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Zusmarshausen
20.08.2021

Die größte Strom-Tankstelle Europas steht an der A8

Kernstück des Sortimo Innovationsparkes ist eine riesige Stromtankstelle. Die Geschäftsführer Klaus Emler (von links) und Reinhold Braun sind gespannt auf die Zukunft.
Foto: Marcus Merk

In Zusmarshausen können Elektroautos an 72 Ladepunkten aufgeladen werden. Die Tesla-Gemeinschaft ist schon da. Die Tankstelle könnte noch kräftig wachsen.

Volkswagen-Chef Herbert Diess hat es wieder getan. Er ist mit dem Elektroauto aus dem eigenen Haus Richtung Süden gestartet. In Italien entrüstete sich der Manager via sozialen Netzwerken über den Zustand der dortigen Ladeinfrastruktur: „Kein WC, kein Kaffee, eine Säule außer Betrieb/defekt, traurige Angelegenheit.“ Vielleicht sollte Diess auf dem Weg zum Konzernsitz in Wolfsburg auf der Autobahn A8 zwischen Augsburg und Günzburg mal die Ausfahrt Zusmarshausen nehmen. Wenn er „Sortimo Innovationspark“ in das Navi eingibt, erlebt er eine andere Elektroauto-Ladewelt.

Nach dem Kreisverkehr geht der Blick auf ein futuristisch wirkendes Gebäude, unter dessen Dach sechs riesige Ladepilze mit je vier Stromrüsseln angebracht sind. Ein wenig wirkt es, als sei in Schwaben auf dem Land ein gewaltiges Ufo gelandet. Dabei sind im Umkreis des Gebäudes keine grünen Männchen zu sehen. Doch der nach Darstellung der Verantwortlichen „größte Ladepark Europas“, ja einer der führenden weltweit, wird mit grünem Strom aus regenerativen Quellen gespeist. Hier bekommen Fahrerinnen und Fahrer, während ihr Elektroauto aufgeladen wird, einen Kaffee und finden ein WC vor. Die „Strom-Zapfsäulen“ sind nicht wie häufig an den Rand von Tankstellen gedrängt, als wären sie etwas Exotisches. Sie stehen im Mittelpunkt. Es gibt viel Platz und Grün um die 72 Ladepunkte auf dem 35.000 Quadratmeter großen Areal.

Tesla-Autos fahren auf das Gelände in Zusmarshausen

Noch fahren vor allem Tesla-Autos auf das Gelände. Für sie sind zwölf Schnellladestationen reserviert. Je nachdem, wie sich die Nachfrage entwickelt, bleibt es nicht bei den 72 Ladepunkten, es sind weitere 84 geplant. Bekommen derzeit täglich etwa 100 Autos frischen Strom, könnten es einmal bis zur 4000 sein. Im Hauptgebäude mit der mehrfach gebogenen Fassade, die je nach Wetter „ein unterschiedliches Gesicht haben soll“, ist der Tankstellenshop untergebracht, der „EnergyBoxx“ heißt. Dort können Kundinnen und Kunden sich auch Rat holen, wenn sie wissen wollen, wie sich die Stromrechnung bezahlen lässt. In der neuen Elektrosprache heißt das Fachpersonal „Ladewartinnen“ und „Ladewarte“. Wer nicht via App und Smartphone bezahlen möchte, kann im Laden auch die Karte zücken.

Dabei hängt es von den Besucherinnen und Besuchern ab, wie viel Geld sie für die Kilowattstunde ausgeben. Der Preis bemisst sich nicht nur nach der Menge, sondern auch der Ladegeschwindigkeit. Wer sein Auto zügig auflädt, für den lässt sich der Aufenthalt im Idealfall auf eine Viertelstunde begrenzen. Wer günstiger wegkommen will und mehr Zeit mitbringt, also bis zu einer Stunde oder länger, kann das Ihle-Baker`s-Restaurant im Gebäude besuchen und von der Terrasse den Blick in die Natur genießen, während die Kinder den Spielplatz, der noch fertiggestellt wird, testen. Natürlich gibt es W-LAN. Die Ladezeit lässt sich auch zum Arbeiten nutzen.

Die Idee der Sortimo-Chefs löste zunächst Verwunderung aus

Auf den ersten Blick wirkt es erstaunlich, dass hinter dem Projekt die ortsansässige Firma Sortimo International steckt, einer der weltweit führenden Anbieter, wenn es um die Inneneinrichtung von Fahrzeugen für das Handwerk, den Handel und die Industrie geht. Das Unternehmen beschäftigt rund 1350 Frauen und Männer, davon etwa 1000 in Zusmarshausen. Im Jahr 2016, als Elektromobilität noch skeptisch beäugt wurde, fragten sich die beiden Geschäftsführer und Gesellschafter des Unternehmens, Klaus Emler und Reinhold Braun: „Wie können wir den Standort erweitern?“ Eine Frage, die sich einst Unternehmensgründer Herbert Dischinger gestellt und das Werk kräftig ausgebaut hatte. Sein 1973 präsentierter blauer Metallkoffer, in dem Handwerker ihre Utensilien verstauen können, entwickelte sich zum Industriestandard.

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Dischinger hatte keine eigenen Kinder und förderte Emler und Braun. Wie ihr Lehrmeister wegen des Metallkoffers zunächst verspottet wurde, löste auch die Elektro-Idee seiner Nachfolger erst einmal Verwunderung aus. Doch die Sortimo-Geschäftsführer „wollten groß denken und den Wirtschaftsstandort Schwaben stärken“. Braun ist 55 Jahre alt, Emler 57. Sie lächeln und sagen: „Man kann auch mit Mitte 50 noch ein Start-up-Unternehmen aufziehen.“ Der etwas ältere von beiden hatte die Idee für die gewaltige Stromtankstelle und erzählte seinem Kollegen davon bei einer ihrer Espresso-Kreativrunden. Die Rechnung scheint aufzugehen. Angestoßen von Kaufprämien und dem immer augenscheinlicheren Folgen des Klimawandels werden zunehmend Elektroautos nachgefragt.

Als ob ein Ufo in Zusmarshausen gelandet wäre: Die neue Stromtankstelle von Sortimo sieht futuristisch aus.
Foto: Marcus Merk

Die Sortimo-Chefs wollen allerdings viel mehr als eine große Elektro-Tankstelle anbieten. Sie haben nicht nur einen Tunnel zwischen Stammwerk und dem Lade-Wunderland bauen lassen, sondern wollen auch beide Bereiche, was das Energiemanagement betrifft, zusammenführen. So werden die Solaranlagen auf den Sortimo-Dächern ausgebaut, und die daraus gewonnene Energie fließt zum Teil der Tankstelle zu. Und in einem Projekt mit Fraunhofer-Forschern soll herausgefunden werden, wie sich Strombedarf und Energieerzeugung besser abstimmen lassen.

Mehr als eine reine Elektro-Tankstelle

Der Sortimo Innovationspark entwickelt sich nach den Vorstellungen seiner Gründer zu einem Campus, auf dem Ideen ausgetauscht werden. Wer durch den Laden, also die EnergyBoxx geht, trifft auf Räume, die für die IHK Akademie Schwaben reserviert sind. Dort finden Schulungen zu Themen wie „Energieeffizienz“, „Digitalisierung“ oder „Ressourcenmanagement“ statt. Im ersten Stock des Elektro-Ufos sitzt das Unternehmen BS Systems, eine Gemeinschaftsfirma von Sortimo und Bosch.

Emler und Braun geben ihrem neuen Kind Zeit: „Wir sind gespannt, wie sich das alles entwickelt.“ Sie wollen durch den Ladepark in Zeiten zunehmenden Facharbeitermangels „Nachwuchskräfte zu uns aufs Land holen“. Dabei sind die beiden trotz aller derzeitigen Rohstoffprobleme wie dem Chipmangel zuversichtlich, „weiter zu wachsen und im nächsten Jahr die Schwelle von 200 Millionen Euro Umsatz zu überschreiten“. Mal sehen, was die nächste Start-up-Idee der Sortimo-Geschäftsführer ist.

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