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Corona-Pandemie
04.12.2021

DIW-Chef Fratzscher befürchtet, dass weitere Corona-Maßnahmen nötig werden

Lieferengpässe in der Industrie, pandemiebedingte Flaute beim privaten Konsum: Die Probleme haben die die deutsche Wirtschaft in die Zange genommen. Führende Ökonomen üben Kritik an der Regierung.
Foto: Monika Skolimowska, dpa

Bund und Länder haben im Kampf gegen Corona die Maßnahmen verschärft. Wird das reichen? Führende Ökonomen üben deutliche Kritik.

Nach langem Warten haben Bund und Länder am Donnerstag die Corona-Bestimmungen verschärft. Mitten in der vierten und bisher größten Pandemie-Welle breitet sich die noch nicht hinreichend erforschte Omikron-Variante des Virus auch in Deutschland aus. Und nach wie vor ist die Zahl der Geimpften in Deutschland viel zu gering. Die Verunsicherung nimmt weiter zu. Natürlich auch wirtschaftlich.

Ifo-Institut: Mehr Kurzarbeitende im November

Dazu passt die Nachricht des Münchner Ifo-Instituts: Die Wirtschaftsforscher vermeldeten, dass die Zahl der Kurzarbeitenden in Deutschland erstmals seit Februar diesen Jahres wieder gestiegen ist. Im November nahm sie zu auf 608.000 (von 598.000 im Vormonat). Das sind den weiteren Institutsangaben zufolge 1,8 Prozent der Beschäftigten. In der Industrie wuchs die Zahl von 271.000 auf 302.000 Beschäftigte (4,3 Prozent). Der Ifo-Umfrageexperte Stefan Sauer schätzt das so ein: „Die Flaschenhals-Rezession, die durch fehlende Vorprodukte zustande kommt, macht sich hier bemerkbar.“

Vor Corona hatte die Zahl der Kurzarbeitenden im Februar 2020 bei 134.000 gelegen. Im März 2020 sprang sie auf 2,6 Millionen und im April des vergangenen Jahres erreichte sie den Rekordwert von 6 Millionen. Das hatte es seit Ende des Zweiten Weltkrieges noch nie gegeben.

Ifo-Experte Andreas Peichl kritisiert die geschäftsführende Bundesregierung

Wie geht es nun wirtschaftlich weiter? Welche wirtschaftlichen Schäden wird das Land durch den Quasi-Lockdown davontragen? Professor Andreas Peichl leitet das Ifo-Zentrum für Makroökonomik und Befragungen. Er weist im Gespräch mit unserer Redaktion zunächst darauf hin: „Die Schäden entstehen durch die Pandemie, nicht die Maßnahmen. Wie auch in den bisherigen Wellen sieht man jetzt, dass die Menschen auch ohne Maßnahmen ihr Verhalten und ihren Konsum anpassen. Die Maßnahmen sind aber ein wichtiges Signal für die Ernsthaftigkeit der Lage.“ Peichls vorläufige Einschätzung lautet: „Die Pandemie wird dazu führen, dass es insbesondere im Bereich des sozialen Konsums teilweise massive Umsatzeinbußen geben wird.“ Ebenso würden Arbeitskräfte ausfallen, weil sie krank würden, was wieder Auswirkungen auf die Produktion habe. Peichl: „Es gibt also sowohl einen Nachfrage- als auch einen Angebotsschock, der das Wachstum in diesem und nächsten Jahr erheblich beinträchtigen wird.“

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Welches ist das größte Problem, das aus den nun beschlossenen Maßnahmen resultiert? Die Umsetzung, bemängelt Peichl, dauert zu lange, um die Pandemie wirkungsvoll zu bekämpfen. „Auf diese Weise wird die vierte Welle hinausgezögert, während sich parallel die fünfte (Omikron-)Welle aufbaut.“ Der Ökonom kritisiert die geschäftsführende Bundesregierung deutlich. Seit dem Sommer habe diese wegen des Wahlkampfes nicht auf die sich abzeichnende vierte Welle reagiert. „Und auch jetzt wird erst viel zu spät zu zögerlich gehandelt.“

DIW-Präsident Marcel Fratzscher erwartet "zusätzliche Restriktionen"

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), schätzt die Lage auf Anfrage unserer Redaktion so ein: „Die Politik hat keine starke Verschärfung der Restriktionen beschlossen, vor allem wird Ungeimpften der Zugang zu Gastronomie, Veranstaltungen und im Einzelhandel verwehrt. Diese zusätzlichen Restriktionen werden vor allem die genannten Dienstleistungsbranchen treffen, aber auch hier deutlich weniger als durch die viel weitergehenden Restriktionen in der zweiten und dritten Corona-Welle.“ Der Ökonom sieht aber die Wahrscheinlichkeit als groß an, dass durch die „vergleichsweise geringen zusätzlichen Restriktionen die vierte Welle nicht gestoppt werden kann.“ Der wirtschaftliche Schaden, so seine Analyse, entstehe in erster Linie durch Ansteckungen, unterbrochene Lieferketten und der Zurückhaltung beim Konsum.

Kurze, harte Maßnahmen wären besser gewesen. So werden vermutlich neue Restriktionen nötig sein, schätzt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).
Foto: Bernd von Jutrczenka dpa (Archivbild)

Seine Empfehlung lautet: „Kurze, harte Maßnahmen wären wirtschaftlich wohl besser gewesen als milde, späte Restriktionen.“ Fratzscher befürchtet, dass Bund und Länder in den kommenden Wochen „zusätzliche Restriktionen“ einführen müssen. Die werden dann aber sehr spät und weniger wirksam sein. Das wiederum bedeutet, sagt Fratzscher: „Die Politik wird auch im kommenden Jahr zusätzliche Wirtschaftshilfen verteilen müssen, und ich erwarte dementsprechend Änderungen in der Finanzpolitik.“

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