Die Krise im deutschen Wohnungsbau wird für immer mehr Haushalte zu einem Problem. Davor warnt ein breites Bündnis an Verbänden in Deutschland. „Aktuell fehlen in Deutschland rund 1,4 Millionen Wohnungen“, berichtet das Bündnis Soziales Wohnen, das dazu eine neue Studie vorlegt. Vor allem der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum sei nicht gedeckt. „Um das Wohnungsdefizit bis 2030 abzubauen, müssten gut 400.000 Wohnungen pro Jahr neu gebaut werden“, sagte der Studienleiter des Pestel Instituts, Matthias Günther am Donnerstag. Die Einbrüche in den Baugenehmigungen ließen aber erkennen, dass in den kommenden Jahren lediglich 200.000 Wohnungen pro Jahr neu gebaut werden. Die Stimmung im Wohnungsbau habe sich zum Jahresende nochmals leicht eingetrübt, berichtete das Ifo-Institut in München. „Der Wohnungsbau kommt nicht so recht vom Fleck“, sagt Ifo-Experte Klaus Wohlrabe.
Die Situation belastet zahlreiche Haushalte, gerade jüngere Menschen und Ruheständler, berichtet das Bündnis, zu dem der Deutsche Mieterbund, die Industriegewerkschaft BAU (IG Bau), die Caritas sowie Vertreter der Bauwirtschaft gehören. „Insbesondere junge Menschen – gerade Auszubildende, Studierende und Berufsstarter – scheitern immer häufiger auf dem Wohnungsmarkt“, heißt es in der Studie. „Außerdem können sich immer mehr ältere Menschen mit dem Renteneintritt ihre bisherige Wohnung nicht mehr leisten.“ Betroffen seien insbesondere auch die Baby-Boomer: „Die geburtenstarken Jahrgänge werden in den kommenden Jahren aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Bei einer gesetzlichen Durchschnittsrente von 1102 EUR werden viele mehr als 40 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens für das Wohnen ausgeben müssen.“
IG Bau-Chef Robert Feiger: „Markt wird es nicht regeln“
Die Verbände fordern ein stärkeres politisches Engagement: „Der Bund und die Länder dürften die Warnsignale nicht länger ignorieren“, fordert das Bündnis. „Der Eindruck, dass der Markt das Defizit regelt, ist deutlich widerlegt“, sagte IG-Bau-Chef Robert Feiger unserer Redaktion. In Deutschland hätten von den 23 Millionen Mieterhaushalten rund die Hälfte einen Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein, derzeit gebe es aber nur rund eine Million Sozialwohnungen in Deutschland. „Dies zeigt die große Lücke zwischen Angebot und Nachfrage“, erklärt Feiger. Dabei waren die Zeiten schon einmal besser: Noch vor der Wiedervereinigung habe es in der Bundesrepublik rund vier Millionen Sozialwohnungen gegeben, sagte Pestel-Institutsleiter Günther. Sie kamen damals einer breiten Bevölkerungsschicht zugute.
IG-Bau-Chef Feiger begrüßt es, dass die Bundesregierung die Mittel für den sozialen Wohnungsbau deutlich aufgestockt hat, fordert aber ein noch größeres Engagement: „Wenn wir mehr bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen wollen, müssen wir diesen fördern“, sagt Feiger. Ein Problem ist, dass die im Haushalt 2025 eingeplanten 3,5 Milliarden Euro für den sozialen Wohnungsbau nur in Tranchen ausgezahlt werden: Im Jahr 2025 flossen die ersten 525 Millionen Euro, dieses Jahr 875 Millionen Euro und von 2027 bis 2029 pro Jahr jeweils 700 Millionen Euro.
Bau-Turbo der Bundesregierung zündet bisher nicht
In die richtige Richtung geht aus Sicht der Verbände auch der „Bau-Turbo“, den die Bundesregierung 2025 auf den Weg gebracht hat. Das Problem: Bisher wirke das Instrument kaum: „Mit dem Bau-Turbo sind zeitliche Verkürzungen bei Planung und Genehmigung möglich, bisher hat er aber nicht gezündet“, sagt Feiger. Ein Problem ist dabei, dass mit dem Bau-Turbo die Nachverdichtung in bestehenden Stadtteilen erleichtert werden soll. Dagegen aber regen sich häufig Anwohnerproteste, sodass Kommunalpolitiker vor den Projekten zurückschrecken, berichtet Günther.
Lösungen legten die Verbände auch vor. „Bauen ist generell zu teuer“, sagte Hannes Zapf, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau. „Wir werden einfacher bauen müssen.“ Hier sei einiges auf den Weg gebracht worden, die Länder sollen ihre Baustandards überprüfen. „Es muss nicht in jedem Haus eine Tiefgarage zwei Plätze pro Wohneinheit zur Verfügung stellen, dies ist extrem teuer“, nennt IG-Bau-Chef Feiger ein Beispiel. „Nicht überall braucht man zum Lärmschutz eine Dreifachverglasung, nicht überall 30-Zentimeter-Steckdosenleisten an den Wänden“, meint er. Das Verbändebündnis stellte Beispielhäuser aus Schleswig-Holstein vor, deren Baukosten deutlich gesenkt werden konnten.
Problem: Zweckbindung bei Sozialwohnungen läuft meist nach 20 Jahren aus
Für Feiger wäre es außerdem sinnvoll, die Mehrwertsteuer im sozialen Wohnungsbau zu senken. „Ein verminderter Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent im sozialen Wohnungsbau würde die Bautätigkeit beleben, dies löst Investitionen aus, sorgt für mehr Beschäftigung, mehr geleistete Sozialbeiträge und mehr Steueraufkommen“, argumentiert er. Ein Problem ist zudem, dass die Zweckbindung von Sozialwohnungen nach 20 Jahren meist ausläuft und diese dann auf dem freien Markt zu weit höheren Preisen vermietet werden. „Dies ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Feiger: „Die Zweckbindung muss über die gesamte Nutzungsdauer des Gebäudes gelten“, fordert er. „Einmal Sozialwohnung, immer Sozialwohnung.“
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