Newsticker
Selenskyj ruft russische Bevölkerung zu Widerstand gegen den Krieg auf
  1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Interview: Münchner Messe-Chef: Wir ziehen uns ganz aus Russland zurück

Interview
23.05.2022

Münchner Messe-Chef: Wir ziehen uns ganz aus Russland zurück

Klaus Dittrich ist Chef der Messe München GmbH. Das Unternehmen veranstaltet weltweit Messen und hat sich jetzt aus dem Russland-Geschäft zurückgezogen.
Foto: Sven Hoppe, dpa

Messe-Chef Klaus Dittrich hat einen klaren Schnitt vollzogen. Obwohl das Russland-Geschäft für das Unternehmen wichtig war, werden alle Verbindungen gekappt.

Herr Dittrich, Sie waren unlängst an der polnisch-ukrainischen Grenze.

Klaus Dittrich: Ich war einer der Fahrer eines Auto-Konvois für die private Münchner Initiative Civil Relief. Wir haben Hilfsgüter, wie medizinische Produkte oder Babywindeln, die in der Ukraine dringend benötigt werden, an die Grenze gebracht und im Gegenzug 21 Flüchtlinge nach Deutschland mitgenommen. Auf der Hinreise fuhr auch eine Mutter mit zwei Kindern mit, die wir wieder zurück in ihre Heimat gebracht haben. Ich habe mich als Fahrer gemeldet, nachdem ich von dem Verein gehört hatte, dass die Hilfsbereitschaft etwas nachgelassen hat. Auf dem Gelände der Messe München haben wir in den letzten Wochen in der Spitze rund 2500 Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen. Unsere Beschäftigten ermutigen wir, sich ehrenamtlich zu engagieren, etwa bei Civil Relief Munich. Da dachte ich mir, ich gehe als Chef mal mit gutem Beispiel voran.

Wie war die Situation vor Ort?

Dittrich: Wir haben die Güter in einem ehemaligen Einkaufszentrum, das jetzt ein Auffanglager ist, abgeliefert. Dort lernten wir die Menschen kennen, die nach Ost- und Süddeutschland wollten. Wir haben uns über Google Translate unterhalten, da keiner der Ukrainer Englisch sprach. Vor Ort wurden die Flüchtlinge fotografiert und Angaben zur Person gesammelt, etwa ob sie Raucher oder Nichtraucher sind. Umso mehr wir über die Menschen wissen, desto gezielter können wir geeignete Familien für sie finden. Die Daten werden nach München übermittelt und die dortigen Kräfte suchen dann die geeignete Unterbringung für die Frauen und Kinder. Während einer der letzten Touren war eine ukrainische Klavier-Lehrerin dabei, die schließlich in eine Familie vermittelt werden konnte, in der es ein Klavier gab.

Lesen Sie dazu auch

Doch manche Flüchtlinge haben Angst, wo sie in Deutschland landen.

Dittrich: Deshalb ruft auf der Fahrt nach Deutschland ein Dolmetscher im Auto an und spricht mit den Gästen. Das schafft Vertrauen. Manche Flüchtlinge haben Angst, wo sie hinkommen, nachdem Berichte über Schlepper-Banden kursieren, die Frauen zur Prostitution zwingen.

Hatten Sie nur Frauen und Kinder an Bord?

Dittrich: Ein Mann war auch unter den Flüchtlingen. Er hatte schreckliche Dinge erlebt. Insgesamt hat Civil Relief Munich schon über 2000 geflüchtete Menschen nach Deutschland geholt. Toll ist: Jeder kann bei dem Flüchtlings-Taxi mitmachen. Die von Unternehmern gegründete Initiative ist perfekt organisiert. Da könnte sich die öffentliche Hand ein Beispiel nehmen.

Und wie geht es mit den Ukrainerinnen und Ukrainern auf dem Münchner Messegelände weiter? Das Messegeschäft läuft nach der harten Corona-Zeit wieder langsam auf Hochtouren.

Dittrich: In der Tat. Ab 30. Mai, findet unsere nach der Bauma zweitgrößte Messe in Deutschland, die Umwelt-Technologie-Schau IFAT, statt. Die Ukrainerinnen und Ukrainer sind nun auf unser Freigelände umgezogen und dort in vorübergehend aufgebauten Hallen untergebracht. Unsere 18 Hallen auf dem Messegelände sind für die IFAT ausgebucht.

Sie treten Ende Juni als Messe-Chef ab. Werden Sie dann Flüchtlingshelfer?

Dittrich: Das kann ich mir unter anderem vorstellen. Ich habe auf alle Fälle mit 67 noch einiges vor. Ich will etwas bewegen. Meinen Rentnerausweis, den ich schon bekommen habe, habe ich ganz hinten in meine Brieftasche gesteckt. Es wäre auch nicht gesund, jetzt nichts mehr zu machen und sich täglich zu fragen, ob man zu einer Berg- oder Radtour aufbricht. Ich habe jetzt 42 Jahre 60, 70 Stunden die Woche gearbeitet. Da sollte man nicht vom einen auf den anderen Tag auf null runterfahren.

Wovon träumen Sie?

Dittrich: Ein Traum von mir ist es, mal eine Saison eine Berghütte zu führen. Und einen Traum haben meine Frau und ich schon verwirklicht, indem wir eine kleine Pension in Südfrankreich gekauft haben. Auch da kann ich mal arbeiten.

Doch zieht es Sie vielleicht zurück ins Gewerkschaftslager oder in die Politik? Sie waren mal DGB-Vize in Bayern und saßen für die SPD im Münchner Stadtrat.

Dittrich (lacht): Eine Rentner-Gewerkschaft gibt es ja nicht. Ich gehe weder in die Politik noch übernehme ich gewerkschaftliche Ämter. Ich könnte mir aber vorstellen, Unternehmen als Berater oder Aufsichtsrat bei der Transformation beizustehen, also ihnen etwa bei der Digitalisierung des Geschäfts zu helfen. Hier habe ich bei der Münchner Messe viele Erfahrungen gesammelt. Ich habe gelernt, wie man als Unternehmen besser aus der Krise raus- als reinkommt.

Doch Sie mussten bei der Messe München in der Corona-Krise reichlich Arbeitsplätze abbauen.

Dittrich: Hier kamen mir meine Erfahrungen als Gewerkschafter zugute. Ich wusste von der anderen Seite her, wie schwierig es ist, so etwas anständig über die Bühne zu bringen. Doch das ist uns bei der Messe München gelungen.

Wirklich?

Dittrich: Von den 200 Menschen, die bei uns gehen mussten, haben wir in 199 Fällen einvernehmlich Aufhebungsverträge geschlossen.. Wir mussten die Personalzahl um 25 Prozent verringern, weil wir durch die Corona-Krise, die unser Geschäft lange lahmgelegt hat, rund 400 Millionen Euro Umsatz verloren haben. Natürlich haben wir rasch digitale Messe-Formate entwickelt. Aber das hat zunächst viel Geld gekostet und den Wegfall des Messegeschäfts vor Ort bei weitem nicht kompensiert.

Noch steckt die Messe München dick in den roten Zahlen. Doch Wirtschaftsminister Aiwanger ist überzeugt, dass dies ein gutes Messe-Jahr wird.

Dittrich: Das glaube ich auch. Seit April läuft das Geschäft wieder gut an. Internationale Schauen wie zuletzt die Schmuck- und Uhrenmesse Inhorgenta sowie die Photovoltaikmesse waren ein Erfolg. Man muss keine Masken mehr tragen und es gibt auch keine Obergrenze mehr für Besucher. Im Oktober wird die Baumaschinen-Messe Bauma stattfinden, unsere größte Messe. Auf der letzten Bauma vor Corona hatten wir 627.000 Besucher aus 200 Ländern der Erde. Den Rekord werden wir nicht brechen, zudem unklar ist, ob bis dahin Gäste aus China kommen können. Und Besucher aus Russland wollen wir erst gar nicht.

Dürfen keine Russen mehr zu Messen nach München kommen?

Dittrich: Wir haben alle bestehenden Verträge mit russischen Ausstellern aufgehoben. Wir werben nicht mehr in Russland um Besucher. Und wir haben unser Messegeschäft in Russland wie die dortige Bauma verkauft, obwohl wir mit der Messe in dem Land gut unterwegs waren. Der Rückzug aus Russland ist für uns bitter. Das drückt auf die Bilanz. Eigentlich wollten wir in Russland zusätzliche Messen veranstalten, da der Bedarf dort groß ist. Aber die Messe München zieht sich ganz aus Russland zurück. Das ist die Konsequenz des brutalen Vorgehens Russlands in der Ukraine. Auf einen solchen Bruch des Völkerrechts müssen wir als Unternehmen reagieren. Und München ist Partnerstadt von Kiew. Da muss man Farbe bekennen.

Dürfen denn noch Russen auf die Messe nach München kommen?

Dittrich: Wenn sich jemand rechtmäßig in Deutschland aufhält und einen russischen Pass hat, kann er natürlich auf unser Messegelände kommen. Wir machen keine Pass-Kontrollen. Bei unserer Laser-Messe, also einer Branche, in der Russland traditionell stark vertreten ist, war zuletzt keine Handvoll Russen auf der Messe.

Rechnen Sie noch mit chinesischen Gästen in München nach den harten Lockdowns in dem Land? Und können Sie in diesem Jahr dort noch Messen wie die Bauma China veranstalten?

Dittrich: China ist unser wichtigster Auslandsmarkt. Wir haben rund 180 Beschäftigte in China und haben in das Land fast alle unserer Messe-Themen mit eigenen Schauen vor Ort exportiert. Im letzten Jahr ging das Messegeschäft in China zum Glück wieder früh los. So konnten wir alle Rücklagen aus China nach München transferieren, um unsere Zahlungsfähigkeit sicher zu stellen. Doch die Null-Covid-Politik trifft uns massiv. Das Messegelände in Shanghai ist geschlossen, ja wurde als Quarantäne - und Krankenhauszentrum beschlagnahmt. Wir wissen nicht, wie lange das dauert.

Im November soll eigentlich die Bauma China stattfinden.

Dittrich: Das ist nach der Bauma in München unsere insgesamt zweitgrößte Messe weltweit. Im Moment ist es fraglich, ob die Bauma China stattfinden kann. Da jetzt schon Veranstaltungen von uns in China ausfallen, werden wir dort in diesem Jahr einen deutlichen Umsatzverlust erleiden. Doch umgekehrt haben sich die chinesischen Hersteller alle für die Bauma in München angemeldet. Das geht, weil sie meist mit Vertriebs- und Marketingabteilungen in Europa vertreten sind. So wird die Bauma in München voll, zumal es eine Warteliste gibt. Was die Aussteller betrifft, erreichen wir in München schon wieder das Niveau vor Corona.

Aber nicht bei den Besuchern.

Dittrich: Dort hatten wir bei den letzten Messen etwa 80 Prozent der Besucher wie in der Vor-Corona-Zeit verzeichnet. Das wird besser werden. Die Menschen sind glücklich, sich wieder auf Messen treffen zu können. Ich glaube an Messen als Live-Veranstaltungen vor Ort. Unser Geschäft läuft immer besser. Wir stellen wieder vereinzelt ein und die ersten Menschen, von denen wir uns in der Krise trennen mussten, kommen wieder zurück zu uns.

Die IAA Mobility fand trotz Corona im vergangenen Jahr in München statt.
Foto: Sven Hoppe, dpa

Doch digitale Messen haben auch ihren Charme. Man spart Zeit und Geld als Besucher.

Dittrich: Corona hat bewiesen, dass digitale Kommunikation eine gute Ergänzung, aber kein Ersatz für Präsenz-Veranstaltungen ist. Dennoch wird das reine Flächen-Geschäft vor Ort nicht mehr allein tragen. Die Zukunft der Messe ist ein cleveres Konzept aus einem Erlebnis vor Ort und digitalen Ergänzungen. So hatten wir bei der Auto-Messe IAA Mobility rund 400.000 Menschen vor Ort, aber über alle Medienkanäle 1,2 Milliarden Kontakte erreicht. Das ist eine zweite Währung für eine Messe.

Wann erreicht die Messe München wieder das Vor-Corona-Niveau.

Dittrich: Eigentlich wollten wir in diesem Jahr wieder profitabel werden. Doch dann kam der Krieg in der Ukraine und die Abschreibungen als Folge des Rückzugs aus dem Russland-Geschäft hinzu. Man wird sehen, wie stark das unser Ergebnis belastet. Es wird sicher drei bis fünf Jahre dauern, bis wir wieder auf dem Rekord-Niveau des Jahres 2019 angekommen sind.

Zur Person: Klaus Dittrich, 67, ist seit 2010 Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München GmbH. Von 1990 bis 1995 war der Sozialdemokrat Mitglied des Münchner Stadtrates. Dabei wirkte Dittrich in den entsprechenden Ausschüssen an der Vorbereitung und Ausgestaltung des neuen Münchner Messe-Zentrums mit. Von 1997 bis 1999 gehörte Dittrich dem Bayerischen Senat an. Der in Gauting bei München geborene Manager war vor seiner unternehmerischen Karriere einer der führenden Gewerkschafter in Bayern. So wurde er einst in München zum jüngsten DGB-Chef einer deutschen Großstadt gewählt. 1994 stieg er schließlich auf Landesebene zum DGB-Vize auf. Dittrich ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Seine Hobbys sind Bergsteigen, Skifahren, Motorradfahren, Langstreckenlauf und Literatur.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

23.05.2022

Vermutlich werden wir bald erleben, dass Investoren aus anderen Teilen der Welt Schlange stehen. Über den asiatisch-pazifischen Raum werden auch die USA mit aufspringen und die vor der Haustür stehenden Europäer bleiben draussen.

Permalink
23.05.2022

Brav Herr Münchner Messe-Chef, dafür werden andere, darunter auch die USA die Stelle besetzen.

Permalink
23.05.2022

Es ist in Deutschland "in" sich aus Rußland zurückzuziehen. Ich hoffe, daß sich Rußland nach einer Normalisierungf, und die kommt, wenn auch vielleicht erst in 10 Jahren, an solche erinnert.

Permalink
23.05.2022

Die gesamte westliche Welt zieht sich aus Russland zurück. Es wird in 10 Jahren niemand interessieren, woran sich die Russen erinnern und woran nicht. Im Gegenteil wird Russland hart dafür arbeiten müssen, dass dort irgendwann wieder jemand investiert.

Permalink