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Krieg in der Ukraine
24.03.2022

Putin will Rubel: Können wir das Gas bald noch bezahlen?

Kremlchef Wladimir Putin ergreift Gegensanktionen: Gas soll vom Westen in Rubel bezahlt werden.
Foto: Andrei Gorshkov/Sputnik Kremlin, AP/dpa

Wladimir Putin hat angeordnet, Euro und Dollar für geliefertes Gas bald nicht mehr zu akzeptieren. Die Energiewirtschaft sorgt sich um die Versorgung in Deutschland.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte als Reaktion auf die Sanktionen des Westens wegen des Kriegs in der Ukraine bereits vor längerem Gegenmaßnahmen angekündigt. Einen weiteren Schritt hat er jetzt unternommen: Putin hat am Mittwoch die Regierung angewiesen, für Gaslieferungen keine Zahlung in Dollar oder Euro mehr zu akzeptieren. Die Zahlung muss damit in Rubel erfolgen. Betroffen sind Länder, die Russland als "unfreundliche Staaten" ansieht, darunter alle Staaten der EU, also auch Deutschland, dazu die USA, Großbritannien und Kanada.

Video: AFP

Putin sagte, der Westen habe selbst seine Währungen entwertet, indem russische Aktiva im Ausland eingefroren worden seien. Zudem habe eine Zahlung für russische Waren in Devisen ihren Sinn verloren. Russland betonte zwar, dass die Gaslieferungen weiter in vollem Umfang gewährleistet seien. Trotzdem ist in Deutschland inzwischen die Sorge groß, ob die Gasversorgung nicht doch gefährdet ist. Was also bedeutet der Schritt genau?

Zwischenhändler wie Wingas und Uniper kaufen in Russland ein und bezahlen in Euro oder Dollar

Erdgaskunden beziehen ihr Gas häufig von regionalen Energieanbietern, darunter viele Stadtwerke. Sie sind von Putins Maßnahmen nicht direkt betroffen, erklärt Detlef Fischer, Geschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft. Indirekt aber sehr wohl Denn die Stadtwerke kaufen ihr Gas nicht direkt in Russland, sondern von großen Zwischenhändlern in Deutschland. Beispiele hierfür sind Uniper in Düsseldorf oder Wingas in Kassel, eine 100-prozentige Tochter des russischen Gaskonzerns Gazprom. Die Verträge zwischen Stadtwerken und Zwischenhändlern sind normalerweise in Euro oder Dollar angelegt.

Die Zwischenhändler - wie Wingas oder Uniper - beziehen ihr Gas wiederum zu großen Teilen aus Russland, beispielsweise eben von Gazprom. "Diese Verträge mit russischen Energiekonzernen laufen typischerweise ebenfalls in Euro oder Dollar", erklärt Fischer. Dies ist jetzt der problematische Punkt: Denn Putin will Euro und Dollar nicht mehr akzeptieren. Künftig müssten die Zwischenhändler also in Rubel bezahlen. Wäre das angesichts der bereits existierenden Sanktionen möglich?

Am freien Markt gibt es wohl nicht hinreichend Rubel

Bereits heute müssen russische Rohstoff- und Energiekonzerne Devisen aus dem Verkauf ihrer Güter zu 80 Prozent in Rubel tauschen, berichtet Gabriel Felbermayr, Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Wien. Dieser Umtausch müsste nun einen Schritt früher erfolgen, erklärt Finanzökonom Professor Wolfgang Gerke im Gespräch mit unserer Redaktion. Nämlich schon bei den Zwischenhändlern in Deutschland. Möglich, sagt Gerke, sei es auf jeden Fall, dass die deutschen Vorlieferanten in Rubel zahlen.

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"Am freien Markt gibt es Rubel", sagt Gerke. "Seit der Ankündigung Putins ist der Rubel-Kurs deutlich gestiegen", fügt er an. Auch Bankverbindungen gibt es noch nach Russland. Schließlich stehen nicht alle russischen Geldinstitute auf den Sanktionslisten des Westens. Dies sei bewusst so gestaltet worden, damit weiterhin Zahlungen für die Energielieferungen stattfinden können.

Das Problem allerdings ist dieses: "Die Menge an Rubel am freien Markt wird sicher nicht ausreichen, um die Energielieferungen zu bezahlen", sagt Gerke. Für die Öl- und Gasimporte werden jeden Tag hohe Summen fällig. "Zum Teil müsste man deshalb die russische Zentralbank einbeziehen", sagt Gerke. Eine Zentralbank kann die Landeswährung praktisch "drucken". Putin hat die russische Zentralbank auch angewiesen, innerhalb einer Woche ein System für die Abwicklung entsprechender Rubel-Zahlungen zu entwickeln. Das Problem ist, dass die russische Zentralbank auf der Sanktionsliste des Westens steht, auch wenn es wiederum für das Energiegeschäft bestimmte Ausnahmen gibt. Ähnlich sieht es Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Elektrizitäts- und Wasserwirtschaft, kurz BDEW. "Es ist fraglich, ob auf den Finanzmärkten genügend russische Rubel zur Verfügung stehen, um Gaslieferungen zu bezahlen. Die Gas kaufenden Länder müssten sich für einen Umtausch direkt an die russische Zentralbank wenden, die jedoch sanktioniert ist", sagte sie unserer Redaktion.

Kerstin Andreae, BDEW, fordert: Frühwarnstufe ausrufen

Denkt man rein juristisch, sei es eindeutig, dass Zahlungen für das russische Gas in Euro und Dollar getätigt werden, sagt Finanzökonom Gerke. Dies stehe schließlich in den Verträgen. Dass es "nicht vertragskonform" ist, zu verlangen, dass nicht mehr in Euro oder Dollar, sondern in Rubel gezahlt wird, bestätigt auch Fischer. Ob das Recht hier aber weiterhilft, ist fraglich.

Denkbar sind damit zwei Szenarien: Entweder geben die westlichen Gas-Bezieher klein bei und begleichen die Rechnung in Rubel. Oder Russland akzeptiert weiterhin die Zahlung in Euro oder Dollar. In Österreich hat die Mineralölgesellschaft OMV zum Beispiel angekündigt, die Lieferungen weiter in der heimischen Währung zu begleichen.

Erdgas kommt zum großen Teil aus Russland. Präsident Putin will dafür künftig Rubel, keine Dollar und Euro.
Foto: Marijan Murat, dpa

Problematisch wird es, wenn sich Russland darauf nicht einließe und tatsächlich die Gaslieferung stoppen würde: "Das zentrale Ziel ist es, Energielieferungen aus Russland aufrechtzuerhalten", sagt Fischer. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, aber auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder haben mehrmals betont, dass Deutschland auf die Energielieferungen aus Russland derzeit noch nicht verzichten kann. Würden tatsächlich die Vorhändler ausfallen, wäre das der größte anzunehmende Unfall für die Gasversorgung in Deutschland, meint Fischer. Die End-Energielieferanten, also zum Beispiel die Stadtwerke, müssten dann Gas zu aktuellen Marktkonditionen neu kaufen. Hier liegen die Preise aber massiv über dem früheren Niveau. War lange Jahre ein Gaspreis um die 20 Euro pro Megawattstunde im Großhandel normal, lag das Niveau am Donnerstag am Spotmarkt bei über 110 Euro.

Das Bundeswirtschaftsministerium wiederum sieht die Versorgungssicherheit bei Gas gewährleistet. Aktuell gebe es in Deutschland keine Versorgungsengpasslage, sagte eine Sprecherin von Wirtschaftsminister Robert Habeck am Donnerstag. "Derzeit gibt es noch keine Einschränkung der Lieferung. Bis zu einer Umsetzung durch die russische Regierung hat die Ankündigung noch keine direkten Konsequenzen", sagte auch BDEW-Chefin Andreae unserer Redaktion. Allerdings mahnte sie am Donnerstag, sich auf denkbare Gasengpässe vorzubereiten.

Der Bundesverband der Elektrizitäts- und Wasserwirtschaft forderte die Bundesregierung am Donnerstag auf, die Frühwarnstufe im nationalen Notfallplan für Gas auszurufen. "Es liegen konkrete und ernst zu nehmende Hinweise vor, dass wir in eine Verschlechterung der Gasversorgungslage kommen", sagte Andreae. Mit der Ankündigung Putins "sei eine Auswirkung auf die Gaslieferungen nicht auszuschließen", sagte sie. Die Bundesnetzagentur müsse deshalb Kriterien entwickeln, "welche Industrien und Sektoren weiterhin mit Gas auch im Rahmen einer Gasmangellage versorgt werden", sagte sie. "Die Haushaltskunden sind qua existierender Regelung geschützt."

Bei Engpässen greift ein Plan, der die Belieferung mit Gas priorisiert

Die Frühwarnstufe ist eine von drei Stufen bei Energieengpässen. Es folgen die Alarmstufe und die Notfallstufe. Bei Engpässen greift ein Plan, der die Belieferung mit Gas priorisiert. Anfangs würde die Lieferung an bestimmte Wirtschaftsbereiche eingestellt werden, den größten Schutz genießen Privathaushalte.

Putin wiederum ist mit dem Schritt eines gelungen: Er hat den Westen überrascht und untergräbt die Sanktionen der EU und der USA. Künftig müssten statt der erwähnten 80 Prozent "de facto 100 Prozent der Deviseneinnahmen der Exporteure in Rubel umgewandelt werden", erklärt Felbermayr vom Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung. "Das würde der russischen Währung neuen Auftrieb geben. Damit bremst Russland den Kaufkraftverfall auf den internationalen Märkten, die mittlerweile sehr hohe inländische Inflation und schwächt die Wirkung der westlichen Sanktionen."

Scholz verweist auf bestehende Verträge mit festgelegter Währung

Mit Gelassenheit reagierte Bundeskanzler Olaf Scholz auf die Ankündigung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, sich Gas-Lieferungen an bestimmte Staaten nur noch in der Landeswährung Rubel bezahlen lassen zu wollen. In den bestehenden Verträgen sei die Währung festgelegt, in der bezahlt wird, sagte Scholz am Donnerstag nach einem G7-Gipfel in Brüssel dazu. "Das ist ja etwas, was dann auch gilt. Und da steht ja meistens Euro oder Dollar. Das sind die Ausgangslagen, von denen wir ausgehen müssen."

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Die Diskussion ist geschlossen.

25.03.2022

Das Maß, in dem Putin-Unterstützer und Internettrolle den russichen Machthaber in Online-Foren verbal flankieren, ist erstaunlich. Diese Desinformationskampagne, die nur Misstrauen säen und unsere Gesellschaft spalten soll, wird nicht erfolgreich sein.
Zumal es ja die immer selben Spalter sind...

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25.03.2022

Bezieht die Ukraine nicht aktuell für Haushalte und Industrie mich immer has von Gazprom? Man hört nicht, dass die Russen das abgedreht haben oder die Ukrainer das boykottieren. Bitte mal recherchieren und darüber schreiben was los ist.

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25.03.2022

Antwort auf Frage in der Überschrift: natürlich können wir das bezahlen. Wir, ich nehme nur mal die Deutschen, haben genug Geld. Will unser Staat zahlen oder seine Bevölkerung schikanieren? Die Antwort ist gar nicht so einfach.

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24.03.2022

Es wird Zeit , umgehend und sofort auf das Russengas zu verzichten .

Das geht ! Und ist auch ausgesprochen einfach .

Deutschland will es nur nicht , weil man Angst hat , wenn Putin plötzlich kein Gas-Geld mehr verdient und die russische Wirtschaft ganz und plötzlich total abschmiert , startet der Diktator seine Atomraketen !
Das ist der wahre Grund , nicht die Versorgungssicherheit !


Ein nicht geringer Teil des Blutgases wird gar nicht für Wärme verbraucht , sondern verstromt .

Die Verstromung kann sehr leicht ersetzt werden !
Indem man ganz einfach die Atomkraftwerke laufen läßt !
Und neue baut !
Das werden nämlich unsere Nachbarn sowieso tun

Ein weiterer Anteil wird als Ausfall-Reserve bereitgehalten , wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst .

Auf diesen Anteil kann zukünftig leicht verzichtet werden , wenn man wieder vermehrt auf Atomkraftwerke setzt !

Aus Spanien kann sehr leicht Flüssiggas in die Mitte Europas gebracht werden !

Die Spanier haben seit Langem Flüssiggas-Terminals .
Allerdings behindert hier Frankreich den Transport aus Spanien nach Mitteleuropa .

Fährt man die Atomkraft hoch , können statt Gasheizungen Elektroheizungen zum Einsatz kommen !

Die Industrie kann ebenso sehr leicht und einfach mit (Atom) Strom als Gasersatz beliefert werden .

Tatsache ist ja , daß die brutale Abhängigkeit vom Russengas bewußt und absichtlich herbeigeführt wurde - unter dem Wahn "Wandel durch Handel" .

Man glaubte in diesem Wahn tatsächlich , über den Gashandel könne man der russischen Gesellschaft
zum Wandel verhelfen .


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24.03.2022

Die Sorge oder besser das Geschrei gründet sich wohl darin, dass mit dieser (Gegen)maßnahme die Spekulation im Energiesektor deutlich erschwert und nicht mehr so einfach ganz legal über die Börsen gezogen werden kann.
Das ist nur die Wirkung - sicher nicht das Motiv des Autokraten im Kreml.

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24.03.2022

Aus Reaktionen und Kommentaren entnehme ich, daß Rußland keine Antworten auf die Sanktionen des Westens hat. Einer der größten Fehler ist, seinen Counterpart zu unterschätzen - und das lese ich gegenüber Russland fast täglich.

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