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Bayern

29.01.2019

Wirtschaft fordert: Atomkraftwerke müssen notfalls länger laufen

Die Kühltürme des Kernkraftwerks Gundremmingen im Kreis Günzburg. Im Jahr 2021 soll hier Schluss sein. Ein Jahr später geht auch der letzte deutsche Reaktor vom Netz. 
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Der Wirtschaftsverband vbw fürchtet um die Versorgungssicherheit. Zur Not müssten die Kernkraftwerke eben über 2022 hinaus am Netz bleiben.

Seit knapp acht Jahren ist der Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland beschlossene Sache. In Bayern soll Ende 2022 das letzte Atomkraftwerk (Isar II bei Landshut) vom Netz gehen. Weil aber nicht zu erkennen sei, wie die damit entstehende Lücke in der Stromversorgung im Freistaat geschlossen werden kann, zieht die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) dieses Datum jetzt in Zweifel. "Wenn alle Stricke reißen, darf auch die Verlängerung der Laufzeiten der bayerischen Atomkraftwerke kein Tabuthema sein", sagte vbw-Präsident Alfred Gaffal am Dienstag in München. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger wies derlei Gedankenspiele umgehend zurück. Unserer Redaktion sagte der Freie-Wähler-Chef: "Das wäre ein großer strategischer Fehler, weil man damit die Gesellschaft spalten würde."

Gaffal fällt vernichtendes Urteil über deutsche Energiepolitik

Das Urteil, das Gaffal über die deutsche Energiepolitik fällt, ist vernichtend. Auch acht Jahre nach dem Atomausstieg gebe es noch kein schlüssiges Gesamtkonzept, sondern nur Flickwerk. "Der Stillstand in der Energiepolitik hält an", sagte Gaffal unter Verweis auf eine neue Studie der Prognos AG im Auftrag der vbw. Demnach liegt der maximale Strombedarf in Bayern bei 12,7 Gigawatt. Sobald die beiden letzten Kernkraftwerke vom Netz genommen werden – Gundremmingen C im Jahr 2021 und Isar II im Jahr 2022 –, würden aber nur noch acht Gigawatt gesicherte Leistung in Bayern erzeugt werden können. Der Strombedarf würde in der Spitze die Stromproduktion somit um etwa ein Drittel übersteigen. Die unerwünschte Folge wäre, dass Bayern Atomstrom aus Tschechien oder Frankreich beziehungsweise Kohlestrom aus Polen importieren müsste.

Der Hintergrund des Dilemmas ist schon einige Zeit bekannt: Der ursprüngliche Plan der Staatsregierung – damals noch unter Ministerpräsident Horst Seehofer – war, die Versorgungssicherheit in Bayern durch zusätzliche Gaskraftwerke zu garantieren. Dies ließ sich aus Kostengründen nicht durchsetzen. Und der Plan, sauberen Windstrom aus dem Norden Deutschlands über neue, große Stromtrassen in den Süden zu transportieren, verzögert sich. Die Übertragungsleitungen, so Gaffal, werden nicht vor dem Jahr 2025 fertiggestellt.

"Wir hinken generell beim Leitungsausbau völlig hinterher", sagte der vbw-Präsident. Wenn der Ausstieg aus der Kernkraft und dann auch noch aus der Kohle funktionieren soll, dann müssten 6000 Kilometer neue Stromleitungen gebaut werden. "Momentan bauen wir 100 Kilometer Leitungen pro Jahr." In dieser Situation ist es nach Ansicht Gaffals eine Option, den Ausstieg aus der Atomkraft einige Zeit zu verschieben. Andernfalls riskiere man den Verlust von Arbeitsplätzen. Schon jetzt seien die Strompreise in Deutschland deutlich höher als in anderen Industrieländern. Gaffal betonte: "Jeder weiß, dass ich für den Ausstieg aus der Atomkraft bin, aber wir können doch unser Land nicht an die Wand fahren."

Für 2019 wird ein Zuwachs von 2000 Megawatt erwartet

Nach der Prognos-Studie verfehlt die Energiepolitik derzeit alle drei Kernziele. Grundlage von Wachstum und Beschäftigung sei eine "sichere, bezahlbare und umweltverträgliche Energieversorgung. Nur wenn alle drei Seiten dieses Zieldreiecks gleichermaßen berücksichtigt werden, können Deutschland und Bayern international wettbewerbsfähige Investitions- und Industriestandorte bleiben."

Gleichzeitig stockt der Ausbau erneuerbarer Energien. Die deutsche Windenergie-Branche stellt sich auf schwierige Jahre für den Bau neuer Anlagen an Land ein. Für 2019 werde lediglich ein Zuwachs um 2000 Megawatt erwartet, teilten die Verbände VDMA Power Systems und Windenergie in Berlin mit. Das entspricht in etwa der Leistung von zwei Kohlekraftwerken. Mit einer Erholung rechnen die Branchenvertreter erst ab 2021.

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