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Nach der Corona-Krise werden die Löhne kräftiger steigen

Kommentar Von Stefan Stahl
10.01.2022

In der Corona-Zeit haben sich die Gewerkschaften zurückgehalten. Doch angesichts des Preisauftriebs leiten sie 2022 die Gehaltswende nach oben ein.

Die deutschen Gewerkschaften haben in der Corona-Krise Maß gehalten und sind ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung gerecht geworden. Denn nach Berechnungen des WSI-Tarifarchivs stiegen die Löhne im vergangenen Jahr im Schnitt um moderate 1,7 Prozent – und das bei einer Inflationsrate von satten 3,1 Prozent. Wegen der deutlich angezogenen Teuerung muss mancher unter dem Strich einen Reallohn-Verlust hinnehmen. Auch wenn der Effekt zum Teil durch Corona-Prämien abgemildert wurde, haben die Beschäftigten ihren Beitrag zur Ausnahmesituation geleistet.

Wie schon bei der Finanzmarktkrise zeigt sich: Das Prinzip der Tarifautonomie bewährt sich ein ums andere Mal. Die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite sind in der Lage, je nach wirtschaftlichen Bedingungen angemessene Lohnabschlüsse auszuhandeln. Dabei kommen die Beschäftigten langfristig umso besser weg, je höher der Organisationsgrad in einer Branche ist. Am Ende entscheidet neben den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder und deren Engagement über die Höhe der Löhne. So wird es weiter bleiben.

Fachkräftemangel wird sich zuspitzen

Schon in diesem Jahr, und ab 2023 immer stärker, tritt ein weiterer Faktor hinzu, der maßgeblich die Gehaltsrunden prägen sollte: Denn die Nachfrage nach Arbeitskräften von Köchinnen und Köchen bis hin zu Programmiererinnen und Programmierern ist bereits größer als das Angebot. Der Fachkräftemangel wird sich zuspitzen. Ursache ist die demografische Entwicklung, also die Tatsache, dass immer mehr älteren Menschen, die aus dem Erwerbsleben ausscheiden, immer weniger jüngere Beschäftigte gegenüberstehen. Diese für ein Land wie Deutschland, das vom Know-how lebt, gefährliche Situation wird leichtsinnig angeheizt: Wie das Beispiel der Autoindustrie zeigt, verabschieden die Unternehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Zehntausenden mit Altersteilzeitverträgen oder Abfindungen vorzeitig aus dem Berufsleben.

Das mag für viele der Betroffenen in Ordnung sein, wenn für sie die Konditionen stimmen. Für die Volkswirtschaft ist das allerdings eine Fehlentwicklung. Schließlich scheiden erfahrene Kräfte mit enormem Wissen aus, und künftig stehen weniger junge Nachrücker zur Verfügung. Firmen, die sich jetzt noch freuen, dass sie teurere ältere Beschäftigte von den Lohnlisten streichen, werden das bitter bereuen: Wenn nicht genügend ausländische Spezialistinnen und Spezialisten zuwandern, gibt es nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage nur eine logische Folge: Die Löhne werden kräftig steigen, mit der Gefahr, dass dies die Inflation weiter anheizt, was wiederum die Gehälter nach oben treiben könnte. Es käme eine Lohn-Preis-Spirale in Gang. Schon 2022 werden die Gehälter, wenn sich die Pandemie beruhigt, spürbarer als 2021 zulegen.

Kräftige Gehaltserhöhungen wohl erst 2023

Mit kräftigen Gehaltserhöhungen ist indes wohl erst 2023 zu rechnen, sollte doch die Wirtschaft dann entschlossener als in diesem Jahr anziehen. So wird die Gewerkschaft IG Metall schon Ende dieses Jahres mehr als einen Inflationsnachschlag erstreiten. Arbeitnehmer-Organisationen können es vor ihren Mitgliedern nicht mehr vertreten, wieder Reallohnverluste abzusegnen. Durch die weitere Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro werden auch Millionen Menschen am unteren Rand der Einkommensskala deutlich bessergestellt.

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Wenn die Lohn-Entwicklung in den kommenden Jahren wieder nach oben zeigt, gilt es, Übertreibungen zu vermeiden. Sonst bleibt die schon jetzt zu hohe Inflation kein vorübergehender Gast, sondern quartiert sich länger in Deutschland ein. Daran sind auch die Gewerkschaften nicht interessiert.

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