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Landkreis Augsburg

13.08.2019

Wie eine EU-Regelung den bekannten Farbhersteller Keimfarben belastet

Auch in bunten Farben ist das Weißpigment Titandioxid enthalten. Es könnte bald schon EU-weit die Einordnung als möglicherweise krebserregend erhalten.
Bild: Keimfarben

Plus Titandioxid wird seit 100 Jahren als Farbpigment verwendet, nun könnte es verboten werden. Das bekommt auch der Farbhersteller Keimfarben aus Diedorf zu spüren.

Europa? Ja, klar, möchte Rüdiger Lugert eigentlich aus Überzeugung sagen. Doch was der Geschäftsführer des Diedorfer Unternehmens Keimfarben mit weltweit rund 560 Mitarbeitern gerade erlebt, besorgt ihn. „Die europäische Administration hat sich völlig verselbstständigt“, sagt er. Und das habe dramatische Folgen für sein Unternehmen und die Mitarbeiter.

Ein Grundstoff für die Herstellung von Farben könnte schon bald EU-weit als möglicherweise krebserregend eingestuft werden. Die Folge: Eine entsprechende Kennzeichnung aller Farberzeugnisse aus dem europäischen Raum, während Produkte etwa aus Nordamerika und China mit den gleichen Inhaltsstoffen ohne Kennzeichnung blieben. Was Lugert besonders hervorhebt: Andere Produkte, wie Kunststoffe oder Keramik, die denselben Stoff enthalten, würden ebenfalls nicht gekennzeichnet.

In Diedorf im Landkreis Augsburg ist der Stammsitz der weltweit agierenden Farbenfirma Keimfarben. Die mögliche Einstufung des Weißpigments Titandioxid als möglicherweise krebserregend sorgt dort für Aufregung.
Bild: Keimfarben

Wie schädlich ist der Wirkstoff Titandioxid in Farben?

Es geht um den mineralischen Stoff Titandioxid. Seit rund 100 Jahren wird der in der Farbherstellung bei Keimfarben verwendet. Er verleiht Farben einen gleichmäßig deckenden weißen Farbton. „Es gibt zu Titandioxid kein vergleichbares Pigment und keine Alternative“, sagt die Prokuristin der Firma, Bettina Heyne. Verwendet wird Titandioxid weltweit in der Farbindustrie und überall dort, wo deckendes Weiß erwünscht ist – vom Legostein bis zum 20-Euro-Schein, in Sonnencreme und Zahnpasta.

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Im Jahr 2015 passierte dann das, was Lugert den „Alleingang einer französischen Behörde“ nennt. Das dortige Amt für Lebensmittelsicherheit, Umwelt- und Arbeitsschutz hat den Stoff bei der europäischen Chemikalienagentur, kurz ECHA, als „wahrscheinlich krebserregend beim Einatmen“ vorgeschlagen. In Frankreich geht man bereits rigoros gegen Titandioxid vor: Ab 2020 darf der Stoff dort zunächst für ein Jahr nicht mehr in Lebensmitteln verwendet werden.

In den vergangenen Monaten ist ein Streit über die möglichen Gefahren des Stoffes entbrannt. Der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Lack- und Druckfarbenindustrie, Martin Engelmann, etwa ist überzeugt, dass dem Vorschlag der Kommission aus wissenschaftlicher Sicht jede Grundlage fehle. Er basiere lediglich auf einer einzigen Studie, bei der Ratten über einen sehr langen Zeitraum staubförmiges Titandioxid einatmen mussten. „Die dabei festgestellte Reaktion ist charakteristisch für eine Vielzahl von Stäuben“, kritisiert Engelmann. Studien an Arbeitern hätten für den Menschen keine Gefahr bewiesen. „Titandioxid ist sicher“, erklärt Engelmann. Das Bundesinstitut für Risikobewertung will sich bisher noch nicht festlegen, da es noch Forschungsbedarf gebe.

Keimfarben aus Diedorf hat die Farbe fürs Weiße Haus hergestellt

Die Produkte von Keimfarben gelten gemeinhin als besonders gesund. Mit einer Farbe aus dem Haus ist das Weiße Haus in Washington gestrichen worden, genauso wie die Mauer um den Kreml. Auch der Landkreis Augsburg hat für das benachbarte Schmuttertal-Gymnasium einen Anstrich von Keimfarben verwendet. In einem bundesweit ausgezeichneten Modellprojekt wurden vor dem Bau der Schule hunderte Werkstoffe auf ihre Schädlichkeit für die Gesundheit untersucht und nur einwandfreie verwendet. Im vergangenen Jahr hat die Zeitschrift Öko-Test Sonnencremes getestet, die auch Titandioxid enthalten. Das Fachblatt kommt zu dem Schluss, dass die Einordnung als gesundheitlich bedenklich hier nicht nötig ist. Produkte wie Sonnencreme wären von einer Kennzeichnung aber ohnehin ausgenommen, weil sie nicht der ECHA unterliegen.

Das Weiße Hauses in Washington wurde mit Farbe von Keimfarben aus Diedorf gestrichen.
Bild: Carolyn Kaster/AP, dpa (Archiv)

Dennoch wird sich die Einstufung als „Verdacht auf krebserzeugende Wirkung“ wohl nicht mehr aufhalten lassen, befürchten Heyne und Lugert. „Finden Sie mal einen Mediziner oder Toxikologen, der die Garantie dafür gibt, dass ein Stoff sicher nicht krebserregend ist. Das sagt doch keiner“, sagt Lugert. Im vergangenen Jahr hatte die Europaabgeordnete Ulrike Müller (Freie Wähler) bei einem Besuch von Gabriel-Chemie in Weitnau im Allgäu zugesichert, sich im Europaparlament gegen die Einordnung einsetzen zu wollen. Allerdings: Wenn sich im Herbst die neue EU-Kommission mit dem Thema wieder befasst, müssen die Vertreter der Mitgliedsländer wohl nicht mehr gehört werden. Das Verfahren laufe nun in einem „Delegierten Rechtsakt“ auf Ebene der Administration, teilt Müller auf Nachfrage mit. Im Herbst könnte es zu einer Entscheidung kommen.

Vor kurzem hat der Bundestagsabgeordnete Hansjörg Durz (CSU) Keimfarben besucht. Wie der Stoff am Ende eingestuft wird, darauf hat er keinen Einfluss. „Die Zuständigkeit liegt eindeutig bei der EU“, sagt er. Dennoch sagte er dem Unternehmen seine Unterstützung zu. „Solche Regelungen dürfen nicht existenzgefährdend für Unternehmen wie Keimfarben werden.“

Lugert verweist auf die betriebswirtschaftlichen Folgen der Entscheidung. Zum einen würde solch ein gekennzeichnetes Produkt sicher „kein Handwerker kaufen und kein Verbraucher akzeptieren“. Zudem müssten Produkte mit mehr als einem Prozent Titandioxid, wie auch Joghurtbecher oder Tapeten, als Sondermüll entsorgt werden. „Die sozioökonomischen Folgen werden auf etwa fünf Milliarden Euro geschätzt. Das entspricht dem Umsatz unserer gesamten Branche in Deutschland.“ Die Abschätzung rechtlicher oder sozioökonomischer Folgen sei nicht Aufgabe und Teil des Verfahrens bei einer möglichen Einordnung eines Stoffes als krebserregend, teilte die EU-Kommission auf Anfrage von Ulrike Müller mit.

Falls die Regelung eintritt, könnte es vor Gericht gehen: Lugert und Heyne rechnen damit, dass die Branche klagen wird.

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