Wer sich Anfang Mai den Strommarkt anschaute, konnte ein Phänomen erleben, das in der Marktwirtschaft nicht vorgesehen ist. In den Mittagsstunden gab es Strom kostenlos, aber damit nicht genug. Wer diesen Strom abnahm, bekam sogar 500 Euro pro Megawattstunde geschenkt dazu. Privatverbraucher konnten davon in der Regel nicht profitieren, wohl aber Energiehändler und Unternehmen. In der Fachwelt wird diese Anomalie „negative Preise“ genannt und sie ist eine Folge des zentralen Webfehlers der deutschen Energiewende.
Was steckt dahinter? Der 1. Mai war ein sonniger Frühlings- und auch Feiertag, weshalb in vielen Betrieben nicht gearbeitet wurde. Die Solaranlagen im ganzen Land erzeugten viel Strom, der zu wenige Abnehmer fand. Weil im Netz aber Verbrauch und Einspeisung stets gleich sein müssen, mussten die Netzbetreiber dringend Last abwerfen. Kostenloser Strom plus Abnahmeprämie waren ein Anreiz, um die überschüssige Energie loszuwerden, zum Beispiel ins Ausland. Auch die Ingenieure des bayrischen Netzbetreibers Bayernwerk hatten am Tag der Arbeit viel zu tun. Sie mussten eingreifen, um das Netz stabil zu halten. Nur die Hälfte des erzeugten Stroms wurde zur Mittagszeit lokal verbraucht. „Situationen wie am 1. Mai sind aus Netzsicht mittlerweile betriebliche Normalität“, erklärte das Unternehmen.
Zu viel verschenkter Strom kostet den Steuerzahler Geld
Die Anomalie könnte sich schon sehr bald wiederholen. Schon am Wochenende lautet die Vorhersage auf sonnig. Und im Verlauf bis Anfang Juni reihen sich von Himmelfahrt über Pfingsten bis Fronleichnam die verlängerten Wochenenden aneinander. Scheint die Sonne, wird viel Solarstrom bei schwacher Nachfrage produziert – womöglich zu viel. Die Ursache dafür ist, dass der Ausbau der Netze und der Zubau von Fotovoltaik und Windkraft nicht getaktet sind. Der Netzausbau kam mit all den Solaranlagen und Windparks nicht hinterher.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will nicht mehr hinnehmen, dass Strom verschenkt und dafür noch Prämien gezahlt werden. „Tage wie diese kosten Stromkunden und Steuerzahler viel Geld. Die erneuerbaren Energien müssen künftig ihren Beitrag leisten, die Gesamtkosten des Stromsystems zu senken“, sagt sie unserer Redaktion. Denn sowohl der verschenkte Strom als auch die Abnahmeprämie müssen bezahlt werden. Die Besitzer der Solaranlagen erhalten weiter ihre garantierte Einspeisevergütung für den erzeugten Strom, während die Abnahmeprämie von allen Stromkunden finanziert wird. Selbst wenn Anlagen wegen der Netzsicherheit zeitweise abgeschaltet werden müssen, fließt für die entgangene Produktion Geld.
Energie-Verband fordert Ausbau der Speicher-Kapazitäten
Diese Sonderkosten (im Fachjargon Redispatch genannt) beliefen sich im vergangenen Jahr deutschlandweit auf drei Milliarden Euro. „Wir sorgen dafür, dass erneuerbare Energien künftig stärker systemdienlich werden. Meine Reformvorschläge werden dazu beitragen, die Redispatch-Kosten spürbar zu senken und das Gesamtsystem effizienter zu machen“, meint Reiche. Windräder und große Solarfelder sollen künftig nur dort gebaut werden, wo die Leitungen stark genug sind. Für Privatleute soll die Förderung neuer Solaranlagen auf dem Dach des Eigenheimes gestrichen werden.
Kritiker ihres Ansatzes werfen der CDU-Frau vor, die Energiewende abzuwürgen. Gerade jetzt, in Zeiten des Energieschocks infolge des Irankrieges, sei es an der Zeit, die Energiewende voranzutreiben, sagt etwa die Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energien, Ursula Heinen-Esser. Zur Ausbalancierung von Erzeugung und Verbrauch müssten mehr Speicher gebaut werden. Reiche entgegnet, es gehe um die bessere Integration von Wind- und Sonnenenergie in das System. „Die Erneuerbaren werden das Rückgrat unserer Stromversorgung bleiben“.
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