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Interview
29.01.2022

Chemie-Verband warnt: "Die Preise sind für uns extrem gefährlich"

Groß wie eine Kleinstadt und extrem energiehungrig: das BASF-Stammwerk in Ludwigshafen.
Foto: BASF, dpa

Exklusiv Wolfgang Große Entrup, der Chef des Verbands der Chemischen Industrie, vergleicht den Umbau der Wirtschaft auf Klimaneutralität mit der Wiedervereinigung.

Herr Große Entrup, neben der Corona-Pandemie sorgen viele Leute in Deutschland die satten Preisaufschläge bei Strom, Gas und Kraftstoff. Auch Ihre Unternehmen sind davon betroffen. Ist die Preisexplosion eine Gefahr für die Unternehmen?

Wolfgang Große Entrup: Auf jeden Fall. Wir sehen im Moment einen noch nie da gewesenen Anstieg der Energiepreise. Das betrifft im Wesentlichen Gas und Strom. Unser leidenschaftlicher Appell an die Ampel-Koalitionäre ist deshalb, sich dieses Themas so schnell wie möglich anzunehmen. Gerade für den Mittelstand geht es um die Existenz. Wir haben Mittelständler, die müssen eine Verdreifachung der Energiepreise innerhalb der letzten sechs Monate verkraften. Das können sie einen gewissen Zeitraum stemmen. Aber irgendwann ist das Licht am Ende des Tunnels nicht mehr erkennbar. Die Preise steigen so schnell, die können die Unternehmen gar nicht an die Kunden weiterreichen. Und diese hohen Strompreise sind wirklich Gift für den radikalen Umbau auf Klimafreundlichkeit. Denn sauberer Strom soll ja Gas ersetzen.

Wie viel Strom brauchen Sie dann?

Große Entrup: Allein BASF in Ludwigshafen braucht in etwa so viel Strom wie ganz Dänemark. Sie sehen, es geht um enorme Mengen. Und diese müssen in naher Zukunft vollständig aus erneuerbaren Energien kommen; und zwar jeden Tag im Jahr, auch bei Windstille oder wenn die Sonne nicht scheint. Das ist eine Herkules-Aufgabe.

Sie appellieren an SPD, Grüne und FDP, Ihrer Branche zu helfen bei der Herkules-Aufgabe. Was müssen die Ampel-Parteien aus Ihrer Sicht tun?

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Große Entrup: Sie müssen die staatlichen Zusatzbelastungen bei den Stromkosten streichen oder deutlich senken, also Umlagen und die Stromsteuer. Die EEG-Umlage soll 2023 vollständig abgeschafft werden. Aus unserer Sicht ist das zu spät, es müsste noch dieses Jahr sein. Wir haben das sehr deutlich angesprochen. Die Stromsteuer sollte auf das EU-Mindestmaß gesenkt werden, das bei 0,05 Cent je Kilowattstunde liegt. Derzeit sind es zwei Cent.

Fahren Unternehmen die Fertigung bereits herunter, weil es sich derzeit nicht lohnt zu produzieren?

Große Entrup: Zum Beispiel die Herstellung von Ammoniak. Er ist ein wichtiger Grundstoff in der Chemieindustrie. Sie brauchen ihn beispielsweise für AdBlue, um die Abgase der Dieselmotoren zu reinigen. Oder zur Herstellung von Düngemitteln in der Landwirtschaft. Dünger ist richtig teuer. Fragen Sie mal die Bauern. Das ist zwar im Winter kein Thema, aber das Frühjahr steht vor der Tür.

Wie groß ist der Wettbewerbsnachteil der deutschen Unternehmen durch den Preissprung und die Abkehr von Gas als Energielieferanten?

Große Entrup: Das ist unser ganz großes Thema. Noch einmal: Wenn wir diese ambitionierten Klimaschutzziele erreichen wollen, zu denen wir ganz klar stehen, dann ist das eine Herausforderung vergleichbar der Wiedervereinigung. Durch das jetzige Energie-Preisniveau ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit eigentlich verloren. In China und in den USA haben sie ganz andere Industriestrompreise. In China gibt es dazu ein klares Bekenntnis von der politischen Führung, der Industrie günstig Energie zur Verfügung zu stellen. Die Preise in Deutschland sind für uns als Exportindustrie extrem gefährlich.

Wie groß ist der Unterschied genau?

Große Entrup: Die großen Chemiewerke haben eigene Kraftwerke. Steigt der Gaspreis, wird auch dort die Stromerzeugung teurer. Aber wir haben im Moment gerade im Mittelstand Unternehmen, deren Verträge mit den Versorgern auslaufen. Die mussten bisher zwischen 16 bis 20 Cent pro Kilowattstunde zahlen. Jetzt verlangen die Versorger deutlich mehr. Wir sagen klipp und klar: Wir brauchen einen international wettbewerbsfähigen Industrie-Strompreis von vier Cent.

Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des VCI und Mitglied des Präsidiums des VCI, warnt vor den Folgen explodierender Energiepreise.
Foto: VCI

Davon sind wir aber weit entfernt. Einerseits zeigt der massive Preisanstieg bei Gas und Strom, wie sinnvoll die Versorgung durch erneuerbare Energien sein könnte. Andererseits werden in der Übergangsperiode hohe Investitionen nötig sein in Windparks, Solarfelder und Netze. Von Wasserstoff haben wir noch gar nicht gesprochen. Wird die chemische Industrie ohne Zuschüsse überleben können?

Große Entrup: Es wird sicherlich staatliche Unterstützung brauchen, weil die Unternehmen das nicht mehr aus eigener Kraft heraus stemmen können. Wir stehen am Beginn einer industriellen Revolution. Wir stehen dazu, aber andere Regionen der Welt werden sich genau anschauen, ob wir das hinbekommen. Der beste Klimaschutz ist übrigens ein günstiger Strompreis. Das muss die Politik sicherstellen. Nur so werden die neuen Anlagen mit ihren höheren Kosten international wettbewerbsfähig. Eine Subvention, die nichts kostet, ist die Beschleunigung der Verfahren. Wenn es weiter sieben Jahre dauert, bis sich ein Windrad dreht, dann kann diese Revolution nicht gelingen.

Dass da Tempo reinkommt, dass der Ausbau schneller geht, ist die Aufgabe des neuen Wirtschaftsministers Robert Habeck von den Grünen. Haben Sie schon mit ihm zusammengesessen?

Große Entrup: Wir sind seit Tag eins mit ihm und seinem Ministerium in Gesprächen. Es ist ein sehr konstruktiver, zielgerichteter Dialog. Das kann man nicht anderes sagen. Habecks Programm ist extrem ambitioniert, die Erwartungshaltungen sind entsprechend hoch, aber alle haben die Notwendigkeit dafür erkannt. Was uns wichtig ist, dass wir das Ziel klar vor Augen halten und Ideologien dabei keine Rolle spielen sollten.

Vielen Leuten ist ihr Vorgarten aber näher als das große Ziel des Kampfs gegen die Erderwärmung…

Große Entrup: Verständlich, aber es gibt leider keinen Königsweg. Vertrauen und Transparenz schaffen ist Aufgabe von Managern und Politikern. Ein zweiter Weg ist sicherlich, die Bürger aktiv zu beteiligen. Die Gemeinden müssen etwas davon haben, wenn dort ein Windpark entsteht. Das schafft Akzeptanz. Und drittens müssen wir die Verfahren abkürzen. Klimaschutz von morgen kann nicht mit Verfahren von gestern realisiert werden. Das sollte nicht nur für Windräder, sondern auch für Industrieprojekte gelten, damit die Transformation der Wirtschaft gelingt. Der Geist des Koalitionsvertrages muss in alle Ämter und Behörden einziehen und gelebte Praxis werden.

Zur Person: Wolfgang Große Entrup wirkte in Top-Positionen bei Bayer und BASF. Nun führt er den Verband der Chemischen Industrie.

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