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Interview

23.04.2019

Wie wird sich unsere Arbeit verändern, Herr Hoffmann?

Reiner Hoffmann hat seine Karriere als Auszubildender bei Hoechst begonnen. Seit Mai 2014 ist er Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes.
Bild: Wolfgang Kumm, dpa

DGB-Chef Reiner Hoffmann glaubt, dass sich der digitale Wandel nur stemmen lässt, wenn die Unternehmen mehr in Weiterbildung investieren.

Herr Hoffmann, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Reallöhne steigen, der Mindestlohn ist eingeführt und die Arbeitsplätze werden ergonomischer. Geht es den Arbeitnehmern heute so gut wie noch nie?

Reiner Hoffmann: Ja, das kann man so sagen. Aber trotz der robusten Arbeitsmarktlage und den größtenteils guten Arbeitsbedingungen haben wir zwei Baustellen auf dem Arbeitsmarkt. Zum einen haben wir einen viel zu großen Niedriglohnsektor. Nahezu acht Millionen Menschen verdienen in Deutschland weniger als 10,80 Euro pro Stunde. Zum anderen gibt es immer weniger tarifgebundene Unternehmen. Heute sind nur noch 27 Prozent aller Betriebe tarifgebunden, nur 55 Prozent der Beschäftigten fallen unter den Schutz von Tarifverträgen. Der Arbeitsmarkt ist nach wie vor stark segmentiert. Wer in der Industriebranche arbeitet, in der die Tarifbindung ja immer noch hoch ist, hat deutlich bessere Arbeitsbedingungen. In der Dienstleistungsbranche hingegen lassen die Arbeitsbedingungen oft zu wünschen übrig.

Wie erklären Sie sich die niedrigen Löhne in der Dienstleistungsbranche?

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Hoffmann: Die Strukturen im Dienstleistungssektor sind meist sehr kleinteilig. Der Organisationsgrad und die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer sind leider entsprechend gering. Ohne tarifliche Bindung und Betriebsräte entstehen oft prekäre Beschäftigungsverhältnisse.

Ist der Fachkräftemangel, über den viele Unternehmen klagen, für Arbeitnehmer ein Glücksfall?

Hoffmann: Ja. Die Unternehmen müssen aus Eigeninteresse höhere Löhne zahlen und gute Arbeitsbedingungen bieten. Davon profitieren die Arbeitnehmer.

Welche Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt erwarten Sie durch die Digitalisierung?

Hoffmann: Die Digitalisierung macht vor keiner Branche halt und durchzieht auch unser Privatleben. Damit die Menschen in der Lage sind, mit diesem Wandel Schritt zu halten, müssen sie die nötige Weiterbildung erhalten.

Kritiker befürchten eine Zweiteilung der Gesellschaft in hoch qualifizierte Digitalisierungsgewinner und niedrig qualifizierte Digitalisierungsverlierer. Ist diese Angst real?

Hoffmann: Ja, das ist in der Tat ein großes Risiko. Der digitale Wandel wird uns nur gelingen, wenn wir mehr in betriebliche Weiterbildung investieren. Zum Glück machen immer mehr Unternehmen einen Sinneswandel durch und verstehen, dass Weiterbildung nicht nur ein Kostenfaktor ist, sondern eine Investition in die Zukunft.

Wer ist in erster Linie für die Weiterbildung verantwortlich? Der Staat, die Unternehmen oder der Arbeitnehmer selber?

Hoffmann: Vor allem sehe ich da die Arbeitgeber in der Pflicht. Sie müssen ein Interesse an gut qualifizierten Mitarbeitern haben. Lebensbegleitendes Lernen darf kein Schlagwort bleiben, sondern muss Eingang finden in die betriebliche Realität.

Kann man denn wirklich jeden weiterqualifizieren? Aus einem 50-jährigen Handwerker oder Busfahrer kann man schließlich keinen IT-Experten machen.

Hoffmann: Das halte ich für eine Schimäre. Wir können auch Menschen zwischen 50 und 60 weiterqualifizieren. Wir müssen eine Kulturrevolution starten. Bildung muss wieder Spaß machen.

Wäre es nicht realistischer, ein bedingungsloses Grundeinkommen für die Digitalisierungsverlierer einzuführen?

Hoffmann: Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist Unfug. Das ist schlicht und einfach eine Abstellprämie, die ich ablehne.

Welche Eigenschaften wird künftig jeder Arbeitnehmer in der digitalen Welt brauchen?

Hoffmann: Repetitive und monotone Tätigkeiten werden von Robotern und Algorithmen übernommen. Deswegen brauchen Arbeitnehmer künftig eine höhere Problemlösungskompetenz. Das hat auch seinen Reiz, denn die Arbeitswelt kann so interessanter und abwechslungsreicher werden.

Aber die Digitalisierung hat auch ihre Schattenseiten, zum Beispiel den Zwang zur ständigen Erreichbarkeit in vielen Unternehmen.

Hoffmann: Wie viele Studien belegen, führt die Entgrenzung von Arbeitszeit zu psychischen Erkrankungen. Da brauchen wir dringend Regelungen für Ruhezeiten und ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit.

Haben Arbeitnehmer nicht auch eine Selbstverantwortung im Umgang mit dem Diensthandy? Oft ist die Erreichbarkeit mehr Selbstausbeutung als Ausbeutung durch das Unternehmen.

Hoffmann: Es gibt tatsächlich dieses Phänomen der Selbstausbeutung. Aber die Unternehmen haben eine Verantwortung, die Arbeitnehmer vor einer Selbstausbeutung zu schützen.

 

Sollte es ein Recht auf Homeoffice geben, so wie es die SPD in einem Strategiepapier gefordert hat?

Hoffmann: Nicht in allen Berufen, zum Beispiel im Pflegebereich oder in der Industrieproduktion, ist das Arbeiten von zu Hause aus möglich. Aber dort, wo es möglich ist, sollte es ein Recht auf Homeoffice geben.

Werden solche weichen Themen wie Homeoffice, Sabbaticals oder flexible Arbeitszeiten in Zukunft gegenüber dem Gehalt an Gewicht gewinnen?

Hoffmann: Ja, dieser Trend verstärkt sich seit Jahren. Vor allem die Generation Y, die gerade den Arbeitsmarkt betreten hat, legt im Berufsleben mehr Wert auf immaterielle als auf materielle Werte. Aber auch viele Ältere wünschen sich eine ausgewogene Balance zwischen Privat- und Berufsleben. Vor die Wahl zwischen mehr Freizeit oder mehr Geld gestellt, entscheiden sich immer mehr Beschäftigte für mehr Freizeit.

Was bedeutet Ihnen der Tag der Arbeit nächste Woche heutzutage noch?

Hoffmann: Der Tag der Arbeit hat in keiner Weise an Bedeutung verloren. Auch heute ist es wichtig, für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen zu kämpfen. Diese Herausforderung ist so aktuell wie vor 150 Jahren.

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Wie werden wir 2040 arbeiten?

Hoffmann: Ich glaube, dass wir aufgrund von technologischen Innovationen die Chance haben, Arbeit künftig humaner, gesünder und mit mehr Selbstbestimmungsmöglichkeiten zu gestalten.

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