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Interview

17.10.2016

Auch Thailand ist inzwischen Zika-Gebiet

Ein an Mikrozephalie erkrankter Säugling in Rio.
Bild: Antonio Lacerda, epa/dpa (Archiv)

Zika im Urlaubsparadies: In Thailand wird das Virus bei Babys mit Schädelfehlbildungen nachgewiesen. Auf den Malediven stecken sich Deutsche an. Was Reisende wissen sollten.

Das Zika-Virus erreicht immer mehr beliebte Reiseziele deutscher Urlauber. Zum ersten Mal ist in Südostasien bei Babys mit den für Mikrozephalie typischen Schädelfehlbildungen der Krankheitserreger nachgewiesen worden. Experten in Thailand gehen davon aus, dass das Virus Auslöser ist. Auf den Malediven infizierten sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO auch Deutsche und brachten das Virus bei ihrer Rückkehr mit in die Heimat.

Wie bewerten Experten die Ausbreitung des Virus? Und was sollten Reisende beachten? Wir haben darüber mit Kristina Huber, Ambulanzärztin an der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin der Medizinischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München, gesprochen.

Frau Huber, auf einer Skala von 1 bis 10: Wie gefährlich ist Zika?

Kristina Huber: Das Potenzial des Virus ist letztendlich noch nicht ganz bekannt. Wir wissen, dass die Übertragung hauptsächlich, aber nicht nur durch die Überträgermücken der Gattung Aedes, sondern auch sexuell und über Blutprodukte stattfinden kann. Es gibt Fallbeschreibungen von sexueller Übertragung, Übertragung via Tränenflüssigkeit und nach Transfusion von Blutplättchen. Wir wissen, dass die Viren relativ lange im Vollblut, Urin und noch deutlich länger in der Samenflüssigkeit nachweisbar sind. Um die Gefährlichkeit von Zika einschätzen zu können, ist das letztendlich aber zu wenig.

Seit rund einem Jahr ist Zika in den Nachrichten. Eine Hochrechnung der WHO von Mitte September geht von 1,5 Millionen Menschen aus, die inzwischen weltweit infiziert sind. Woher kam das Virus so plötzlich?

Huber: Das Zika-Virus ist bekannt seit 1947. Da wurde es im Rahmen einer Gelbfieberstudie in Uganda entdeckt. Weil es bei Erwachsenen einen relativ harmlosen Verlauf nimmt - im Prinzip sind die Menschen circa fünf Tage krank - hat man ihm nicht so viel Aufmerksamkeit gewidmet. Mittlerweile weiß man, dass es zwei Stämme des Zikavirus gibt, einen afrikanischen und einen asiatischen. Der aktuelle Outbreak wird durch den asiatischen Stamm verursacht. Die ersten Fälle gab es 2007 in Mikronesien. Das Virus hat sich über Süd-Polynesien ausgebreitet, ehe es 2015 in Brasilien ankam. Alleine dort sind inzwischen schon 1,3 Millionen Fälle bekannt.

Aktuelle Verbreitung des Zika-Virus (Stand: Oktober 2016)
Bild: European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC)

Inzwischen werden auch immer mehr Fälle aus den USA, der Karibik und Asien gemeldet. Wann kommt das Virus nach Europa oder gar nach Deutschland?

Huber: Die Gefahr gibt es tatsächlich. In der Gegend um Heidelberg und im Rheinland sind Tigermücken heimisch, die das Virus weitergeben können. Das Robert-Koch-Institut rät explizit dazu, dass sich infizierte Menschen dort extrem vor Mücken schützen sollten. Denn wenn die Mücken erst infiziert sind, wird es richtig schwierig und gefährlich für uns. Dann kann es natürlich auch hier zu einem Ausbruch kommen. Auch in Italien oder anderen wärmeren Regionen in Europa ist das natürlich durchaus möglich. Dort gibt es die Mücken auch.

Wie wahrscheinlich ist ein Ausbruch hierzulande?

Huber: Das ist abhängig davon, wie viele erkrankte Menschen sich in der Region aufhalten und wie viele "kompetente" Mücken es dort gibt. Jetzt im Winter habe ich da keine große Sorge. In einem heißen Sommer ist die Gefahr natürlich größer. Nicht zu vergessen, dass es auch die sexuelle Übertragung gibt.

Für den Laien klingt das jetzt alles nicht sehr beruhigend.

Huber: Nein, ist es auch nicht. Wir wollen die Leute daher wachrütteln, vor allem was ihre Reisetätigkeit angeht. Insbesondere dann, wenn zeitnah ein Kinderwunsch besteht. Wir wissen mittlerweile alle von den möglichen neurologischen Schädigungen der Ungeborenen, wenn die Mutter während der Schwangerschaft mit dem Zika-Virus infiziert wurde. Wie die WHO, die US-Gesundheitsbehörde CDC und das RKI warnen wir eindringlich davor, in Zika-Gebiete zu reisen, wenn eine Schwangerschaft geplant ist.

In welchem Zeitraum bleibt das Virus im Körper denn gefährlich? Beziehungsweise: Wie lange nach einer Reise sollte man warten, bis man die Familienplanung angeht?

Huber: Es wird empfohlen, nach einem Aufenthalt in einem Zika-Gebiet für sechs Monate mit Kondom zu verhüten. Nun ist es jedoch so - und diese Tatsache macht die ganze Sache noch schwieriger - dass bis zu 60 Prozent der Infektionen ohne Symptome verlaufen. Und über diese Fälle wissen wir bisher sehr wenig, etwa ob auch sie das Virus weitergeben können. Leute, die keine Beschwerden haben, melden sich in der Regel eben nicht beim Arzt. Viele Patienten wünschen sich daher Labortests, mit denen man feststellen kann, ob man womöglich infiziert ist. Leider geben auch die bisherigen Testmöglichkeiten keine 100-prozentige Sicherheit.

Welche Symptome treten denn bei einer Zika-Infektion auf?

Huber: Häufig haben die Menschen juckende oder gerötete Augen. Auch ein juckender Ausschlag kann auftreten, zudem leichtes Fieber über drei bis maximal fünf Tage. Muskel und Gliederschmerzen, vereinbar mit einer grippalen Symptomatik. Im Labor kann man eine Veränderung der Leberwerte nachweisen, auch der Wert von weißen Blutkörperchen und Blutplättchen kann abfallen. Das alles ist aber in der Regel für Erwachsene nicht lebensgefährlich.

Ist ein Impfstoff in Sicht?

Huber: In naher Zukunft wohl nicht. Aber es gibt natürlich Pläne. Wenn sich das Virus weiter ausbreitet, würde es Sinn machen, dass in den betroffenen Ländern die Menschen geimpft werden. Aber da ist noch nichts in der Pipeline.

Das Thema wird uns also noch länger erhalten bleiben?

Huber: Ich rechne schon damit, dass gerade wir in der Reisemedizin länger mit dem Thema zu tun haben. Deswegen ist es auch wichtig, über das Virus zu informieren. Dass den Leuten klar ist, dass zum Beispiel auch Thailand inzwischen Zika-Gebiet ist. Und somit gleiche Vorsichtsmaßmahmen wie für Südamerika gelten sollten.

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