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China

27.11.2018

Genversuche an chinesischen Zwillingen sorgen für Empörung

Ein Embryo erhält eine kleine Dosis Cas9-Protein und PCSK9 sgRNA in einem Spermieninjektionsmikroskop.
Bild: Mark Schiefelbein, dpa (Archiv)

Ein chinesischer Forscher hat das Genom von Zwillingen manipuliert - ohne klaren medizinischen Grund und das Wissen seiner Hochschule. Forscher sind empört.

Die Zwillinge Lulu und Nana könnten in die Geschichtsbücher eingehen: Dass die Verkündung einer Geburt unter Forschern und Laien für Empörung sorgt, ist wohl noch nicht vorgekommen. Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, spricht sogar von einem "Super-GAU". Und die Vorsitzende des Europäischen Ethikrates (EGE), Christiane Woopen, fordert ein Eingreifen der internationalen Gemeinschaft.

Der Verursacher, He Jiankui von der Southern University of Science and Technology in Shenzhen, spricht dagegen von einer frohen Botschaft. "Zwei wunderschöne kleine chinesische Mädchen namens Lulu und Nana kamen vor einigen Wochen weinend und so gesund wie jedes andere Baby zur Welt", verkündete er auf der Internet-Plattform YouTube.

Der chinesische Forscher habe nach eigenen Angaben bei einer künstlichen Befruchtung die Genome der Zwillinge manipuliert. Mit der Genschere Crispr/Cas9 inaktivierte er in den Embryonen das Gen für den Zellrezeptor CCR5. Der ist das wichtigste, aber nicht das einzige Einfallstor für das HI-Virus in Zellen des Körpers. Der Eingriff solle die Kinder später vor einer möglichen Infektion mit dem Aids-Erreger schützen, argumentiert He auf YouTube. Der Forscher besitzt Patente auf das Verfahren und ein Gentechnik-Unternehmen.

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Genversuche in China mit Hilfe von Crispr/Cas9

Die Genschere Crispr/Cas9 wird seit 2012 eingesetzt und hat Forschungslabore weltweit im Sturm erobert. Mit Crispr/Cas9 ist es Forschern möglich Erbgut relativ zielgenau zu durchtrennen und bestimmte Gene zu inaktivieren. So verändern sie inzwischen Genome von Mikroorganismen und Pflanzen - und im Rahmen von Gentherapien auch von Menschen. Der therapeutische Einsatz an Spermien, Eizellen und Embryonen steht allerdings auf dem Index - vor allem weil unklar ist, welche Effekte die Technik an anderen Stellen des Erbguts hat. In China ist die Genom-Editierung von Keimzellen an Menschen jedoch nicht verboten.

"Die Genomeditierung mit Crispr/Cas9 ist zwar einfach, aber nicht sehr präzise, das System macht Fehler", sagt Joachim Hauber vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg. Somit köne man nicht ausschließen, dass die Genschere auch an anderen Stellen ins Genom eingreife. Zudem könne die Zelle beim Verbinden der abgeschnittenen DNA-Enden Fehler machen. Diese Probleme können sich erst nach Jahren zeigen. "Die beiden Kinder können diese Veränderungen an ihre Nachkommen weitergeben", mahnt Hauber. "Ein solches Vorgehen verurteile ich aufs Schärfste."

Der von He angeführte Nutzen eines Teilschutzes vor HIV  sei äußerst fragwürdig. "Die Inaktivierung des CCR5-Rezeptors hat eine Feigenblatt-Funktion", sagt Hauber. "Das bringt den Kindern keinen Vorteil." Stattdessen drohen sogar Nachteile: Studien deuten darauf hin, dass etwa eine West-Nil-Virus-Infektion bei Menschen ohne CCR5-Rezeptor deutlich schwerer verläuft.

He behandelte nach eigenen Angaben sieben Ehepaare mit unerfülltem Kinderwunsch. Dabei manipulierte er mit der Genschere Crispr/Cas9 insgesamt 16 Embryonen, 11 davon wurden sechs Frauen eingepflanzt. Letztlich gab es - nach bisheriger Kenntnis - eine Geburt. Allerdings sind wohl nur bei einem der Kinder beide Genkopien für den CCR5-Rezeptor inaktiviert.

Kritiker halten Genversuche für verrückt

Vieles ist sonderbar an seinem Vorgehen - sofern es überhaupt stimmt. Etwa, dass er die Nachricht nicht in einem Fachjournal oder auf einem Kongress vorstellt, sondern per Internet der Welt verkündet. Oder auch, dass er seiner Universität die Genversuche offenbar verheimlicht hat. Die Hochschule äußerte sich "zutiefst schockiert" und distanzierte sich von He.

Der Erlanger Theologe Dabrock spricht von einem "schamlosen, unverantwortlichen Humanexperiment". Die Kölner Ethikerin Woopen sieht darin die Verletzung der Menschenrechte. Die Fachwelt reagiert ebenfalls fassungslos: "Direkte Versuche am Menschen können nur als verrückt beschrieben werden", schreiben 122 chinesische Forscher. "Die Büchse der Pandora wurde geöffnet, und wir haben möglicherweise eine Chance, sie zu schließen, bevor der Schaden irreparabel ist."

Auch zwei der drei Crispr/Cas9-Entdecker kritisieren He scharf. Jennifer Doudna von der University of California in Berkeley sieht eine dringende Notwendigkeit, den Einsatz bei Embryonen zu beschränken. Feng Zhang vom Massachusetts Institute of Technology fordert sogar ein Moratorium für das Einpflanzen genomeditierter Embryonen, weil der mögliche Nutzen die Risiken bei weitem nicht rechtfertige.

Dass He die Geburt der Mädchen ausgerechnet jetzt verkündet hat, scheint kein Zufall zu sein: Heute beginnt in Hongkong ein Genomforscher-Kongress, zu dem unter anderem Doudna und Zhang erwartet werden. Aber auch der umstrittene Forscher He Jiankui wird dort am Mittwoch einen Vortrag halten. Die Aufmerksamkeit der Welt ist ihm gewiss. (dpa)

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