Herr Thomé, Hubschrauber sind weltweit gefragt, ob zivil oder militärisch. Wie stark dreht sich das Geschäft für Airbus Helicopters?
STEFAN THOMÉ: Es geht weiter aufwärts mit Airbus Helicopters. Wir bleiben auf Rekordkurs. Nur einige Zahlen: Unser Unternehmen konnte den Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr um 13 Prozent auf 8,97 Milliarden Euro steigern. Und der Gewinn vor Steuern und Zinsen, also das Ebit, stieg sogar um 17 Prozent auf 953 Millionen Euro.
Wie viele Hubschrauber hat das deutsch-französische, zum Luftfahrt-Riesen Airbus gehörende, Unternehmen im vergangenen Jahr verkauft?
THOMÉ: Das waren 536 Helikopter gegenüber 450 im Jahr 2024. In unserem Auftragsbuch stehen Bestellungen für gut 1000 Hubschrauber, was einem Wert von mehr als 29 Milliarden Euro entspricht.
Wie wirkt sich das auf den großen nordschwäbischen Standort in Donauwörth aus?
THOMÉ: Wir investieren dort weiter und bauen den Standort aus. Das wäre nicht ohne unsere Belegschaft möglich. Die Menschen leisten Großartiges. Unsere Mitarbeitenden sind flexibel und sehr motiviert. Ich bin dankbar dafür. Und ich bin stolz auf unsere Beschäftigten.
Bauen Sie die Beschäftigung weiter aus? Zuletzt waren in Donauwörth rund 8000 Frauen und Männer aus mehr als 50 Nationen tätig, was einen massiven Aufbau darstellt.
THOMÉ: Allein in den vergangenen vier Jahren sind rund 1300 zusätzliche Arbeitsplätze an dem Standort entstanden. Wir stellen weiter ein. Wir sind im vergangenen Jahr bei der Beschäftigung im guten dreistelligen Bereich gewachsen und werden auch in diesem Jahr die Zahl der Mitarbeitenden im mittleren dreistelligen Bereich steigern.
Damit würden Sie Ende dieses Jahres noch nicht die Schallmauer von 9000 Beschäftigten in Donauwörth durchbrechen.
THOMÉ: Davon werden wir Ende 2026 noch ein Stück entfernt sein. Zur Erklärung: Wir achten auf ein gesundes Verhältnis zwischen Aufwuchs und dem erforderlichen Aufwand zur Einarbeitung neuer Mitarbeiter.
Können Sie das genauer erklären?
THOMÉ: Für eine erfolgreiche Einarbeitung neuer Mitarbeiter binden wir je nach Komplexität des geplanten Tätigkeitsfeldes Kapazitäten erfahrener Kollegen für rund ein halbes Jahr. Erforderliche Vertiefungen und Zertifizierungen, insbesondere im militärischen Bereich, erfordern deutlich mehr Aufwand.
Dabei verspricht ein in Donauwörth neu entwickelter ziviler Hubschrauber weiteres Wachstum und auch weiteren Stellen-Aufbau.
THOMÉ: Ja, unser neuer Hubschrauber H140, der in Donauwörth gebaut wird, ist noch besser als unser Erfolgsmodell H135 für Rettungsmissionen ausgelegt. Wir haben unsere Kunden gefragt, was sie sich für einen Rettungshubschrauber zusätzlich an Leistungen wünschen. Die Anregungen haben wir ernst genommen und den neuen Helikopter genau nach den Wünschen unserer Kunden entwickelt.
Sie haben den Hubschrauber also auf die Bedürfnisse der Kunden ausgelegt.
THOMÉ: Exakt: Die Kabine ist größer und durchgängig, bietet also mehr Platz für die Rettungskräfte. Auch die Beleuchtung haben wir verbessert und eine Ecke im Innenraum der Kabine entfernt. Die Resonanz auf den neuen Hubschrauber ist fantastisch. Kunden zeigen sich verblüfft und sagen uns: Ihr habt das gemacht, was wir wollen. Der Aha-Effekt ist groß. Die Kunden erkennen in dem neuen Helikopter die Vorzüge der H135 wieder, zugleich sehen sie, dass wir all ihre Anregungen aufgegriffen haben. Bei der ersten Vorstellung löste das neue Modell Begeisterung aus. So ist der Erfolg zu erklären.
Haben Sie mit dem großen Erfolg gerechnet?
THOMÉ: Wir haben darauf gehofft und auf den Erfolg hingearbeitet. Wir konnten aber nicht fest mit dem Erfolg rechnen. Die Freude in Donauwörth ist groß. Und wir freuen uns, dass die Flugversuche gut laufen. Die Entwicklung des neuen Hubschraubers ist weitgehend abgeschlossen. Jetzt wird er zugelassen, und zeitgleich starten wir schon mit der Produktion.
Wie viele Bestellungen gibt es schon für den neuen Hubschrauber?
THOMÉ: Obwohl der erste Hubschrauber vom Typ H140 erst in rund zwei Jahren ausgeliefert wird, liegen uns schon über 60 Festbestellungen vor. Es kommen permanent neue Aufträge hinzu. Uns kommt zugute, dass der gerade bei Rettungsdiensten und bei Polizeibehörden rund um die Welt beliebte Hubschrauber H135 eine Größe in der Branche ist. Das Modell H135 trägt dazu bei, dass Airbus Helicopters Weltmarktführer ist, was zivile und militärische Hubschrauber betrifft. Unser Anteil am Weltmarkt liegt bei 52 Prozent.
Wird der neue zivile Hubschrauber H140 ein neuer Bestseller aus Donauwörth? Verkauft sich das Modell sogar besser als der bisherige zivile Bestseller, die größere Maschine H145?
THOMÉ: Das ist schwer zu sagen, zumal wir sehr viele H145-Hubschrauber verkaufen, auch von der militärischen Version des Hubschraubers. In gewisser Weise ist die neue H140 – und das zwei Jahre vor der Erstauslieferung – angesichts der vielen Bestellungen schon ein Bestseller. Wir haben noch nie so früh so viele Bestellungen für einen neuen Hubschrauber ergattert. Und ehe Sie fragen…
… was denken Sie, was ich frage?
THOMÉ: Sie fragen sicher, ob wir eine militärische Version des neuen Hubschraubers H140 bauen.
Tun Sie das?
THOMÉ: Wir bauen keine militärische Version der H140, zumal die größere H145, die in ihrer militärischen Version H145M heißt, sehr gefragt ist. So kauft Deutschland 20 weitere dieser leichten Kampfhubschrauber, wobei schon 62 für die Bundeswehr bestellt wurden. Und Spanien hat 50 H145M-Hubschrauber geordert.
Die Nachfrage nach dem Hubschrauber ist enorm.
THOMÉ: Die Erfolgsgeschichte der H145M setzt sich fort. Wir rechnen mit weiteren Aufträgen für diesen militärischen Hubschrauber, zumal er sehr vielseitig ist. Mit dem Helikopter lassen sich Spezialkräfte transportieren, er kann bewaffnet werden, dient als Aufklärungs-Hubschrauber und mit ihm lassen sich Menschen suchen wie bergen. Der Helikopter kann schnell von einer auf eine andere Mission umgerüstet werden. Der bemannte Militär-Hubschrauber kann auch im Team mit Drohnen betrieben werden.
Wann gibt es eine unbemannte Version des Militär-Hubschraubers H145M?
THOMÉ: Wir arbeiten an einer unbemannten Drohnen-Version der H145M – und zwar für das U.S. Marine Corps, also für die amerikanischen Streitkräfte. Die Amerikaner wollen den Hubschrauber für militärische Logistik-Aufgaben einsetzen. In diesem Hubschrauber, Logistik-Connector genannt, sitzt also kein Pilot mehr. Es gibt auch keine Sitze mehr.
Haben die Amerikaner die europäische Militär-Drohne schon bestellt?
THOMÉ: Noch nicht. Wir nehmen mit unserer Drohne an einem Wettbewerb in den USA teil. Uns werden Aufgaben gestellt, die wir erfüllen müssen. Derzeit stehen Flug-Tests an. Wenn wir den Auftrag bekommen sollten, wäre das ein großer Erfolg für unser Unternehmen.
Wie nennt man so einen Hubschrauber ohne Pilot?
THOMÉ: Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Derzeit sprechen wir von einem unbemannten Hubschrauber. Man könnte es auch als Drohne bezeichnen.
Soll der unbemannte Militär-Hubschrauber einmal in der Lage sein, Ziele zu bekämpfen?
THOMÉ: Noch ist es nicht so weit. Aber solche Einsatz-Missionen sind denkbar.
Fliegen in Zukunft Hubschrauber vor allem ohne Piloten als Drohnen?
THOMÉ: Wir entwickeln beide Formen von Fluggeräten, bemannte und unbemannte. Wir sind überzeugt, dass der Kombination aus bemannten und unbemannten Fluggeräten die Zukunft gehört. Es kommt auf die flexible Mischung aus beiden Formen im militärischen Bereich an. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.
Und wie fliegt dann diese militärische Hubschrauber-Drohne?
THOMÉ: Sie werden automatisiert, eben nicht ferngesteuert, fliegen. Man muss sich das wie ein Shuttle-System, beinahe wie eine S-Bahn, vorstellen. Der unbemannte Hubschrauber fliegt also auf einer festgelegten Strecke von A nach B.
Das sollte der City-Airbus, also das Donauwörther Flug-Taxi, auch können.
THOMÉ: Genau. Aber wir entwickeln das Projekt bekanntermaßen erst einmal nicht weiter, weil es noch nicht so leistungsstarke Batterien gibt, wie für den City-Airbus notwendig wären.
Entwickelt Airbus Helicopters in Donauwörth Drohnen?
THOMÉ: Es gibt nicht die Donauwörther Drohne. Aber Donauwörth entwickelt Drohnen mit. Entwicklungsteams sind hier damit beschäftigt, bestimmte Teile der Drohnen-Flugsteuerung, der Datenübertragung und ähnliche Dinge zu entwickeln, die dann in Airbus-Drohnen eingebaut werden. So sind wir in Donauwörth bei der Entwicklung der unbemannten H145M beteiligt. Wir sind aber kein Drohnen-Produktionsstandort.
Wie wichtig ist das Militärgeschäft für Airbus Helicopters?
THOMÉ: Die Produktion militärischer Hubschrauber spielt für Airbus Helicopters eine immer größere Rolle. Wir sind auch an der Entwicklung eines neuen mittleren militärischen Mehrzweckhubschraubers, der 2040 auf den Markt kommen soll, beteiligt. Wir haben hier, gemeinsam mit unseren Partnern, zwei Konzepte vorgestellt, wie dieser aussehen könnte.
Auf alle Fälle soll der Kampfhubschrauber Tiger in Deutschland ab 2032 schrittweise außer Dienst gestellt werden. Ist das der Tod des in Donauwörth für die Bundeswehr produzierten Tigers?
THOMÉ: Insgesamt ist der Tiger ein erfolgreicher Kampfhubschrauber und läuft in Ländern wie Frankreich und Spanien weiter. Nach dem Willen Deutschlands soll dann unser H145M als leichter Kampfhubschrauber in einer Art Brückenlösung den Tiger ersetzen.
Ist der Tiger also zumindest in Deutschland im Jahr 2032 oder später tot?
THOMÉ: Ich warne vor Fähigkeitslücken für die Bundeswehr. Das können wir uns nicht leisten. Wir sollten den Tiger erst dann außer Dienst stellen, wenn seine Fähigkeiten anderweitig sichergestellt werden. Klar ist: Der Tiger funktioniert gut und hat eine Abschreckungswirkung. Wir sollten also mit dem Tiger sorgsam umgehen. Es erstaunt mich jedenfalls, dass man ein Kampfmittel wie den Tiger 2032 in der derzeitigen Krisen-Situation abstellen will.
In Bayern sitzen viele Verteidigungsunternehmen. Und es kommen immer neue Rüstungs-Start-ups hinzu. Welches Potenzial steckt in diesem Netzwerk?
THOMÉ: Viele der Unternehmen kooperieren. Dabei arbeiten etablierte Firmen mit Start-ups zusammen. Daraus entsteht ein Verteidigungs-Valley in Süddeutschland. All diesen Unternehmen ist gemeinsam: Wir wollen unsere Werte und unsere Demokratie schützen. Die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und Europas wird aus Bayern heraus wesentlich unterstützt. Zu Luft, zu Land und im Weltraum wird also das Erbe von Franz Josef Strauß von Verteidigungsfirmen im Freistaat fortgesetzt. Die Firmen schaffen tausende zusätzliche Arbeitsplätze.
Deutschland braucht dringend zusätzliche Rüstungsgüter. Ist Airbus Helicopters in der Lage, schnell zu liefern, wie das die Bundesregierung fordert?
THOMÉ: Airbus Helicopters kann die Liefer-Verpflichtungen einhalten. Wir sind in der Lage, mehr zu liefern. Um aber schneller als nach den bisherigen Verträgen zu produzieren, müsste der bürokratische Aufwand in Deutschland für uns deutlich verringert werden. Nur ein Beispiel: Der Vertrag über den leichten Kampfhubschrauber H145M hat mehr als tausend Seiten. Um schneller mehr liefern zu können, müssen wir auch an den Lieferketten arbeiten. Unsere Zulieferer müssen in der Lage sein, uns mit zusätzlichen Bauteilen zu versorgen. Auch hier erhöhen wir das Tempo.
Zur Person
Stefan Thomé, 54, ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Airbus Helicopters in Deutschland, also Deutschland-Chef des europäischen Unternehmens mit einem großen Standort in Donauwörth. Dort werden zivile wie militärische Hubschrauber gebaut, aber auch Türen oder Tore für Airbus-Flugzeuge produziert. Der Manager verantwortet zudem im Vorstand des europäischen Hubschrauberherstellers den Bereich Programme. Thomé ist Luftfahrt-Ingenieur und hat in Stuttgart studiert.
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