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Interview
05.04.2022

Audi-Arbeitsdirektorin: "In der Ukraine leisten Frauen in Betrieben Unglaubliches"

Sabine Maaßen gehört dem Vorstand der Audi AG an. Die Managerin hat früher für die Gewerkschaft IG Metall gearbeitet.
Foto: Michaele Klose, Audi

Sabine Maaßen ist im Audi-Vorstand für Personalthemen zuständig. Ihre Abteilung hilft Audi-Beschäftigten, sich für Menschen in der Ukraine zu engagieren.

Frau Maaßen, wie hat der Überfall Russlands auf die Ukraine Ihre Arbeit als Arbeitsdirektorin und Vorstandsmitglied von Audi verändert?

Sabine Maaßen: Früher haben Personalabteilungen – je nach Auftragslage – den Einsatz von Beschäftigten rauf- und runtergemanagt. Doch durch unsere tiefgreifende Transformation, die Corona-Krise, die Halbleiterknappheit und den Krieg in der Ukraine sind Menschen in hohem Maße verunsichert. Unsere Mitarbeitenden stellen uns andere Fragen als früher. All diese schwierigen Themen beschäftigen uns alle rund um die Uhr. Darauf reagieren wir.

Und wie reagieren Sie auf die Verunsicherung vieler Beschäftigter?

Maaßen: Wir nehmen die Ängste und Sorgen unserer Mitarbeitenden sehr ernst. Wir ermöglichen und ermutigen darüber zu sprechen. Dialogbereitschaft und Dialogführung sind in diesen Tagen auch im Arbeitsumfeld wichtiger denn je. Darüber hinaus haben wir wie schon nach Ausbruch der Corona-Pandemie im Zuge des Ukrainekrieges eine Taskforce bei Audi gegründet, bei der Vertreter aller Geschäftsbereiche zusammenarbeiten. Doch die Tonlage ist in unseren Gesprächen eine andere. Als Resultat aus diesen Besprechungen haben wir etwa als Audi klar gesagt, dass wir hinter unseren Zulieferern und deren Beschäftigten in der Ukraine stehen. Denn einige der Firmen liefern immer noch Teile für uns.

Und das trotz des brutalen Angriffskrieges.

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Maaßen: Trotz der Ausnahmesituation versuchen Beschäftigte in diesen ukrainischen Zulieferbetrieben die Produktion aufrechtzuerhalten. Sie denken an die Zeit nach dem Krieg und wollen ihre Arbeitsplätze, um deren Existenz sie bangen, sichern. Obwohl es kaum Lkw-Fahrer gibt, bekommen wir immer noch Teile. Das kann man sich in Deutschland kaum vorstellen. In meiner Jugend habe ich für Frieden demonstriert, doch Kriege waren weit weg. In der Ukraine leisten gerade auch Frauen in den Betrieben Unglaubliches, während ihre Männer für ihr Land kämpfen müssen.

Wie gehen die Audi-Beschäftigten mit dem Krieg um?

Maaßen: Der Wille unserer Beschäftigten, sich für die Menschen in der Ukraine zu engagieren, ist immens groß. Wir müssen sie nicht dazu auffordern, sondern unsere Belegschaft fordert uns. Sie tun das von sich aus, weil die Beschäftigten werteorientiert sind und das auch von ihrem Arbeitgeber erwarten. Das berührt mich. Wir als Unternehmensleitung versuchen diesen Willen der Audianerinnen und Audianer, persönlich etwas zu tun, zu kanalisieren. Dadurch können sie ein Stück ihrer Betroffenheit abbauen und ihre Werte leben.

Wie funktioniert das in der Praxis?

Maaßen: Neben Geldspenden fördern wir ehrenamtliches Engagement. Beispielsweise mit unserer „Aktion Teamgeist“, wo unsere Beschäftigten melden, bei welcher Initiative sie sich ehrenamtlich engagieren wollen. Dann kann Audi wiederum dieser Organisation finanziell helfen. Wir wollen so unsere Haltung als Unternehmen über Euro und Cent hinaus zeigen und das persönliche Engagement unserer Mitarbeitenden fördern.

Können Sie einige Beispiele nennen?

Maaßen: So setzen sich Audianerinnen und Audianer in Neckarsulm etwa für eine Stiftung ein, die für 20 Geflüchtete aus der Ukraine Ausstattungen für Wohnungen wie Waschmaschinen oder Herde besorgt. Audi gibt Geld für das Projekt, weil unsere Beschäftigten sich dort starkgemacht haben. Oder wir unterstützen ein Secondhand-Kaufhaus in der Region Heilbronn, wo Geflüchtete Kleidung bekommen. In Eichstätt stellen wir für Geflüchtete, die zu Behörden fahren müssen, ein Auto zur Verfügung. In Ingolstadt bieten wir zwei VW-Busse an, mit denen Dinge für eine Flüchtlingsunterkunft transportiert werden. Es sind viele kleine Initiativen, die zusammen Großes bewirken.

Sogar die berühmte Currywurst, die es in den Kantinen in Ingolstadt und Neckarsulm gibt, spielt eine Rolle in der Audi-Ukrainehilfe.

Maaßen: Wer diese Woche unsere Currywurst, auch die vegane, in den Kantinen kauft, zahlt pro Wurst einen Aufschlag von einem Euro. Mit dem Geld helfen wir Menschen, die vom Krieg betroffen sind. Die Idee mit der Wurst für die Ukraine stammt übrigens von unseren Köchinnen und Köchen. Unsere Gastronomie hat auch kostenlose Getränke und Snacks für Flüchtlingshelfer gespendet, die in Ingolstadt im Einsatz sind.

Wie gehen Sie mit der Betroffenheit Ihrer Beschäftigten und deren Familien um? Der Krieg belastet viele Menschen psychisch. Manche haben Angst.

Maaßen: Wir nehmen die Gefühle und Gedanken unserer Beschäftigten sehr ernst. Und das nicht nur, wenn sie wie jetzt wieder in Kurzarbeit gehen müssen, weil Zulieferteile fehlen. Mit Online-Vorträgen helfen wir auch unseren Eltern bei Fragen, etwa wie sie ihren Kindern den Krieg erklären können. Das erwartet man vielleicht nicht von einem Autobauer, wird aber von unseren Beschäftigten sehr stark angenommen. Oder es gibt in einzelnen Abteilungen sogenannte Health Guides, also Beschäftigte, die entsprechend geschult sind und die man auch ansprechen kann, wenn einem der Krieg psychisch zusetzt.

Reden die Menschen im Betrieb wirklich offen über ihre Ängste?

Maaßen: Die Menschen sind hier offener geworden. In meiner Generation hieß es leider noch: Wer psychische Probleme hat, habe noch nicht genug Arbeit. Das ist zum Glück lange vorbei. Führungskräfte von heute sind hier besonders gefordert. Sie tragen nicht nur zur Erreichung wirtschaftlicher Ziele bei, sondern müssen auch Coach sein. Sie sind also auch dafür verantwortlich, dass es ihren Leuten mental gut geht. Das war vor einigen Jahren noch anders. Die Audi-Belegschaft fordert uns auch hier. Das macht mir als Mensch Mut.

Auch das leibliche Wohl Ihrer Beschäftigten haben Sie in der Homeoffice-Zeit nicht vergessen.

Maaßen: Wir bieten Koch-Videos an. So können Beschäftigte im Homeoffice Gerichte aus der Kantine zu Hause nachkochen. Wem das zu aufwendig ist und wer Kontakt zu einer Kollegin oder einem Kollegen haben will, kann auch auf unseren Lieferservice zurückgreifen.

Gibt es einen Audi-Essens-Lieferservice für das Homeoffice?

Maaßen: Ja. Wir haben einen solchen Lieferservice während der Pandemie aufgebaut. Audi-Beschäftigte, beispielsweise auch solche, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr voll leistungsfähig sind, bringen ihren Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice Essen aus der Kantine vorbei. Das ist eine tolle Initiative, die auch noch einmal den Zusammenhalt stärkt.

Rücken Belegschaften in Krisenzeiten enger zusammen?

Maaßen: Das denke ich, ja. Mir fällt auf, dass es in unseren Krisenstäben keine Rolle spielt, aus welchem Bereich man kommt. Es wird einfach zusammengearbeitet. Gerade in Krisenzeiten brauchen Beschäftigte Orientierung und einen festen Rahmen, also Sicherheit. Das wollen wir bieten. Bei Audi gibt es daher eine Beschäftigungsgarantie bis 2029.

Doch Audi baut, wenn auch ohne Kündigungen, bis 2025 auch 9500 Arbeitsplätze ab. Wie viele der Stellen sind bereits vor allem über Altersteilzeit weggefallen?

Maaßen: Ich gehe davon aus, dass wir bis Ende des Jahres einen Großteil unseres sozialverträglichen Stellenabbaus geschafft haben. Wir haben jetzt noch einmal ein zweites Vorruhestands-Programm aufgelegt. Ich rechne fest damit, dass wir keine weiteren großen Programme brauchen.

Noch einmal: Wie viele der 9500 Stellen sind dann bis Jahresende abgebaut?

Maaßen: Bis zum Jahresende haben wir einen Großteil geschafft, wobei wir parallel bis 2025 auch bis zu 2000 Stellen in Zukunftsfeldern aufbauen. Diese komplexen Personalbewegungen laufen bei uns gleichzeitig ab.

Das ist sicher ein aufwühlender Prozess, gerade für eine Arbeitsdirektorin, vor allem wenn sie wie Sie einst für die Gewerkschaft IG Metall gearbeitet hat.

Maaßen: Als ich vor rund zwei Jahren bei Audi angefangen habe, stand hier alles in Lockdown-Zeiten still. Die Verhandlungen zu Audi.Zukunft waren gelaufen und das hieß, dass ich bis zu 9500 Arbeitsplätze sozial verträglich abbauen, im Gegenzug etwa 2000 Stellen in Zukunftsbereichen wie der Softwareentwicklung aufbauen solle. Die Ziele waren definiert, der Weg dahin neu. Mit unserer strategischen Personalplanung haben wir es geschafft, den Dreiklang von Personalabbau, Umbau und Aufbau gleichzeitig zu steuern.

Das klingt maximal komplex.

Maaßen: Das geht nur über Vertrauen und Mut. Uns ist die Neuaufstellung gut im Dialog mit dem Betriebsrat gelungen. Eine besondere Rolle spielen dabei unsere interdisziplinären Personaltransformations-Teams, wo Fachbereich, Personalwesen und Betriebsrat von Anfang an gemeinsam eine Lösung finden müssen. Auch da kommt es wieder auf Dialogbereitschaft an. So bauen wir nicht nur einfach Stellen ab oder auf. Sondern wir machen unseren Beschäftigten individuelle Angebote, den Weg der Transformation zu gehen.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Maaßen: Ein Beispiel ist da etwa unser Pilot „Digital Shift“ aus der Produktion in Neckarsulm. Mitarbeitende qualifizieren sich aus dem taktgebundenen Bereich zur IT-Fachkraft. Im Januar ist auch ein entsprechendes Programm in Ingolstadt gestartet. Für diesen Piloten hatten wir nur 20 Plätze, aber intern schon 400 Bewerberinnen und Bewerber. In Summe haben wir aber bereits im vergangenen Jahr rund 5000 Beschäftigte in Transformationsfeldern qualifiziert. Das zeigt mir, unsere Beschäftigten sind mutig genug, sich neu zu erfinden. Meine Philosophie lautet: Es ist egal, welche Ausbildung du hast, wichtig ist, wo du hinwillst.

Audi bietet mittlerweile auch Job-Sharing für Führungskräfte an.

Maaßen: Als Mutter von inzwischen zwei erwachsenen Kindern sind mir solche Themen besonders wichtig. Als Frau und auch als Mann darf man beides wollen: Beruf und Familie. Alles, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert, sollten wir als Arbeitgeber tun. So schreiben wir Stellen für Führungs-Tandems aus. Hier teilen sich etwa zwei berufstätige Eltern eine Vollzeitstelle. Wir haben auch ein Väter-Netzwerk bei Audi. Denn es muss auch unter Vätern Vorbilder geben, die Teilzeit arbeiten.

Zur Person: Sabine Maaßen, 55, ist seit 1. April 2020 Arbeitsdirektorin und Mitglied des Vorstands der Audi AG für den Geschäftsbereich „Personal und Organisation“. Zuvor war die promovierte Juristin Arbeitsdirektorin im Vorstand der Thyssenkrupp Steel Europe AG. Bis Maaßen 2016 bei dem Stahl-Konzern einstieg, arbeitete sie von 2005 an für den Vorstand der Gewerkschaft IG Metall. Von 2013 an leitete sie dort das Justiziariat.

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