Die deutsche Wirtschaft ist chronisch schwach und Verdi ruft Beschäftigte zu Streiks im öffentlichen Dienst der Länder und aktuell im Nahverkehr auf. Wie passt das zusammen? Ist die Forderung der Gewerkschaft im öffentlichen Dienst nach sieben Prozent mehr Lohn, mindestens aber 300 Euro mehr im Monat, gerechtfertigt? Und wie lässt es sich begründen, dass Menschen darunter leiden, wenn Bus und Tram nicht fahren? Das Thema ist komplex und eignet sich nicht für populistische Reflexe. Die Tarifautonomie wird hierzulande durch das Grundgesetz verbürgt. Damit können Gewerkschaften und Arbeitnehmer Löhne und Arbeitszeit-Regelungen eigenständig aushandeln, ohne dass sich der Staat einmischt. Daraus wuchs in vielen Jahrzehnten eine belastungsfähige Sozialpartnerschaft zwischen den Vertretungen der Beschäftigten und der Unternehmen heran. Das ist eine der großen Stärken des Wirtschaftsstandortes Deutschland.
Verdi setzt mit Warnstreiks auf Druck am Verhandlungstisch
In der Chemiebranche gelang es etwa über Jahrzehnte hinweg, ohne größere Konflikte Tarifverträge zu schließen. Doch gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten kann es problematischer werden, sich rasch und ohne großes Tamtam darauf zu einigen, wie stark die Löhne steigen sollen. Aktuell zeigen das etwa die Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst der Länder: Hier wollen die Arbeitgeber angesichts einer angespannten Haushaltssituation am liebsten nur leicht über der Inflation abschließen. Die realen Löhne würden kaum steigen, was Gewerkschafter naturgemäß nicht akzeptieren.
Immer wenn die Positionen beider Lager weit auseinanderliegen, ist eine rasche Lösung am Verhandlungstisch unmöglich. Hier kommt Psychologie ins Spiel: Falls eine Seite zu schnell und zu stark nachgibt, muss sie das ihren Mitgliedern erklären und gerät im eigenen Verein in die Kritik. Kämpft etwa eine Gewerkschaft wie Verdi indes mit Nachdruck und Warnstreiks für die Anliegen der Beschäftigten und holt am Ende nach einem Kompromiss nicht so viel wie gefordert heraus, wird das in eigenen Reihen akzeptiert. Schließlich haben die Verhandlungsführer alles versucht. In Arbeitgeber-Reihen gilt die gleiche, zutiefst menschliche Logik.
Gewerkschafter erhöhen Druck bei Tarifverhandlungen
Streiks wie im öffentlichen Nahverkehr oder in Kliniken haben in der Regel zwei Väter: Gewerkschafter, die Druck im Sinne ihrer Mitglieder machen wollen, und Arbeitgeber, die möglichst moderate Abschlüsse anstreben und wissen, dass sie damit Beschäftigte zu Arbeitsniederlegungen animieren. Warnstreiks sind kein überflüssiges Ritual, sondern ein notwendiges Übel im Rahmen der Tarifautonomie, um am Ende im zähen Ringen einen Kompromiss zu schließen.
In Tarifverhandlungen geht es um viel Geld. Lohnerhöhungen summieren sich schon mal auf Milliardenbeträge. Da sind intensive Diskussionen und auch Streit gerechtfertigt. Gerade in Wirtschaftskrisen, wenn Arbeitgeber weniger zu verteilen haben und Beschäftigte etwa unter hohen Mieten leiden, sind Kompromiss-Künstler gefragt, um eine Einigung zu erzielen. Das hat in Deutschland stets geklappt. Ob Gewerkschafter oder Arbeitgeber: In unserem Land gibt es reichlich Tarif-Profis. Arbeitnehmer-Vertreter halten am Ende nach einigen Verhandlungsrunden Maß und Unternehmens-Vertreter wissen, dass ihre Beschäftigten, auch um sie in Zeiten des Fachkräftemangels bei Laune zu halten, mehr Geld brauchen.
Warnstreiks mit Augenmaß passen in die Zeit. Und wer sieben Prozent fordert, bekommt natürlich nicht sieben Prozent.
Das ist das Spiel.
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