Startseite
Icon Pfeil nach unten
Wirtschaft
Icon Pfeil nach unten

Claudia Kemfert kritisiert Spritpreispaket der Bundesregierung: „Das ist Aktionismus“

Interview

„Das ist Aktionismus“: Claudia Kemfert kritisiert Maßnahmen gegen Spritpreis-Schock

  • |
  • |
  • |
  • |
    „Hätten wir heute schon mehr Elektromobilität und einen gut ausgebauten nachhaltigen Nahverkehr, müssten wir uns deutlich weniger Sorgen machen“, sagt Claudia Kemfert zum neuen Ölpreis-Schock.
    „Hätten wir heute schon mehr Elektromobilität und einen gut ausgebauten nachhaltigen Nahverkehr, müssten wir uns deutlich weniger Sorgen machen“, sagt Claudia Kemfert zum neuen Ölpreis-Schock. Foto: Oliver Betke

    Frau Professor Kemfert, die Öl- und Gaspreise steigen rasant durch den neuen Iran-Krieg. Wie können wir darauf reagieren?

    CLAUDIA KEMFERT: Wir müssen auf jeden Fall zweigleisig reagieren. Kurzfristig hilft nur ein sparsamer Verbrauch. Lösungen sind zum Beispiel ein Tempolimit sowie eine effizientere Logistik und ein besserer öffentlicher Nahverkehr. In der letzten Krise hat die Bundesregierung mit einem Neun-Euro-Ticket reagiert, das hat sehr gut funktioniert. Mittel- bis langfristig müssen wir unabhängiger werden von fossilen Brennstoffen. Wer weiter an Öl und Gas hängt, importiert Krisen, Kriege und Preisschwankungen gleich mit – wie ich auch in meinem neuen Buch beschreibe. Die beste Versicherung gegen solche Krisen sind erneuerbare Energien. Das betrifft nicht nur die Stromerzeugung, sondern auch die Gebäudesanierung und den Verkehr. Wärmepumpen und Elektromobilität sind die richtigen Antworten.

    Unsere Energiewende läuft inzwischen seit Jahren. Warum sind wir immer noch so abhängig?

    KEMFERT: Wir sind noch immer so abhängig, weil wir weiterhin stark am fossilen Energiesystem hängen. Zwar sind wir im Stromsektor mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien recht weit gekommen, aber im Bereich Verkehr und Wärme hängen wir deutlich hinterher. Fast 80 Prozent des Energiebedarfs – inklusive Treibstoff und Heizenergie – stammt noch aus fossilen Quellen. Wir kommen aus dieser fossilen Falle nur schwer heraus. Die Energiewende wurde zu lange verunglimpft und ideologisch als Sündenbock dargestellt.

    Die Bundesregierung gibt einen Teil der Ölreserven frei. Hilft dies?

    KEMFERT: Dies sind energiepolitische Kurzschlussreaktionen. Davon gab es bereits in der Vergangenheit viele. Man versucht, ein Problem kurzfristig zu lösen, ohne die Struktur des Problems zu ändern. Die Freigabe der Ölreserven halte ich für verfrüht. Das ist vor allem Aktionismus. Die Reserve ist für Notfälle gedacht, wir haben im Moment aber noch keine Knappheiten. Dauert der Konflikt länger an, fehlen uns später diese Reserven. Die Maßnahme verpufft auch zu schnell – das sehen wir bereits. Die Freigabe sollte die Preise stabilisieren, trotzdem steigen sie.

    Die Regierung will den Tankstellen nur noch erlauben, einmal am Tag die Preise zu erhöhen. Wie sieht es damit aus?

    KEMFERT: Die Idee, Preisanpassungen auf einmal täglich zu begrenzen, kann zwar grundsätzlich für mehr Transparenz sorgen und Preissprünge nachvollziehbarer machen. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, dass Preise dann einmal am Tag umso stärker und überdimensioniert angehoben werden. Deshalb ist es entscheidend, dass das Kartellamt hier konsequent überwacht und mögliche Marktmissbräuche wirksam unterbindet.

    Gefordert wird auch ein Tankrabatt …

    KEMFERT: Und schon wieder ein teurer Kurzschluss. Der Tankrabatt ist schon in der letzten Energiekrise nicht vollständig bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern angekommen. Man wollte die Menschen entlasten. In der Praxis war es ein großes Geschenk an die Mineralölkonzerne. Die Preise sind kaum gesunken, gleichzeitig hat der Staat Milliarden ausgegeben. Ökonomisch ist das hoch ineffizient. Ein Tankrabatt ist eine teure Subvention für fossile Energien und setzt damit die völlig falschen Anreize.

    Für die Energiewende müssen auch Netze und Batterien gebaut werden. Das ist alles teuer. Wie kann man die Energiewende bezahlbarer machen?

    KEMFERT: Die Energiewende selbst ist nicht der Kostentreiber – die fossilen Krisen sind es. Es wird häufig auf die vermeintlichen Kosten der Energiewende geschaut, hinter denen sich aber Investitionen verbergen. Diese Investitionen bringen Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Wind- und Solarstrom gehören heute zu den günstigsten Energiequellen. Die Kosten entstehen vor allen Dingen dort, wo das Energiesystem noch nicht angepasst ist, also dort, wo intelligente Netze, Speicher und Flexibilität fehlen.

    Wie könnte man die Energiewende sozialer ausgestalten?

    KEMFERT: Eine bezahlbare Energiewende braucht vor allem auch eine Wärmewende, die die energetische Sanierung fördert und das Heizen billiger macht – zum Beispiel durch die Wärmepumpe. Billiger muss auch die Mobilität werden. Wenn es ein Neun-Euro-Ticket gibt, wenn Rufbusse auf dem Land verfügbar sind oder ein soziales Leasing-Programm für E-Autos für Niedrigeinkommensbezieher eingeführt wird, ist die Energiewende auch für kleine und mittlere Einkommen bezahlbar. Das Tanken belastet derzeit massiv die Haushalte. Hätten wir heute schon mehr Elektromobilität und einen gut ausgebauten nachhaltigen Nahverkehr, müssten wir uns deutlich weniger Sorgen machen.

    Heute wird häufig mehr Sonnen- oder Windstrom produziert als benötigt wird. Die Entschädigungen für die Betreiber kosten Milliarden oder der Strom wird ins Ausland verschenkt. Tritt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche da zurecht auf die Bremse?

    KEMFERT: Die Lösung ist, dass wir erneuerbare Energien netzdienlich dort bauen, wo wir die Energie auch brauchen – zum Beispiel in der Nähe von Industrie. Im Moment regeln wir an der einen Stelle Windstrom ab, während wir an anderer Stelle Gaskraftwerke hochfahren und teures Gas verbrennen. Das ist ökonomisch und ökologisch unsinnig. Mit mehr Speichern könnten Windräder und Solaranlagen deutlich mehr Strom bereitstellen, der nicht abgeregelt werden muss. Zudem benötigen wir ein wirklich intelligentes Energiesystem mit Preisinformationen in Echtzeit, die zeigen, wann Strom günstig ist. Wir müssen intelligente Stromzähler – Smart Meter – flächendeckend installieren, die nicht nur messen, sondern auch steuern können. Dann lassen sich Elektroautos, Wärmepumpen und Batteriespeicher genau dann nutzen, wenn viel Wind- und Solarstrom vorhanden ist.

    Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant, die Vergütung für kleine Solaranlagen zu streichen. Lässt sich hier viel sparen?

    KEMFERT: Ich halte den Schaden für größer als den Nutzen. Kleine PV-Anlagen sind häufig der Einstieg in ein umfassendes Energiesystem im Haushalt – vom Batteriespeicher über Wärmepumpen bis zur Wallbox. Wenn dieser Impuls wegfällt, verlangsamt sich der Ausbau vieler anderer Technologien. Außerdem wäre es politisch aus meiner Sicht sehr riskant, weil die Bürgerenergie ein wichtiger Faktor für die Akzeptanz der Energiewende ist. Die „Mitmach-Energiewende“ wird so ausgebremst – und das schadet am Ende mehr, als es nutzt.

    Wie bekommt die Energiewende mehr Akzeptanz?

    KEMFERT: Akzeptanz entsteht, das wissen wir aus der Forschung, vor allem durch Beteiligung und Fairness. Die Menschen unterstützen die Energiewende eher, wenn sie wirtschaftlich profitieren, beteiligt sind und Transparenz über Kosten und Nutzen haben. Das zeigt sich beispielsweise in Regionen in Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen. Dort profitieren die Menschen von günstigem Strom. Eine weitere Möglichkeit ist die direkte Beteiligung an Solar- oder Windkraftprojekten. Wichtig ist auch, dass Einnahmen für die Gemeinden entstehen.

    In Bayern setzt sich Ministerpräsident Markus Söder für eine Wiederkehr neuer, kleinerer Atomkraftwerke ein. Kann auch so eine klimagerechte Lösung aussehen?

    KEMFERT: Kurz gesagt: nein. Atomkraft ist keine klimagerechte Lösung, sondern eine teure und langsame Sackgasse. Die vermeintliche Renaissance der Atomkraft wird oft als Lösung für Energie- und Klimaprobleme dargestellt. Tatsächlich ist sie aber extrem teuer und mit erheblichen Risiken verbunden. Neue Atomkraftwerke brauchen oft mehr als ein Jahrzehnt Bauzeit und verursachen sehr hohe Kosten – häufig deutlich mehr als ursprünglich geplant. Für den Klimaschutz zählt aber jede eingesparte Tonne CO₂ heute, nicht erst in 15 Jahren. Für die Klimaziele brauchen wir schnelle Lösungen: erneuerbare Energien, Speicher und intelligente Netze. Atomkraft passt da überhaupt nicht hinein, sie blockiert eher Investitionen und verzögert die Energiewende.

    Kann man abschätzen, wie viel teurer Atomstrom im Vergleich zu erneuerbaren Energien ist?

    KEMFERT: Atomstrom ist in der Erzeugung bis zu viermal so teuer wie erneuerbare Energien – mit steigender Tendenz aufgrund höherer Sicherheitsanforderungen. Gleichzeitig sinken die Kosten für erneuerbare Energien durch Innovationen kontinuierlich. Die Kosten für die jahrhundertelange Lagerung des Atommülls sind dabei noch nicht einmal eingerechnet.

    Warum setzen dann Länder wie Frankreich trotzdem auf neue Atomkraftwerke?

    KEMFERT: Frankreich hat bereits in der Ölpreiskrise der 1970er Jahre entschieden, stark auf Atomkraft zu setzen. Doch auch dort zeigen sich enorme Kosten – unter anderem an der hohen Verschuldung im Energiesektor. Die Atomkonzerne sind wirtschaftlich kaum tragfähig und müssen durch hohe Subventionen gestützt werden.

    Neue, kleine modulare Reaktoren sollen günstiger sein…

    KEMFERT: Das wird oft behauptet, stimmt aber bislang nicht. Diese neuen Atomkraftwerke sind im Grunde „PowerPoint-Kraftwerke“ – sie existieren vor allem auf dem Papier, aber kaum in der Realität. Die wenigen Projekte zeigen eher das Gegenteil: hohe Kosten, Verzögerungen und wirtschaftliche Unsicherheiten. Teuer und riskant sind sie dennoch, und sie produzieren weiterhin Atommüll. Schon in den 1950er Jahren wollte man zunächst kleine Reaktoren bauen, hat diese Idee aber schnell verworfen, weil sie zu teuer waren. Der vermeintliche Kostenvorteil ist also weder historisch noch aktuell belegt. Heute haben wir deutlich bessere Alternativen: erneuerbare Energien – günstiger, sicherer und schneller verfügbar.

    Zur Person

    Prof. Claudia Kemfert, 57, ist Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg. Eben ist ihr neues Buch erschienen: „Kurzschluss – Wie wir unsere Energiezukunft verspielen“ (Campus Verlag).

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren