in Verhandlungskreisen als „Türöffner“ beschrieben wird. Denn die Possehl-Verantwortlichen kamen den Arbeitnehmervertretern entgegen und stimmten zu, einen Ergebnisabführungs-Vertrag mit dem Augsburger Tochter-Unternehmen zu schließen. Was abstrakt klingt, ist in der Praxis für die Beschäftigten ein Sicherheits-Anker in einem labilen wirtschaftlichen Umfeld: Denn der Vertrag kann frühestens nach fünf Jahren gekündigt werden und sieht unter anderem vor, dass Verluste vom Gesellschafter ausgeglichen werden.

Zuletzt hatte Manroland Web production rote Zahlen geschrieben. Geschäftsführer Gumpp sagt: „Es ist gut, einen solchen Gesellschafter im Rücken zu haben.“ Und die Arbeitnehmervertreter Hübner sowie Augsburgs IG-Metall-Chef Michael Leppek, 50, verbuchen es als Erfolg, „dass betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2023 ausgeschlossen sind.“ Die Arbeitsplätze sind also zunächst sicher, was bei einer Belegschaft mit einem Durchschnittsalter von gut 50 Jahren eine wichtige Botschaft ist.

Diese Einschnitte kommen auf Beschäftigte zu

Nun kommt aus Sicht der Betriebsräte der „unangenehme Teil“ des Deals, ohne den der Abschluss nicht möglich gewesen wäre: Wenn IG Metall und Arbeitgeber für die Metall- und Elektroindustrie Tariferhöhungen aushandeln, werden diese für die Beschäftigten des Augsburger Betriebs für drei Jahre ausgesetzt. Erst ab 2024 kommen die Mitarbeiter wieder auf das im Tarifvertrag vorgesehene Lohnniveau. Eventuelle Gehaltshöhungen der nächsten drei Jahre werden also nachgeholt.

Was aber besonders hart für die Beschäftigten ist: Das Weihnachtsgeld wird halbiert. Auf das Urlaubsgeld müssen sie ganz verzichten, dafür erhalten sie eine Kompensation, die etwa die Hälfte der Leistung ausmacht. Die Wochenarbeitszeit steigt nicht, wie von den Arbeitgebern angepeilt von 37,5 auf 40 Stunden, sondern auf 38,75 Stunden.

Mit all den Schritten rechnet Geschäftsführer Gumpp vor, sinkt der Stundenlohn um zehn bis zwölf Prozent: Daher ist er zuversichtlich, dass nun weitere Aufträge von Drittfirmen reingeholt werden können. Zuletzt gelang es hier schon, etwa mit einer Medizintechnik-Firma ins Geschäft zu kommen.

Gewinne sollen an die Belegschaft ausgeschüttet werden

Mitarbeiter der Druckmaschinenbranche, die wegen der hohen technischen Anforderungen als Königin des Maschinenbaus gilt, haben einen guten Ruf. Nach dem Augsburger Zukunftspakt, mit dem eine Brücke in wieder bessere konjunkturelle Zeiten gebaut werden soll, sind die herben Einschnitte bei Weihnachts- und Urlaubsgeld auf drei Jahre befristet. Dann sollen die Beschäftigten wieder in den Genuss der Sonderzahlungen in alter Höhe kommen. Wenn das Unternehmen Gewinne erwirtschaftet, werden sie 2021 zu 100 Prozent und in den beiden Folgejahren zu je 50 Prozent an die Belegschaft ausgeschüttet.

Die Firma Manroland web production zahlt für drei Jahre kein Weihnachtsgeld an ihre Angestellten.
Foto: Ulrich Wagner

Nach den anfänglich lauten Tönen ist nun wieder Frieden bei Manroland web production eingekehrt. Gumpp sagt: „Das Miteinander mit der Arbeitnehmerseite war eine gute Erfahrung. Die Gespräche mit IG Metall und Betriebsrat waren bei allen gegensätzlichen Positionen konstruktiv.“ Der 54-Jährige wirkt erleichtert: „Wir können die Mannschaft an Bord halten.“

Gumpp ist seit über 30 Jahren für das Unternehmen tätig und hat auch die schwere Zeit im Jahr 2011, als die damalige Manroland AG Insolvenz anmelden musste, erlebt. Der gelernte Maschinenschlosser hat nach einem Fachabitur auf dem zweiten Bildungsweg Maschinenbau studiert. Betriebsratsvorsitzender Hübner und IG-Metall-Mann Leppek können mit dem Deal wegen der Beschäftigungssicherung leben, „auch wenn die finanziellen Einschnitte natürlich wehtun“.

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