Frau Marten, vor einem Jahr ist die Regierung von Friedrich Merz mit dem Versprechen durchgreifender Reformen gestartet – vor allem aber mit einem riesigen Schuldenpaket. Was hat das viele Geld der Wirtschaft gebracht?
SONJA MARTEN: Das Programm ist erst im Herbst angelaufen, das darf man bei der Betrachtung nicht aus den Augen verlieren. Zudem ist es bei den Berechnungen gar nicht so einfach, zu bestimmen, was wirklich zusätzliche Investitionen sind. Da gehen die Expertenmeinungen schon mal auseinander. Ich würde sagen, der Effekt für das Jahr 2025 war nicht wesentlich. Für das Jahr 2026 sollte der Impuls 0,5 bis 0,7 Prozent Wachstum bringen. Es wird viel Geld ausgegeben und in einem ersten Schritt ist es beinahe egal, wohin es fließt. Kurzfristig generieren sowohl Investitionen in die Infrastruktur als auch konsumtive Ausgaben Wachstum. Die entscheidende Frage ist aber: Wie viel Einfluss hat das Paket auf das BIP in den Folgejahren?
Weil der Großteil des Gelds bald verteilt sein wird?
MARTEN: Wir geben bereits im nächsten Jahr etwas weniger Geld aus. Vor allem aber ist die Regierung der Verlockung erlegen, einen Teil des Sondervermögens als Verschiebebahnhof zu nutzen. Gelder, die für zusätzliche Infrastrukturausgaben gedacht waren, sind in konsumtive Ausgaben geflossen. Wir haben das Schuldenpaket vergangenes Jahr als einen potenziellen Gamechanger für Deutschland bezeichnet. Auch Budgetdefizite von 3,5 oder 3,8 Prozent können wir stemmen. Es nützt nur alles nichts, wenn wir das Potenzial nicht effektiv nutzen. Dann haben wir im Worst-Case Szenario hinterher nur unwesentlich mehr Wachstum – und das bei höheren Schulden. Wenn das Defizit schon zulegt, sollte Deutschlands BIP auch wieder in Schwung kommen.
Bei der Verwendung der Mittel ist die Regierung unter ihren Möglichkeiten geblieben. Jetzt drohen durch den Irankrieg neue Ausgaben für Krisenkosten und steigende Inflation. Verpufft der große Wumms dann weitgehend?
MARTEN: Die Bundesregierung hat ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr auf 0,5 Prozent gesenkt. Wir halten nach wie vor 0,8 Prozent für möglich, sind also etwas optimistischer. Vor dem Krieg hatten wir aber eine Wachstumsprognose von 1,2 Prozent. Das war zu einem Großteil den zusätzlichen Ausgaben geschuldet. Hinzu kommt der berühmte Kalendereffekt mit drei Arbeitstagen mehr in diesem Jahr, was erstaunlich viel Wachstum generiert. Alles hängt nun davon ab, wie lange die Straße von Hormus geschlossen bleibt. Das weiß aber aktuell niemand, vermutlich auch nicht Präsident Trump.
Je länger die Krise dauert, desto lauter werden die Rufe nach Hilfe durch den Staat. Dessen Taschen sind aber leer und neue Schulden hat man nun zuhauf. Könnte das böse Erwachen erst noch kommen?
MARTEN: Die asiatischen Länder sind von dieser Krise viel härter betroffen als wir, weil sie beinahe ihr gesamtes Öl und Gas aus dem Mittleren Osten beziehen. Dort hat man ziemlich harte Maßnahmen ergriffen. Aber nicht um das Tanken billiger zu machen, wie in Deutschland, sondern um die Nachfrage zu senken. Da wird schlicht rationiert. Hierzulande hat die Regierung hingegen mit Geschenken an die Wähler reagiert – nach dem Prinzip Gießkanne. In der aktuellen Krise wären etwa Direktzahlungen an besonders betroffene Arbeitnehmer sinnvoller gewesen. Und ganz generell gilt: Es ist nicht immer die beste Lösung, Probleme grundsätzlich mit Geld beheben zu wollen. Aber ja, die Verlockung ist nun natürlich besonders groß, das Sondervermögen dafür einzusetzen, unseren Lebensstandard abzusichern. Langfristig hilft das unserem Standort aber nicht – Probleme werden so nur verschleppt.
Trotz der Energiekrise ist ein Ausverkauf an den Börsen ausgeblieben. Bleibt das so?
MARTEN: Ich halte die aktuellen Marktbewertungen für sehr optimistisch. Angesichts der Dramaturgie der Lage im Mittleren Osten ist es schwer nachvollziehbar, warum die Börsen so positiv gestimmt sind. Man kann das nur so interpretieren, dass der Markt davon ausgeht, dass die Krise schnell vorbei und die wirtschaftlichen Auswirkungen nicht so gravierend sein werden. Der Dax ist bereits wieder in der Nähe unserer Jahresendprognose angelangt, weil der Markt so extrem gelaufen ist. In unserer Prognose sehen wir ganz klar die Gefahr kurzfristiger deutlicher Rücksetzer. Zum Jahresende erwarten wir den deutschen Leitindex bei 25.000 Zählern. Extrem viel Luft nach oben gibt es aus unserer Sicht derzeit nicht.
Die Regierung hat bisher noch keine Reformbaustelle ganz geschlossen, dafür eine Reihe von Kommissionen eingesetzt. Womit würden Sie beginnen?
MARTEN: Was die Kommissionen gesagt haben oder sagen werden, wussten wir alle schon vorher. Ich glaube dennoch, dass die Regierung die Stimmung, die ja noch einmal deutlich schlechter geworden ist, drehen könnte. Sie müsste einmal entschlossen sagen: Das machen wir jetzt. Es ist schwierig, die dringend notwendigen Reformen zu priorisieren, es gibt einfach so viele. Aber wenn man ein Signal setzen möchte, gerade in Richtung der Unternehmer, würde man sicher mit einem radikalen Abbau von Bürokratie die größte Reichweite erzielen. Daran hängt so vieles: Man würde gerne expandieren, bekommt aber keine Baumgenehmigung, man würde gerne dies oder jenes tun, verliert sich jedoch im bürokratischen Kleinkrieg.
Zur Person: Sonja Marten ist seit Januar 2026 Chefvolkswirtin der DZ-Bank. Die 52-Jährige verantwortet die makroökonomischen und Kapitalmarktprognosen des genossenschaftlichen Zentralinstituts. Zuvor war die studierte Volkswirtin unter anderem bei der heutigen BNP Paribas und der Dresdner Bank in Frankfurt am Main und London tätig.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren