Im vergangenen Jahr kamen in Deutschland so wenige Babys auf die Welt wie noch nie seit 1946. Experten zufolge wird das gravierende Auswirkungen auf Wirtschaft und Sozialsystem haben. „Die niedrige Geburtenrate führt dazu, dass die Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung sich beschleunigt. Es wird weniger Arbeitskräfte geben und daher niedrigeres Wirtschaftswachstum“, sagt Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. „Außerdem sinken die Einnahmen der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung, so dass die Versorgung der älteren Menschen immer schwieriger wird.“ Es sei, so der Ökonom weiter, allerdings möglich, dem entgegenzuwirken, indem mehr in Aus- und Weiterbildung investiert, die Lebensarbeitszeit verlängert und die Zuwanderung von Arbeitskräften gefördert werde.
Geburtenzahlen in Deutschland sinken drastisch – Wirtschafts-Experten sind besorgt
Dem Statistischen Bundesamt zufolge wurden 2025 rund 654.300 Kinder geboren, das waren 3,4 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der Geburten sank damit zum vierten Mal in Folge. Angesichts dessen betont auch Oliver Holtemöller, Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), die Bedeutung von Arbeitskräften aus dem Ausland. „Die Geburtenrate liegt in Deutschland seit Langem unter dem Niveau, das notwendig wäre, um die einheimische Bevölkerung konstant zu halten. In den vergangenen Jahren kam es dennoch nicht zu einem spürbaren Rückgang der Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter, weil die Migration hoch war.“
Der natürliche Bevölkerungsrückgang durch den Überschuss der Sterbefälle gegenüber den Geburten lasse sich aber immer weniger durch Zuwanderung ausgleichen. Es sei davon auszugehen, dass die Anzahl der Erwerbstätigen in Deutschland in den kommenden Jahren sinken werde. „Die Wirtschaftsforschungsinstitute gehen in ihrem Frühjahrsgutachten davon aus, dass das Wirtschaftswachstum im Zeitraum 2025 bis 2030 durch den negativen Beitrag des Produktionsfaktors Arbeit um 0,3 Prozentpunkte pro Jahr gedämpft wird.“
Die nächste Generation ist um ein Drittel kleiner – wirtschaftliches Wachstum schrumpft
Martin Bujard, Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), erklärte gegenüber unserer Redaktion: „Dauerhaft niedrige Geburtenraten von 1,3 oder 1,4 Kindern pro Frau bedeuten, dass die nächste Generation ein Drittel kleiner ist.“ Das führe langfristig zu einem geringeren Anteil von Jüngeren im Arbeitsmarkt, die durch ihre Beiträge unter anderem die Rente eines größeren Anteils Älterer finanzieren müssen. „Dies kann zu geringeren Leistungen oder höheren Beiträgen Jüngerer in Renten, Kranken- oder Pflegeversicherung führen. Zudem fehlen so Fachkräfte und es reduziert das Wachstumspotenzial eines Landes.“ eit Monaten streitet die Regierung angesichts derlei drohender Probleme um eine Reform der Rente, bisher ist unklar, wie die Neuausrichtung der Alterssicherung aussehen soll. Bis zum Sommer soll eine Kommission Vorschläge vorlegen.
Carmen Friedrich, ebenfalls vom BIB, machte deutlich, dass die Sozialsysteme vor große Herausforderungen gestellt würde. „Gleichzeitig gehen niedrige Geburtenraten häufig mit unerfüllten Kinderwünschen und ungewollter Kinderlosigkeit einher, da im Durchschnitt mehr Kinder gewünscht werden als tatsächlich geboren werden.“ Politik und Gesellschaft sollten ihrer Ansicht nach deshalb Rahmenbedingungen schaffen, die Menschen ermöglichen, ihre Kinderwünsche selbstbestimmt zu verwirklichen. „Dazu gehören eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, verlässliche Kinderbetreuung sowie finanzielle Sicherheit und Planbarkeit – gerade in Krisenzeiten.“
Woher kommen die nötigen Arbeitskräfte? Mangel an Auszubildenden wird sich verstärken
Auch Per Kropp vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung blickt mit Sorge auf diese Zahlen und deren Auswirkungen. „16 Jahre später verstärkt sich der Mangel an Auszubildenden und wenig später der an Arbeitskräften. Das Durchschnittsalter der Beschäftigten steigt, und es kommen weniger junge Leute mit aktuellem Wissen von der Berufsausbildung in die Betriebe.“
Hinzu komme, so Kropp, dass die Jahrgänge, die den Arbeitsmarkt verlassen, deutlich größer seien als die Jahrgänge, die von der Schule kommen. „In einigen ostdeutschen Bundesländern ist es heute bereits so, dass zwei Beschäftigte in die Rente gehen, aber nur ein junger Mensch von der Schule nachrückt.“
Experte Per Kropp: Drei Maßnahmen wichtig, um Geburten-Rückgang gegenzusteuern
In der Arbeitsmarktforschung würden schon lange drei Maßnahmenkomplexe thematisiert, um den Arbeitsmarktfolgen dieser Entwicklung zu begegnen.
Erstens: die Erwerbsbeteiligung steigern. Viele Frauen würden Kropp zufolge mehr Stunden arbeiten, wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser gesichert wäre, zudem gebe es steuerliche Fehlanreize wie das Ehegattensplitting, die es in einigen Konstellationen wenig lohnend erscheinen ließen, eine Arbeit aufzunehmen oder mehr Stunden zu arbeiten.
Zweitens: Es könne auch mit weniger Beschäftigten Wohlstand gesichert oder vermehrt werden, wenn die Arbeitsproduktivität steige. „Dafür bedarf es hoher Standards bei Aus- und Weiterbildung und insbesondere den aktiven Einsatz der Digitalisierung“, so Kropp.
„Drittens braucht es Zuwanderung in unseren Arbeitsmarkt und die Vermeidung von Abwanderung. Andere Maßnahmen, wie ein späterer Renteneintritt, verzögern die Folgen für den Arbeitsmarkt nur geringfügig und dienen wohl eher der Entlastung der Rentenkassen.“ Insgesamt, bilanziert der Experte, sei keine einzelne Maßnahme ausreichend.
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