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Wirtschaft
10.04.2015

Mindestlohn für Zusteller: Sie bringen die Zeitung zu den Lesern

Tanja Wank aus Ettelried fährt als Zustellerin die Urlaubsvertretung im westlichen Landkreis Augsburg. Sie mag ihren Beruf und schätzt vor allem die Flexibilität.
Foto: Marcus Merk

Für viele Zusteller ist die Einführung des Mindestlohns ein Gewinn. Ihre Arbeit wird nun noch gerechter entlohnt. Für Verlage bringt das Gesetz aber auch Probleme mit sich.

Sofie Pollmann ist jeden Tag ab drei Uhr morgens unterwegs. Wenn sich andere im Bett noch einmal umdrehen, hat ihr Arbeitstag längst begonnen. Die einzige Ausnahme: der Sonntag. Da darf auch die 58-Jährige ausschlafen.

2.500 Zusteller bringen die Augsburger Allgemeine und ihre Heimatzeitungen

Seit fast 19 Jahren trägt Sofie Pollmann die Zeitung aus.

Seit fast 19 Jahren trägt Sofie Pollmann in Hollenbach (Kreis Aichach-Friedberg) die Zeitung aus. Bezahlt wurde sie bislang nach der Zahl der zugestellten Zeitungen und Briefe. Mit der Einführung des Mindestlohns im Januar hat sich die Situation geändert: „Wir bekommen jetzt 8,70 Euro pro Stunde sowie Nachtzuschläge.“ Der große Vorteil sei, dass seitdem die „Ist-Zeit“ gilt: „Wenn wir wegen des Wetters länger brauchen als vorgesehen, dann kriegen wir mehr gezahlt. Das finde ich toll.“

Für die Mediengruppe Pressedruck, in der die Augsburger Allgemeine und ihre Heimatzeitungen erscheinen, bringt die Einführung des Mindestlohns Änderungen mit sich – vor allem finanzielle. Rund 2500 Zusteller beschäftigt das Unternehmen, sie bekommen seit Januar einschließlich Nachtzuschlag mindestens 9,35 Euro pro Stunde.

Einige bürokratische Hürden müssen noch überwunden werden

„Die gesetzliche Sonderregelung für die Vergütung der Zeitungszustellung wird von uns nicht in Anspruch genommen, da dies einerseits einer Geringschätzung der wertvollen Zustellleistung gleichkäme und andererseits auch nur im Fall einer ausschließlichen Zustellung von Zeitungen oder Zeitschriften zulässig wäre. Unsere Zusteller tragen aber überwiegend auch Briefe und Prospekte aus“, sagt Kay Helmecke.

Der Geschäftsführer der PDV Logistik Holding GmbH, die für die Zustellung verantwortlich ist, fügt an: „Wir rechnen dadurch mit erheblichen Mehrkosten.“ Wie hoch sie sein werden, lasse sich noch nicht sagen: „Das hängt von verschiedenen Faktoren wie Witterung, Umfängen und Gewicht ab.“

Ein weiteres Problem sind laut Helmecke die bürokratischen Hürden. Verträge mussten neu geschrieben, Vertriebs- und Personalsysteme umgestellt werden. Das kostete nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Die Einsatzzeiten der Zusteller müssen seit Januar exakt dokumentiert werden. „Allein in unserem Haus bringt dies eine Verarbeitung von über 100.000 Datensätzen im Monat mit sich. Das Mindestlohngesetz ist zu einem bürokratischen Monster geworden, hier bedarf es dringend einer Nachbesserung durch den Gesetzgeber.“

Auch Tanja Wank aus Dinkelscherben hat seit Januar mehr Aufwand. Die 38-Jährige ist „Springerin“, sie fährt als Zustellerin Urlaubs- und Krankheitsvertretungen im westlichen Landkreis Augsburg. Bislang erhielt sie ein fixes Gehalt. Dies sei durch die Mindestlohn-Regelung zwar deutlich angestiegen. „Jetzt muss ich aber die Stunden genau aufschreiben. Das ist eine Frage der Umgewöhnung.“

Mindestlohn bringt Zustellern mehr "Lohngerechtigkeit"

Die Arbeitszeiten, die von den Zustellern beim Arbeitgeber angegeben werden, gleicht dieser mit der Zeit ab, die er für den Bezirk veranschlagt hat. Dies setzt ein hohes Maß an Vertrauen voraus: „Wenn wir die Zeitungen nachts an den Abholstellen ablegen, wissen wir nicht, wann der Austräger sie holt“, sagt Helmecke. Dann gebe es Austräger, die sehr schnell seien und andere, die für einen Bezirk länger brauchen.

Einige, vor allem ältere Mitarbeiter, habe die Einführung des Mindestlohns deshalb verunsichert: Konnten sie sich ihre Zeit bislang frei einteilen, sich für eine Route so viel Zeit nehmen, wie sie brauchten, arbeite man nun zeitorientierter: „Wir müssten eigentlich mit der Stoppuhr hinter den Zustellern stehen und prüfen, ob alles im Zeitrahmen läuft.“

Die Augsburger Allgemeine verfahre nicht nach diesem System: Bezahlt wird die Zeit, die der Zusteller benötigt. Man mache sich außerdem Gedanken, ob man in einigen Fällen die Arbeit zum Beispiel durch E-Bikes unterstützen könnte.

Das Verbreitungsgebiet der Augsburger Allgemeinen und ihrer Heimatzeitungen ist vielseitig. Es umfasst große Städte wie Neu-Ulm und Augsburg, aber auch sehr ländliche Gebiete, in denen die Abonnenten weit auseinander wohnen. Wie viele Zeitungen ein Zusteller austrägt, hängt auch davon ab: Wer in Augsburg Zeitungen verteilt, schafft dies in der Regel schneller, da die Wohnungen bzw. Briefkästen näher beieinander liegen, als ein Austräger im Augsburger oder Wittelsbacher Land. Der Mindestlohn hat dazu geführt, dass die „Lohngerechtigkeit“ größer sei als zu Zeiten, in denen nach der Zahl der ausgetragenen Zeitungen bezahlt wurde.

Zusteller genießen beim Austragen Ruhe des frühen Morgens

Viele Zeitungszusteller schätzen an ihrer Arbeit die Flexibilität. Sofie Pollmann zum Beispiel suchte sich diesen Job aus familiären Gründen: Sie hat zwei Kinder, wollte, als diese klein waren, nicht den ganzen Tag außer Haus sein. „Man kann sich den Tag außerdem einteilen“, sagt sie. Ähnlich geht es Tanja Wank: „Ich kann den ganzen Tag für meine Kinder da sein.“ Und: So früh zu arbeiten bedeute auch, dass es ruhig und friedlich sei: „Keiner pfuscht mir ins Handwerk.“

Für Günter-Karl Bernreiter ist der Zusteller-Job ein schönes Hobby.

Auch Günter-Karl Bernreiter aus Mering (Kreis Aichach-Friedberg) liebt seinen Job, der gleichzeitig Hobby ist: „Ich bin auch im Beruf früh aufgestanden, das macht mir nichts aus“, sagt der 72-Jährige. Vor allem schätzt er die Ruhe, wenn er frühmorgens zur Arbeit fährt: „Man kann abschalten und die Luft ist morgens am frischesten.“ Das Austragen halte ihn zudem fit – körperlich und geistig.

Wer sich vorstellen kann, die Augsburger Allgemeine oder ihre Heimatzeitungen auszutragen, kann sich unter 0821/777-2329 über Möglichkeiten und Konditionen informieren.

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