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Bundesbank
06.12.2021

Neue Bundesbank-Spitze: Wird es eine Frau oder doch ein Mann?

Die Bundesbank ist ein Stück deutscher Identität. Als Mitglied des EZB-Rates kann eine Bundesbank-Präsidentin oder ein Bundesbank-Präsident an der Währungspolitik mitwirken.
Foto: Arne Dedert, dpa

Lange schienen die Ökonomin Schnabel und der Finanzstaatssekretär Kukies in der Favoritenrolle zu sein. Nun wird ein Bewerber mit SPD-Nähe gehandelt.

Die Geschichte entbehrt nicht einer gewissen Logik: Weil in Deutschland zu wenige Spitzenämter im Staat mit Frauen besetzt sind, ist der Rücktritt von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, 53, ein Glücksfall für den künftigen Kanzler Olaf Scholz (SPD). Denn damit sucht nicht nur zum Jahresende ein Vertrauter der langjährigen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) das Weite, sondern es wird auch eine männlich besetzte Top-Funktion frei. So könnte neben dem Amt der Bundestagspräsidentin, das die Sozialdemokratin Bärbel Bas, 53, ergatterte, mit der Bundesbank-Spitze eine weitere Macht-Schnittstelle mit einer Frau besetzt werden. Das würde Scholz helfen, Gleichberechtigung auch auf höchster Ebene beherzt voranzutreiben.

Was derartige Posten betrifft, gibt es immer noch ein Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen: Scholz löst ja eine Frau im Kanzleramt ab. Bundespräsident Frank- Walter Steinmeier, 65, hält an seinem Amt fest und Linken-Politiker Bodo Ramelow, 65, wurde bis Ende Oktober 2022 zum Bundesratspräsidenten bestimmt. Das Bundesverfassungsgericht wiederum wird von Stephan Harbarth, 49, geleitet.

Eine Bundesbank-Chefin täte dem Land gut

Da täte eine Bundesbank-Chefin dem Land gut, wurde allenthalben spekuliert und kommentiert. Dabei gibt es in Deutschland mehr als genug qualifizierte Frauen für den Chef(innen)sessel der Institution. Unter den interessanten Ökonominnen ragt Isabel Schnabel, 50, heraus. Seit 2020 ist die Expertin Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, also neben Weidmann ranghöchstes deutsches Mitglied in den Reihen der EZB. Die einstige Wirtschaftsweise und Volkswirtschafts-Professorin in Mainz wäre eine perfekte Kandidatin für das Amt. Das trifft umso mehr zu, als sie, was die Geldpolitik angeht, weder wie Weidmann als „Falke“, also Hardliner, noch als „Taube“, eben Verfechterin einer ultralockeren Geldpolitik gilt.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann gibt sein Amt Ende des Jahres auf.
Foto: Kay Nietfeld, dpa

Schnabel wäre allen drei Parteien der neuen Koalition vermittelbar. Auch Christian Lindner, der zu einem „Falken“ tendiert, könnte mit der Notenbankerin leben. Der FDP-Chef hatte, was die Besetzung des Amtes betrifft, seine Position abgesteckt: „Die Bundesbank muss weiter Anwältin einer stabilitätsorientierten Geldpolitik in Europa bleiben.“ Die liberale Stellenausschreibung würde auch auf Bundesbank-Vize Claudia Buch, 55, passen. Sie war wie Schnabel einst Wirtschaftsweise und stand sogar dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle vor. Die Professorin hat als Ökonomin einen tadellosen Ruf. Wenn Scholz ihr in das Amt helfen würde, gäbe es kaum Widerspruch. Und dann gibt es als Dritte im Frauen-Bunde die nicht minder renommierte Wirtschaftswissenschaftlerin Veronika Grimm, 50. Die Professorin lehrt an der Universität Erlangen-Nürnberg und gehört seit 2020 dem Elite-Kreis der Wirtschaftsweisen an. Es wäre für Scholz also ein Leichtes, bei einer großen Auswahl erstmals eine Frau auf den Thron der Bundesbank zu hieven.

Plötzlich ist eine Frau nicht mehr Favoritin

Doch zuletzt wurden durch die britische Wirtschaftszeitung Financial Times Zweifel daran angemeldet, dass die weibliche Premiere in Deutschland wirklich gelingt. In dem Blatt wird die plausibel klingende und zuletzt auch in deutschen Politik- wie Zentralbankkreisen diskutierte Theorie vertreten, Schnabel sei nicht länger in der Favoritenrolle. Das könnte durchaus sein, wird doch im Berliner SPD-Umfeld festgehalten, die Ökonomin sei im Direktorium der Europäischen Zentralbank unabkömmlich und schwer ersetzbar. Schon zu viele Deutsche hätten bei der EZB in Top-Positionen erbost das Handtuch geworfen.

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Nach der Logik wäre der Weg für SPD-Mann Jörg Kukies, 53, frei. Der frühere Juso-Chef in Rheinland-Pfalz ist ein Top-Ökonom, der für Goldman Sachs gearbeitet hat und den Scholz als Staatssekretär ins Finanzministerium eng zu sich holte. Doch Kukies scheint unabkömmlich wie Schnabel zu sein und soll im Bundeskanzleramt die Abteilung für Wirtschaftspolitik, eine Schlüsselfunktion in der Regierung, leiten. Kommen nun Bundesbank-Frau Buch oder Spitzen-Ökonomin Grimm zum Zug? Nicht nur die Financial Times meldet daran Zweifel an. Und hier ist eine neue Macht- und Geschlechter-Logik aufgetaucht: Wenn SPD-Frau Andrea Nahles, 51, als einstige geachtete Bundesarbeitsministerin Chefin der Bundesagentur für Arbeit würde, könnte die Bundesbank-Spitze doch von Mann zu Mann vererbt werden.

Joachim Nagel könnte Bundesbank-Chef werden

Dabei wird in Berlin und Frankfurt am Main, dem Sitz von Bundesbank und EZB, mit immer größerer Intensität der Name eines Mannes gespielt, den Scholz auch Lindner schmackhaft machen könnte: Denn Joachim Nagel ist zwar SPD-Mitglied, aber doch als Bundesbank-Gewächs Anhänger einer stabilitätsorientierten Geldpolitik. Der 55-Jährige mit der eckigen Hornbrille stammt aus Karlsruhe, was er sprachlich nicht verbirgt. Der Ökonom war von 2010 bis 2016 Mitglied des Vorstands der Bundesbank und arbeitet noch im Management der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.

Zwischenzeitlich war der umgängliche, humorbegabte und pragmatische Mann auch Vorstandsmitglied der KfW Bankengruppe. Nach Karl Otto Pöhl und Ernst Welteke würde also wieder ein Sozialdemokrat Bundesbank-Präsident. Ersterer gilt nach wie vor als Legende, Welteke stürzte über die sogenannte Adlon-Affäre, also Vorwürfe, er habe sich mit Anhang in das Berliner Luxus-Hotel von der Dresdner Bank zu großzügig einladen lassen. Welteke musste daher zurücktreten. Kanzler Scholz wird sich also die Person für die Bundesbank-Spitze genau ausgucken und bald bekannt geben.

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