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Konjunktur
28.07.2023

Deutschland wieder "kranker Mann" Europas?

Eine Baustelle in Hannover. Die deutsche Wirtschaft tritt auf der Stelle.
Foto: Julian Stratenschulte, dpa

Die Hoffnung auf einen Aufschwung 2023 war groß. Doch das Bild trübt sich ein, Deutschland könnte in eine leichte Rezession rutschen. Ökonomen sehen neben aktuellen Belastungen auch hausgemachte Probleme.

Konjunkturflaute statt eines erhofften Aufschwungs: Die deutsche Wirtschaft scheint in einem Tief zu stecken, nachdem sie im vergangenen Jahr trotz Energiekrise und hoher Inflation noch gewachsen war. Der Internationale Währungsfonds geht in seiner jüngsten Konjunkturprognose davon aus, dass die Volkswirtschaft, die einzige unter mehr als 20 untersuchten Staaten und Regionen ist, in der die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr leicht sinken wird. Der Begriff vom "Kranken Mann Europas" (Sick Man of Europe), mit dem die britische Zeitschrift "Economist" Deutschland um die Jahrtausendwende bezeichnete, macht die Runde.

Die erhoffte Konjunkturbelebung im Frühjahr fiel aus. Das Bruttoinlandsprodukt stagnierte im zweiten Quartal nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes gegenüber dem Vorquartal.

Industrie schwächelt

Die Industrie, die in Deutschland mit etwa 30 Prozent an der Bruttowertschöpfung ein vergleichsweise starkes Gewicht hat, leidet seit längerem unter einer schwachen Entwicklung der Weltkonjunktur. Kunden halten sich tendenziell mit Bestellungen zurück, auch wenn es im Mai dank Großaufträgen ein Plus gab. Vor allem die Nachfrage aus Übersee schwächelt, das bekommt die exportorientierte deutsche Wirtschaft zu spüren. Zwar dürfte die Produktion noch einige Monate durch die während der Corona-Pandemie liegengebliebenen Aufträge gestützt werden, analysierte Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen unlängst. "In der zweiten Jahreshälfte droht aber ein deutlicher Rückgang, der maßgeblich dazu beitragen dürfte, dass die deutsche Wirtschaft insgesamt in der zweiten Jahreshälfte schrumpfen wird."

Privatkonsum: Trotz Flaute Hoffnungsträger

Viele Menschen in Deutschland können sich wegen der anhaltend hohen Inflation weniger leisten und treten beim Konsum auf die Bremse. Im ersten Quartal gaben Verbraucherinnen und Verbraucher den Statistikern zufolge für Nahrungsmittel und Getränke als auch für Bekleidung und Schuhe sowie für Einrichtungsgegenstände weniger aus als noch zum Jahresende. Dennoch könnte der Privatkonsum im Jahresverlauf zum Hoffnungsträger werden: "Positive Impulse könnten vom Konsum kommen, der von steigenden Löhnen und nachlassendem Inflationsdruck profitiert", meint KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer geht davon aus, dass die Tariflöhne aber wohl erst im vierten Quartal wieder stärker zulegen als die Verbraucherpreise.

Ende des Baubooms

Zwar stiegen die Bauinvestitionen zu Jahresbeginn angesichts des milden Wetters. Doch der jahrelange Bauboom, der die deutsche Konjunktur stützte, ist vorerst zu Ende. Deutlich gestiegene Hypothekenzinsen und hohe Baukosten dämpfen die Nachfrage. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2023 sanken die Auftragseingänge im Bauhauptgewerbe im Vergleich zum Vorjahreszeitraum kalender- und preisbereinigt (real) um 14,7 Prozent. Die Zahl der Baugenehmigungen blieb um 27 Prozent hinter dem Wert aus dem Vorjahr zurück.

Gestiegene Zinsen

Die hohen Zinsen, mit denen Notenbanken die Inflation eindämmen wollen, verteuern Kredite für Firmen und Verbraucher. Das schlägt unter anderem auf den Immobilienmarkt durch und bremst die Konjunktur. Die Wachstumsschwäche Deutschlands allein der Europäischen Zentralbank zuzuschreiben, greife aber zu kurz, meint der Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Moritz Schularick. "Dies zeigt auch der Blick auf unsere europäischen Nachbarn, die allesamt eine höhere konjunkturelle Dynamik zeigen."

Weitgehend robuster Arbeitsmarkt

Anders als in den Jahren 2002 bis 2006 mit deutlich mehr als vier Millionen Arbeitslosen und -quoten von bis zu 13 Prozent zeigt sich der Arbeitsmarkt bislang weitgehend robust. Die Zahl der Arbeitslosen stieg im Juni im Vergleich zum Mai um 11 000 auf 2,555 Millionen. Die Quote blieb aber unverändert bei 5,5 Prozent. Allerdings werden dem Ifo-Institut zufolge nahezu alle Branchen vorsichtiger bei Neueinstellungen.

Strukturelle Probleme

Viele Jahre galt das deutsche Wirtschaftsmodell als erfolgreich: billige (russische) Energie und Vorleistungsgüter importieren, hochwertige Produkte in die Welt exportieren. Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und dessen Folgen zeigen Probleme, die Europas größte Volkswirtschaft schon vorher belasteten. Die deutsche Wirtschaft mit ihrem relativ hohen Anteil an energieintensiver Industrie klagt über teure Energie, unnötige Bürokratie, hohe Steuern und Fachkräftemangel. "Weiten Teilen unserer Wirtschaft fehlt die Zuversicht, dass sich Investitionen angesichts der hohen Kosten und teilweise sogar widersprüchlicher Regelungen am Standort Deutschland rechnen", sagte der Präsident Deutschen Industrie- und Handelskammer Peter Adrian unlängst der Deutschen Presse-Agentur.

Internationale Wettbewerbsfähigkeit

Nach Einschätzung von ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski hat sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands bereits vor der Corona-Pandemie verschlechtert. "Spannungen in der Lieferkette, der Krieg in der Ukraine und die Energiekrise haben die strukturellen Schwächen des deutschen Wirtschaftsmodells offengelegt und kommen zu einer ohnehin schwachen Digitalisierung, einer bröckelnden Infrastruktur und demografischen Veränderungen hinzu".

Ähnlich sieht das Christian Rusche vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft: "Die Investitionsbedingungen in Deutschland haben sich aufgrund der hohen Energiepreise und dem zunehmenden Fachkräftemangel zuletzt noch einmal verschlechtert." Viele Probleme seien hausgemacht, darunter hohe Unternehmenssteuern, ausufernde Bürokratie und eine marode Infrastruktur.

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01.08.2023

Diesen Artikel sollten sich die durchlesen, die den Kommentar von Herrn Stahl sofort zum Anlass nehmen, auf die Ampel-Regierung einzudreschen. Ich glaube nicht, dass Scholz eine Philosophie „Fünfe gerade sein Lassens“ betreibt, er agiert nur nicht so aufgeregt wie Merz & Co. und die Ampel kämpft mit den Altlasten der Merkel-Regierungszeit. Der Angriff Russlands hat der Weltwirtschaft einen schweren Schlag versetzt, auch die Industrie Deutschlands wird sich bewegen müssen, das Modell "billige (russische) Energie und Vorleistungsgüter importieren, hochwertige Produkte in die Welt exportieren" wie im Artikel von dpa beschrieben funktioniert nicht mehr so wie früher. Nicht nur die Autoindustrie hat den Innovationszug verschlafen und verpasst. Viel zu wenig wurde die letzten Jahre auch in der Industrie auf erneuerbare und alternative Energien gesetzt. Mit dem Ergebnis, dass es nun richtig teuer wurde und immer noch ist. Dass der industrielle Strom für eine bestimmte Zeit subventioniert wird, ist richtig, aber es muss ein Übergang und zeitlich begrenzt sein. Selbst erzeugte Energie muss gefördert und belohnt werden. Dagegen wird Merz niemals ein Innovationsweltmeister werden. Aus dieser Ecke kommt nicht viel, wie sich die C-Parteien die Zukunft Deutschlands unter veränderten Klimabedingungen vorstellt und wie man die gesetzten Klimaziele eigentlich noch erreichen will. Auch Deutschland wird in Zukunft daran gemessen werden, wie es seine Energie gewinnt. Das könnte im Angesicht des Klimawandels künftig weltweit ein Kriterium werden, und wenn Deutschland auch diesen Zug verpasst, dann wird es wirklich duster hier. Man wird Zeit brauchen, um dieses Land zu modernisieren, die Infrastruktur zu verbessern und Bürokratie abzubauen. Wie schwierig das ist, hat man schon gesehen, als es um die Neuaufstellung der Heizungslandschaft ging. Wenn man schon da nicht weiterkommt, weil sich jeder an das Althergebrachte klammert, wie soll man einen Erneuerungsprozess auf ein ganzes Land übertragen? Zumal die Stimmenfänger von rechts mit einfachen Parolen alles niedermachen, was sinnvoll und notwendig wäre, um Deutschland besser aufzustellen.