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Fitness

12.08.2020

Zuhause sporteln: Fitnessstudios bekommen virtuelle Konkurrenz

Wände, um soziale Distanz zu halten: Nicht nur in diesem amerikanischen Fitnessstudio ist Vorsicht geboten, auch in vielen in der Region.
Bild: Ringo Chiu, dpa

Die Apps heißen Cyberobics, Gymondo, Freeletics. Fitnesstraining zu Hause wird immer beliebter. Wie groß ist die Konkurrenz für die Muckibude von nebenan?

Das Lied „Blindings Lights“ von The Weeknd, bisheriger Hit des Jahres, dröhnt aus Boxen. Wir befinden uns in Augsburgs und damit wohl auch Schwabens größtem Fitnessstudio mit 5000 Quadratmeter Fläche. Trotz 32 Grad draußen ist es drinnen luftig. 15 Menschen stählen an diesem Nachmittag ihre Muskeln. Beim Kurs Power-Zirkel in ein paar Stunden in Raum eins wird es ähnlich schweißtreibend zugehen.

Ob Pilates, Zumba oder Fit in den Morgen: Wer fit werden will, hat viele Möglichkeiten.11,7 Millionen Menschen in Deutschland sind laut dem Online-Portal Statista in einem Fitnessstudio angemeldet. Klar, einige sind Kartei-Leichen, aber auch sie tragen dazu bei, dass die Fitnessbranche nach eigenen Angaben kontinuierlich wächst. 2017 erwirtschafteten rund 75 Prozent der Fitnessstudios bis zu einer Million Euro Umsatz. Elf Studios gibt es in Bayern je 100.000 Einwohnern, was dem deutschen Durchschnitt entspricht.

Beim Online-Training fehlt der Blick zum sportlichen Nachbarn

Doch Online-Angebote machen den herkömmlichen Muckibuden zunehmend Konkurrenz. Dann fehlt zwar der Blick zum Nachbarn, wie er den Bizeps trimmt.Manche aber bevorzugen es, sich zu Hause auf der Isomatte vor dem Bildschirm auszupowern. Hinzu kommt die Pandemie: Während der machen die meisten so viel wie möglich zu Hause: arbeiten, Freunde per Video treffen, Sport im Livestream. Homesport sozusagen. Gewöhnen sich die Leute um?

An Cyberobics zum Beispiel. Der Name entstand in Anlehnung an Aerobic. In der App können Sportler für 4,99 Euro aus 90 Kursen pro Woche wählen. Ohne das Haus zu verlassen, purzeln die Kilos angeblich nur so. Die App wirbt, das war ja klar, mit einem Waschbrettbauch. Auch auf dem Internetportal Youtube gibt es zahlreiche, kostenlose Videos: Ein Trainer auf einer Isomatte gibt Anweisungen, im Hintergrund läuft peppige Musik. „Und jetzt noch 20 Sekunden durchhalten.“

Fitness in Corona-Zeiten: Im Studio herrscht Maskenpflicht

Eher der analoge Typ ist Thomas Karl, 54 Jahre alt. Seit 18 Jahren betreibt er das Studio Bodyfeeling-Fitness im Augsburger Stadtteil Lechhausen. Online hin oder her: Die Leute kommen trotzdem zu ihm. In seinem Studio stehen zahlreiche Ergometer sowie Brust-, Rücken-, und Bein-Geräte. Es gibt eine Sauna – wegen Corona gerade ohne Aufgüsse und Wedeln. Auf dem Gang des Studios herrscht Maskenpflicht, Desinfektionsmittel stehen herum. Es gibt viel Platz, um sich aus dem Weg zu gehen.

 

Die persönlichen Begegnungen seien es, sagt Karl, die die Leute ins Studio kommen lassen. Trainer weisen auf die richtige Haltung bei der Bauch-Beine-Po-Übung hin. Als Karls Fitnessstudio, das 15 Mitarbeiter hat, wegen der Pandemie zwischen Mitte März und Juni geschlossen hatte, bot der Inhaber Online-Kurse an. Also doch ein bisschen Internet. „Am Anfang war die Euphorie groß, danach hat es abgenommen“, sagt Thomas Karl. Vermutlich auch wegen des schönen Wetters in den Lockdown-Monaten März und April.

150.000 Euro Einbußen in der Corona-Krise für das Fitness-Studio

Die Online-Kurse des Bodyfeeling-Studios gibt es vorerst nicht weiter. Was vom Lockdown bleibt, seien 150.000 Euro Einbußen, sagt Karl. Viele Mitglieder zahlen ihren Beitrag zwar weiter, wollen ihn nun aber für drei Monate aussetzen. Das ist das Angebot, das der Inhaber den Sportlern macht. Oder einen Freund mitbringen.

Der günstigste Tarif des Augsburger Fitnessstudios liegt bei 29 Euro je Monat. Bis zu 500 Besucher kommen an guten Tagen in Karls Studio. Gute Tage, das sind Schlechtwettertage im Winter. Jetzt im Sommer kommen nur 250 bis 280 Besucher. „Vor allem ältere Leute bleiben zu Hause“, sagt der Betreiber. „Sie machen eine Pause.“

Boot-Camp und Entspannungskurs: Das sind die Angebote der Fitness-Apps

Ob die nun daheim vor dem Handy-, Laptop- oder Fernsehbildschirm die Dehnübung Schmetterling machen? Cyberobics, gegründet 2016, ist eine der vielen Apps, die Kurse online anbieten. Andere heißen Gymondo, Seven, Freeletics, haben Millionen Nutzer weltweit. Cyberobics bietet Kurse an wie: Boot-Camp, also Trainingslager, Six-Pack-Attacke, Ballet- und Entspannungskurse. Die Trainer heißen Ben, Andrea, Milena. Die App stammt aus Berlin, 250.000 Menschen trainieren mit ihr laut Unternehmensangaben jeden Tag. Chef Oliver Schulokat sagt: „Wir glauben fest daran, dass die Zukunft von Fitness digital ist.“

 

Inwiefern Plattformen dem analogen Training in Studios Konkurrenz machen, weiß Ralph Scholz, 55 Jahre alt. Er ist Vorsitzender des Deutschen Industrieverbands für Fitness und Gesundheit. „Fitnessstudios sind kaum zu ersetzen“, sagt Scholz. „Aber sie müssen ihren Kunden online etwas bieten.“ Da denkt er besonders an inhabergeführte Studios – wie das von Thomas Karl. Ketten wie McFit arbeiten bereits mit Apps wie Cyberobics zusammen. Hinzu kommen Anbieter wie Urban-Sports-Club, die Kunden mit einem Abo Zugang zu mehreren Fitnessstudios einer Stadt, Online-Kursen, Schwimmbädern oder Kletterparks bieten. „Durch die Pandemie sind Online-Angebote beliebter geworden“, sagt Experte Ralph Scholz.

Sein Verband befragte im Mai, als Muckibuden noch geschlossen waren, rund 1000 Fitnessstudio-Mitglieder. 80 Prozent gaben an, nach dem Lockdown genauso oft wie vorher trainieren zu wollen.

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